Wernigerode l Was wird aus der Francke-Schule? Die Weichen für die Zukunft der Grundschule sollen am Donnerstag gestellt werden. Dann entscheiden Wernigerodes Stadträte, ob saniert oder neu gebaut werden soll. Einigkeit herrscht darüber, dass die Arbeits- und Lernbedingungen in dem in die Jahre gekommenen Gebäude der DDR-Baureihe „Erfurt“ besser werden müssen. Auch dass mit der Gebäude - und Wohnungsbaugesellschaft (GWW) ein städtisches Tochterunternehmen Schule und Grundstück übernehmen und das Bauprojekt für die Stadt stemmen soll, scheint nicht mehr wirklich in Frage gestellt zu werden. Nur über das Wie herrschte bislang noch Diskussionsbedarf.

Für die Sanierung des Gebäudes plus vorübergehender Containerlösung fallen 8,5 Millionen Euro an. Die Kosten für einen Neubau würden zwischen 14 und 16 Millionen Euro liegen - so die erste Kalkulation der GWW. Kein Wunder, dass die Stadt angesichts der großen Spanne zwischen den beiden Summen bislang eine Sanierung bevorzugte. „Schließlich geht es um viele Millionen“, so Sozialdezernent Rüdiger Dorff. Jetzt, kurz vor der Entscheidung im Stadtrat, legt die GWW aber neue Zahlen auf den Tisch. Und plötzlich sieht alles ganz anders aus.

Zweite Meinung

Er habe eine zweite Meinung eingeholt, so Christian Zeigermann, der seit zwei Monaten Chef des Wohnungsunternehmens ist. „Das war mir wichtig, um eine Lösung vorschlagen zu können, mit der ich in die Realisierung gehen kann. Ich möchte keine Luftschlösser bauen.“ Außerdem habe er Kontakt zur Schule aufgenommen, um sich ein Bild über das Schulkonzept und den Bedarf zu verschaffen. Das alte Schulgebäude, 1978 als Polytechnische Oberschule für zehn Klassenstufen gebaut, wird heute als Grundschule - also für vier Klassenstufen – genutzt. 205 Mädchen und Jungen gehen aktuell in die Francke-Schule. Davon besuchen 185 Kinder den Hort. Das heißt: Das vorhandene Schulgebäude mit etwa 5000 Quadratmetern Fläche ist eigentlich viel zu groß.

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In der Sitzung des Hauptausschusses präsentierte Christian Zeigermann vier Varianten für einen Neubau – von der Minimalvariante mit acht Klassenzimmern für 240 Schüler bis zur Maximalvariante mit zwölf Klassenzimmern für 360 Schüler.

Favorisiert wird von der GWW laut Zeigermann aber ein Kompromiss, der zwischen Minimum und Maximum liegt:

- zehn Klassenzimmer mit 50 beziehungsweise 60 m2
- Kapazität: 280 Schüler
- Fachräume mit 622 m2 Fläche
- dazu ausreichend Platz für Aula, Hort - 560 m2, Verwaltung, Gemeinschaftsflächen, Wirtschaftsflächen, WC und Technik
- insgesamt 3803 m2 Fläche

Die Gesamtkosten für den Kompromiss-Neubau, der auf dem Gelände des alten Sportplatzes entstehen soll, gibt Zeigermann mit 10,4 Millionen Euro an. Der Abriss der alten Schule, die Erschließung und die Ausstattung der Schule sind dabei schon eingerechnet.

Baustart Ende 2020

Auch eine Zeitschiene für die Arbeiten legte der GWW-Chef bereits vor. Das Okay des Aufsichtsrats vorausgesetzt, könnte bereits im Frühjahr mit den Entwurfs- und Genehmigungsplanungen begonnen werden.

Nach Eingang der Baugenehmigung könnten die Arbeiten im Spätsommer/Herbst ausgeschrieben werden. Der Baustart wird für Ende 2020 angegeben. „Frühestens zum Ende der Sommerferien 2022 könnte die Schule fertig sein“, so Zeigermann. „Das ist das Schnellste.“ Was dann noch folge, sei der Abriss des alten Schulgebäudes und die Gestaltung der Außenflächen.

Mit der Möglichkeit der Sanierung hat sich die GWW ebenfalls noch einmal intensiv auseinandergesetzt. Bei den ursprünglich veranschlagten 8,5 Millionen Euro werde es nicht bleiben, so Zeigermann. Laut der Risikoeinschätzung des Wohnungsunternehmens kommen knapp 1,2 Millionen Euro drauf – unter anderem für eine notwendige Verschattung an den Fenstern, einer Lüftungsanlage und Brandschutzvorkehrungen.

Auch nach einer Sanierung werde die Schule zusätzlich Geld kosten. Wegen der großen Oberfläche der Fassade seien große Wärmeverluste und dadurch höhere Energiekosten zu erwarten. Laut Christian Zeigermann wird mit etwa einer Million Euro über 30 Jahre gerechnet. Über diesen Zeitraum würden zudem etwa 240.000 Euro an zusätzlichen Reinigungskosten anfallen - wegen der größeren Grundfläche der alten Schule.

Zusätzliche Kosten

Ebenfalls gegen eine Sanierung spreche die eingeschränkte Barrierefreiheit und die vorhandene Mittelwand in der Aula, die sich nur mit erheblichen zusätzlichen Kosten entfernen lasse.

Am Ende der GWW-Rechnung stehen sich also 10,4 Millionen Euro für einen Neubau und 9,4 Millionen für eine Sanierung zuzüglich der Mehrausgaben für Energie und Reinigung gegenüber. „Die GWW empfiehlt einen Neubau“, so Christian Zeigermann.

Die Mitglieder des Hauptausschusses konnten den Argumenten des GWW-Chefs folgen und sprachen sich mehrheitlich für einen Neubau aus. Auch Oberbürgermeister Peter Gaffert (parteilos), zugleich Aufsichtsratschef der GWW, zeigte sich nicht abgeneigt. Er lobte die „Zeigermannsche Kompromissvariante“ als „sehr guten Vorschlag“. Spannend wird es am Donnerstag, 27. Februar, ab 17.30 Uhr in der Sitzung des Stadtrats, in der die endgültige Entscheidung fallen soll.

Die Bemühungen um die Modernisierung der Francke-Schule seien eine „nahezu unendliche Geschichte“, so OB Gaffert rückblickend. Die Stadt hatte die Grundschule vor Jahren für eine Sanierung im Rahmen des Förderprogramms „Stark III“ angemeldet. Nach einer Absage vom Land wurde ein neuer Antrag gestellt. Diesen hatte die Stadt Anfang 2017 selbst zurückgezogen – auch, um angesichts der knappen Haushaltskasse den Eigenanteil von 1,3 Millionen Euro zu sparen. Die Förderung sei an eine energetische Sanierung gebunden gewesen, hieß es damals. Die allgemeine Sanierung wäre nur mit einen sehr geringen Prozentsatz gefördert worden.

Miete wird verhandelt

Mit dem Verkauf der Schule an die GWW spart sich die Stadt die Investitionskosten, muss sich aber fortan einmieten. Die Höhe der Mietkosten hänge von den noch zu verhandelnden Mietvertragsbedingungen ab, informiert Sozialdezernent Rüdiger Dorff auf Nachfrage. Im Falle der 8,5-Millionen-Sanierung hatte die Verwaltung mit etwa 500 000 Euro pro Jahr gerechnet. „Wir kalkulieren mit etwa 50 000 Euro mehr im Jahr pro eine Million Euro Mehrinvestitionskosten“, so Dorff. Kommentar