Wernigerode l Leere Schaufenster, verlassene Verkaufsflächen – allein bis zum Jahresende 2018 schließen acht Geschäfte in Wernigerodes Burgstraße. Woran das liegt? Durch die Seitenstraße der Breiten Straße flanieren einfach zu wenige potenzielle Kunden, sind sich viele Einzelhändler einig. „Die Touristen orientieren sich fast ausschließlich an der Hauptmeile Breite Straße“, sagt Freddy Eckstein. Der Wernigeröder betreibt seit 22 Jahren sein Bekleidungsgeschäft Streetmaster in der Burgstraße.

„Wir haben hier zwar nur eine 1-B-Lage, aber kennen aufgrund langjähriger Erfahrung an diesem Standort unsere Chancen und Möglichkeiten.“ Das sei ein Problem für viele Neueinsteiger, deren Erwartungen sich in der Seitenstraße nicht erfüllen. „Geschäfte, die kleiner sind als 50 Quadratmeter, haben es schwer – vor allem gegen den Konkurrenzdruck aus dem Internet“, erläutert Eckstein. Sie könnten einfach kein ausreichend breites Sortiment anbieten, um größere Zielgruppen anzuziehen.

Ladenflächen zu klein

Das begrenzte Platzangebot sei ein Grund gewesen, nach einem neuen Standort zu suchen, pflichtet ihm Dietmar Hanisch bei. Der Sportwarenhändler ist Ende August nach mehr als 30 Jahren in der Burgstraße in einen Neubau an der Breiten Straße gezogen. „Wir hatten uns immer wieder vergrößert, bis wir an die Grenzen des Gebäudes gestoßen sind“, sagt Hanisch. Er habe die Burgstraße verlassen „aus Angst, dass wir dort nicht mehr die Umsätze erzielen, um unser Personal halten zu können.“

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Jetzt, auf rund 700 Quadratmetern Verkaufsfläche in der Breiten Straßen 65 statt zuvor 300, habe der Intersport-Händler die Möglichkeit, seinen Kunden die Waren „ansprechender zu präsentieren“. Diese hätten auch das Angebot am alten Standort gelobt, aber immer wieder die Erreichbarkeit bemängelt.

„Es fehlen Parkplätze in direkter Umgebung“, stimmt ihm Ralf Möbius zu. Wie der Chef des gleichnamigen Schreibwarenladens erläutert, sei die Verkehrssituation für die schwierige Lage vieler Einzelhändler am Rande von Wernigerodes Innenstadt mit verantwortlich. „Dabei handelt es sich allerdings nur um ein Problem von vielen in unserem Umfeld.“

Diese träfen allerdings ebenso Händler in der Western- oder Marktstraße, so Möbius. Aufgeben wolle er aber nicht. Neuansiedlungen wie der Herrenfriseur und Barbier neben seinem Geschäft zeigten, dass es Hoffnung gebe.

Hoffen auf Kulturkirche

Die setzen viele seiner Kollegen auch in den Umbau der Liebfrauenkirche zum Konzertsaal. „Die Kulturkirche kann ein echter Magnet werden, viele Zuhörer werden vor oder nach dem Konzertbesuch am Abend noch durch die Straße bummeln – da gilt es, mit einem attraktiven Schaufenster zu überzeugen“, sagt Eckstein.

Eine Chance für das Burgstraßen-Viertel verspricht auch Rainer Schulze, Kopf hinter dem Millionen-Projekt. „Durch den Leerstand können sich neue Geschäfte gezielt auf die Konzertkirche ausrichten“, erläutert der Chef der Kulturstiftung. So könnten sich rund um den Liebfrauenkirchhof Gastronomen und Souvenirhändler ansiedeln, um vom Konzertpublikum zu profitieren.

„Die Burgstraße liegt mitten zwischen zwei Touristenmagneten, auf dem Weg vom Markt zum Schloss – dieses Potenzial könnte man mit einer interessanteren Gestaltung besser nutzen“, schlägt dagegen Nadine Ollesch vor. Sie schließt Ende Oktober ihre Kindermoden-Boutique nach sieben Jahren. „Aber nicht, weil es nicht lief, sondern weil ich einen Neustart in einem ganz anderen Beruf wagen möchte“, sagt die Wahl-Wernigeröderin.