Wernigerode l Kaum ein Projekt spaltet die Gemüter in Wernigerode so sehr wie der geplante Umbau der Liebfrauenkirche zum Konzertsaal. Nun wagt die Kulturstiftung mit Rainer Schulze an der Spitze einen neuen Anlauf.

Rückblende: Anfang Mai lehnte der Stadtrat den nötigen Zuschuss von einer Million Euro für das Projekt knapp ab. 18 Abgeordnete stimmten dafür, genauso viele dagegen. Durch das Patt blieb der privaten Stiftung die Finanzspritze verwehrt. Das Projekt stand auf der Kippe.

„Nach einer Schockstarre habe ich eine Welle der Ermunterung von Unterstützern und Spendern erhalten“, sagt Rainer Schulze im Volksstimme-Gespräch. Deshalb will der SPD-Stadtrat mit der Kulturkirche nun „in die Verlängerung gehen“.

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480.000 Euro Zuschuss von der Stadt

Sein Plan: Wernigerode soll nur noch 480.000 Euro zum Umbau des Kirchenschiffs zum Saal für mehr als 500 Zuhörer zuschießen. Ein entsprechender Antrag wird in der Stadtratssitzung am 30. August vorliegen. „Die Zweifel werden bei einigen wieder hochkochen. Aber ich glaube, die Fraktionen haben über den Sommer umgedacht“, gibt sich Schulze zuversichtlich.

Vor allem die Mitglieder der Linke-Fraktion sowie von Bündnis 90 /Die Grünen/Piraten und einige CDU-Stadträte gilt es zu überzeugen, die Zweifel am Kulturkirchen-Projekt und an der Finanzierung gehegt und gegen den städtischen Zuschuss gestimmt hatten. Ihre Ablehnung hatten sie mit möglicherweise ausufernden Bau- und Betriebskosten und weiteren Forderungen an die Stadt begründet. Zudem argumentierten sie, dass sich die Stadt besser auf Pflichtaufgaben wie die Sanierung von Schulen fokussieren solle und dass kein weiterer Konzertsaal benötigt werde.

Der Vorsitzende setzt nun darauf, dass das Engagement der Stiftung und vieler Helfer – wie dem Philharmonischen Kammerorchester und dem Wirtschaftsclub – überzeugt hat.

Gesamtkosten liegen bei 6,4 Millionen Euro

Schulzes Rechnung: „Über Steinpatenschaften für die Liebfrauenkirche und dank großzügiger Unterstützer haben wir inzwischen 320.000 Euro gesammelt“, erläutert der Chef der Kulturstiftung. Noch mehr Geld erhofft er sich durch eine Spenden-Aktion im sozialen Netzwerk Facebook, die in den nächsten Tagen starten soll. Weitere Unterstützung mit einem sechsstelligen Betrag habe die Ostdeutsche Sparkassenstiftung signalisiert, so Rainer Schulze.

An der Zusage vom Bundesland Sachsen-Anhalt, das Projekt mit vier Millionen Euro zu fördern, habe sich nichts geändert. Nur die Unterschrift in Brüssel für das Geld aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung fehle noch, berichtet der Buchhändler. Die Investitionsbank des Landes habe die ursprünglich bis Ende Juni festgesetzte Frist für Förderanträge verlängert. „Andere Projekte aus dem Kulturerbeprogramm sind auf ähnliche Probleme gestoßen wie wir“, begründet der Stiftungschef den Aufschub.

Etwa fünf Millionen Euro kostet der Umbau zum Konzertsaal mit Bühne, Zuschauerrängen Schalldämmung, Foyer und Toiletten. Mit weiteren 1,4 Millionen Euro rechnen die Projektplaner zudem für die Sanierung des barocken Denkmals in der Burgstraße. Damit sollen etwa Fassade, Dach und Fenster der Liebfrauenkirche erhalten werden. Die noch im Mai mit fünf Millionen Euro veranschlagten Gesamtkosten haben sich damit auf 6,4 Millionen Euro erhöht.

Die Finanzierung des Projektes gerate dadurch nicht in Schieflage. Die Kulturstiftung wolle sich mit 200.000 Euro an der notwendigen Sanierung des Gebäudes beteiligen, erläutert Schulze. Den Rest müssten Wernigerode (240.000 Euro) und das Land (960.000 Euro) über ein Förderprogramm zum Städtebaulichen Denkmalschutz übernehmen.

Foyer von Burgstraße auf Altarseite

„Um Eingriffe in den denkmalgeschützten Kirchenraum zu minimieren“, wie Rainer Schulze sagt, haben die Architekten zudem umgeplant. Der unterkellerte Anbau für Foyer, Toiletten und Haustechnik soll nicht mehr an der Burgstraße, sondern an der Südseite des Gotteshauses entstehen. Die Planungskosten belaufen sich bislang auf rund 100.000 Euro.

Ebenso könne das Kammerorchester, das mit seinen Proben als wichtigster Nutzer der Kulturkirche vorgesehen ist, nicht in das gegenüberliegende Gemeindehaus einziehen. Die Immobilie befindet sich in Privatbesitz. Stattdessen soll die Verwaltung des Ensembles „im Raum hinter dem Altar und in der Fürstenloge eine Bleibe finden“, berichtet der Wernigeröder.

Dass sein Konzept mit 50 bis 60 Veranstaltungen im Jahr und 100 Orchesterproben trägt, davon ist Schulze überzeugt. „Ich gehe davon aus, dass wenigstens im ersten Jahr alle Konzerte ausverkauft wären – ähnlich wie bei der Elbphilharmonie in Hamburg.“ Die Stiftung, die das Projekt seit rund 20 Jahren verfolgt, verpflichte sich, den Konzertsaal kostendeckend zu betreiben.

Diese Zuversicht fuße auf der Solidarität vieler Wernigeröder, die er seit der Stadtratsentscheidung im Mai erfahren habe – und seiner Erfahrung als Chef der Stiftung Kloster Ilsenburg, so Schulze weiter. „Zu unseren Veranstaltungen dort strömen Gäste aus Goslar, Bad Harzburg und Wolfenbüttel – die Lust auf Kultur ist größer, als viele annehmen.“