Wernigerode l 400 DDR-Mark und damit sein erstes Gehalt sind komplett für Jazzplatten drauf gegangen: Wen überrascht das wirklich? Friedmar Quast, Chef des Jazzclubs Wernigerode, erhält in einer feierlichen Sondersitzung des Stadtrates den Kulturpreis der Stadt – und das im 20. Jahr seit der Gründung des Jazzclubs. „Ich war wirklich überrascht, als ich von dem Preis erfahren habe. Es ist eine echte Würdigung“, sagt er. Schon häufig habe Friedmar Quast sich insgeheim gedacht, dass seine Arbeit in der regionalen Musikszene kulturpreisverdächtig sei. „Aber mit Jazz? Damit habe ich nicht gerechnet. Ich dachte, ich muss erst 70 werden.“ Das musikalische Begleitprogramm für die Verleihung durfte er sich selbst aussuchen. Und so ist es kein Zufall, dass als erstes Stück Bachs „Air“ erklingt.

Der gebürtige Dresdner hat seit1956 als sechstes Kind eines Freikirchenpastors die Kirchenmusik wie Muttermilch aufgesogen. „Bei uns zuhause wurde viel musiziert“, erinnert er sich im Gespräch mit der Volksstimme. „Meine Eltern waren sich nur nicht sicher, ob ich auch so musikalisch wie meine Geschwister bin“, gesteht er lachend.

Musikalität

Zwei Klaviere standen in der Magdeburger Wohnung, damit auch alle Kinder üben konnten. Als er ein halbes Jahr alt war, zog die Familie in die heutige Landeshauptstadt, wo sein Vater eine neue Stelle antrat. Der junge Friedmar besuchte die Domchor-Vorschule mit acht Jahren, trat mit 14 Jahren in den Domchor ein, entdeckte dann allerdings als Jugendlicher Rock- und Popmusik für sich.

Bilder

Gerade volljährig organisierte er bereits die Jazzdisco des Kulturbunds in Magdeburg. „Wir waren alternativ, zu uns kamen die Leute in Jeans und mit den längsten Haaren. Es war eine verrückte und wilde Zeit“, blickt er zurück. „Wir hatten bei der Musikauswahl freie Hand.“

Studienwunsch

Damals sei Magdeburg der Dreh- und Angelpunkt der Szene gewesen. „Alles, was Rang und Namen hatte, kam nach Magdeburg, von Veronika Fischer mit Pantha Rei über Angelika Mann und die heutigen Jazz-Urgesteine wie Uli Gumpert, Baby Sommer und Conny Bauer“ – die übrigens später auch bei ihm in Wernigerode in der Remise zu Gast waren. „Oder Klaus Lenz mit seiner All-Star-Band, bekanntester Jazztrompeter der DDR. Die füllten die Stadthalle in Magdeburg schon mal mit 2000 Leuten.“

Wenig verwunderlich, dass er auch Musik studieren wollte. „Ich habe mich zweimal beworben, einmal in Leipzig und einmal in Weimar – und es hat beide Male nicht geklappt“, sagt er.

Also habe er sich für das entschieden, das ihm noch mehr lag: organisieren. „Ich bin musikalisch, aber ich habe damals schon festgestellt, dass ich ein richtig guter Veranstalter bin. Es war immer mein Faible, zu organisieren.“ Nach einem Fernstudium in Verwaltungswissenschaften zog Friedmar Quast 1979 nach Wernigerode. Ausschlaggebend sei für ihn vor allem die Nähe zum Kloster Michaelstein gewesen, wo die dortigen Chansontage als wegweisend für die alternative Musikszene in der DDR galten.

Erinnerungen

Auch er selbst sei als Chansonnier mit der Gitarre durch die Gegend gezogen, erinnert er sich. „Ich sang Lieder von Klaus Hoffmann und Jacques Brel.“ Später spielte er in der Liedersession, unter anderem mit Rainer Hochmuth und Wolf-Dieter Skibba. In Wernigerode organisierte er innerhalb des Kulturbunds in der Kulturboutique in der Forckestraße verschiedene Themenabende.

Nicht nur die Musik, auch die Politik begleiteten ihn sein Leben lang. Immerhin ist Quast länger CDU-Mitglied als mit seiner Frau Christine verheiratet. „Als ich 20 war, bin ich in die CDU eingetreten“, erinnert er sich. Er arbeitete unter anderem als Kreisgeschäftsführer, war Stadtverordneter der ersten Legislaturperiode nach der Wende und sogar der erste frei gewählte Stadtratspräsident von Wernigerode. Er sei nach wie vor ein politischer Mensch, aber nicht mehr an Ämtern interessiert. Seit 1991 arbeitet er in der Landesverwaltung.

Glückwunsch von Angela Merkel

Das Schreiben von Angela Merkel zur 40-jährigen Mitgliedschaft hat er vor drei Jahren erhalten. „Mit meiner Frau feiere ich Ende Juni den 40. Hochzeitstag.“ Sie sei neben seinen Töchtern die große Stütze bei der Organisation der Jazzclub-Konzerte – weil sie ihm die dazu notwendigen Freiheiten lässt. Immerhin sind es zwischen 12 und 14 Veranstaltungen pro Jahr. Seine beiden Töchtern scheinen sein Organisationstalent geerbt zu haben und sind selbst beruflich in diesem Feld unterwegs.

Wie kam er zu seiner zweiten großen Liebe, dem Jazzclub? Dem Club, der von Erwin Harz, Matthias Weise, Dirk Michelmann, Anneli Richter und Ulrich Baxmann gegründet worden war, sei er von Beginn an treu verbunden. Fünf Jahre lang, seit 1999 bestand der Jazzclub als eigenständiger Verein. 2004 wurde der Jazzclub Sektion im Kunst- und Kulturverein und Friedmar Quast auf Bitten Erwin Harz‘ dessen Chef.

Höhepunkte

Dort schätze er die Freiheit „alles aus einer Hand zu gestalten“ – vom Sound, über Flyer, Plakate bis hin zur Akquise der Künstler. „Neben meinem Beruf ist es immer das gewesen, worin ich Erfüllung gefunden habe. Das Feedback des Publikums und der persönliche Kontakt zu den Musikern sind ein großes Glück für mich.“ Die Zusammenarbeit mit Künstlern wie Cristin Claas, Thomas Fellow, Stephan Bormann und vielen anderen Musikern, die Friedmar Quast mittlerweile als große Familie empfindet, sei von einer großen Verlässlichkeit, „einem Geben und Nehmen“ geprägt.

Fragt man ihn nach Höhepunkten in 20 Jahren Jazzclub, muss er lange überlegen. „Manches war für mich Highlight, aber für das Publikum nicht“, sagt er und lacht. „Und vieles empfinde ich rückblickend über die Jahre anders.“ Zweifelsohne sei das Konzert mit der Jazzrausch Bigband am 26. Januar eine Besonderheit. „Viele hatten zunächst Scheu vor dem Abend, haben aber im Nachhinein noch lange davon geschwärmt.“

Auch Konzerte wie mit dem Jazzpianisten Michael Wollny seien ihm im Gedächtnis geblieben. „Kurz nach seinem Abend in Wernigerode ist er international durchgestartet. Ihn könnten wir nicht mehr für das Jazzclub-Programm gewinnen. Aber ich hatte ihn hier.“