Langelsheim/Goslar l Die Ermittler schlugen – wie üblich in solchen Fällen – im Morgengrauen zu und nutzten den Überraschungsmoment: Gegen 6.15 Uhr fuhren Beamte der Polizeiinspektion Goslar sowie Kollegen der Bereitschaftspolizei aus Braunschweig vor einem Senioren- und Pflegeheim im Langelsheimer Ortsteil Wolfshagen und zeitgleich vor den Privatwohnungen des Betreiber-Ehepaares sowie der Heimleiterin vor. Im Gepäck hatten sie nicht nur umfangreiches technischer Equipment, sondern auch Durchsuchungsbeschlüsse des Amtsgerichts Braunschweig sowie Haftbefehle gegen die drei Personen.

Wurden mit Medikamenten Bewohner ruhiggestell

Wenig später ging es für den 54 Jahre alten Betreiber des Heims, dessen 58-jährige Frau sowie die 46 Jahre alte Leiterin des Seniorenzentrums in Untersuchungshaft. Die Vorwürfe, wegen denen die Braunschweiger Staatsanwaltschaft nach Angaben von Sprecher Sascha Rüegg gegen das Trio ermittelt, wiegen schwer: Betrug in besonders schwerem Fall, gefährliche und schwere Körperverletzung sowie Misshandlung von Schutzbefohlenen. Die Haftbefehle seien aufgrund von Verdunkelungsgefahr ergangen, so Rüegg.

Mit weiteren Details hielt sich der Behördensprecher mit Blick auf die laufenden Ermittlungen zurück. Nach Informationen der Volksstimme soll es im Kern um Betrug bei den auf Pflegeeinstufungen basierenden Abrechnungen und in diesem Zusammenhang um besagte Körperverletzungen gehen.

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Wobei das, was bislang durchgesickert ist, sprichwörtlich sprachlos macht: Die Verantwortlichen sollen Bewohner gezielt mit Medikamenten ruhiggestellt haben, um so bei der Begutachtung zur Einstufung nach Pflegegraden höhere Einstufungen und damit mehr Zahlungen seitens der Pflegekasse zu erzielen. Um diesen Verdacht nachzugehen, sollen gestern vor Ort auch Blutabnahmen bei Bewohnern erfolgt sein, um so die missbräuchliche Medikation nachzuweisen.

Staatsanwalt Rüegg wollte sich am gestrigen Montag zu diesen Informationen nicht äußern. Sollte sich der Vorwurf der unnötigen und zielgerichteten Medikation so bestätigen, dürften die Vorwürfe von Körperverletzungen und Betrug belegt sein.

Die großangelegte Polizeirazzia sorgte im Morgengrauen für einiges Aufsehen in der rund 2200 Einwohner zählenden Gemeinde Wolfshagen. Auch weil der Goslarer Polizeisprecher Reiner Siemers zeitgleich mit dem Start der drei Razzien per Pressemitteilung über die Polizeiaktion und damit verbundene Behinderungen und Verkehrsbeeinträchtigungen informierte. Was damit gemeint war, wurde vor Ort klar: Die Beamten rückten mit drei Containern mit Büroausstattung an. „Wir nutzen die Technik, um gleich vor Ort schriftliche Unterlagen zu sichten und Kopien zu ziehen“, so der Kriminalhauptkommissar.

Dass die Ermittler nicht – wie sonst bei Durchsuchungen üblich – im großen Stil Akten beschlagnahmen und zur Sichtung und Auswertung mitnahmen, hatte ganz offensichtlich einen einfachen Grund.

Der Betrieb im Seniorenzentrum, in dem laut Kreisverwaltung Goslar zwischen 60 und 70 Senioren leben, sollte trotz Razzia möglichst ohne Beeinträchtigungen weiterlaufen. Das war laut Behördensprecher Thorsten Kuszynski oberstes Ziel.

Deshalb waren neben den Polizeibeamten vorsorglich auch Mitarbeiter des örtlichen Rettungsdienstes vor Ort, um bei Bedarf sofort medizinisch eingreifen zu können. Zudem habe die Kreisverwaltung einen 29-köpfigen Sonderstab eingesetzt, um einen reibungslosen Weiterbetrieb des Heimes zu gewährleisten, so Thorsten Kuszynski weiter.

Ermittlungen nach Anzeige von Heimaufsicht

Die erste Kreisrätin, Regine Breyther, betonte als Stellvertreterin des Landrates, dass das Wohl der Senioren oberste Priorität habe: „Wir werden alles dafür tun, um den Betrieb des Heimes sicherzustellen und dafür Sorge zu tragen, dass es den Bewohnerinnen und Bewohnern an nichts mangelt. Schließlich geht es für die dort lebenden Menschen um ihr Zuhause.“

Dem Vernehmen nach soll jetzt die stellvertretende Heimleitung vor Ort das Zepter übernehmen und – unterstützt vom Sonderstab der Kreisverwaltung – den Betrieb managen. Die Kreisverwaltung, konkret die Heimaufsicht, war es letztlich auch, die die jetzigen Ermittlungen Anfang dieses Jahres in Gang gesetzt hatte. Die Heimaufsicht des Landkreises Goslar habe zuvor Unregelmäßigkeiten beim Betrieb festgestellt und diese zur Anzeige gebracht, so Behördensprecher Kuszynski.

Mit Blick auf die Angehörigen der Bewohner hat die Kreisverwaltung Goslar ein Infotelefon unter der Rufnummer (0 53 21) 7 67 11 eingerichtet. Es soll auch in den kommenden Tagen geschaltet bleiben.

Wenngleich sich die Staatsanwaltschaft aktuell in vielen Punkten bedeckt hält, stehen nach Rüeggs Worten zum jetzigen Zeitpunkt allein die drei festgenommenen Vertreter der Heimspitze im Fokus der Ermittlungen.