Wernigerode l Die Holtemmebrücke an der Kruskastraße gilt bei Hochwasser als Nadelöhr. Deshalb soll sie „schnellstmöglich“ abgerissen werden. Das hat Wernigerodes Stadtrat entschieden.

Doch was bedeutet schnellstmöglich? Keinesfalls einen Abriss gleich in den nächsten Tagen oder Wochen, dämpft Rathaussprecher Tobias Kascha die Erwartungen. „Wir haben den Auftrag am Donnerstagabend bekommen und werden uns jetzt damit beschäftigen“, so Kascha zur Volksstimme. Der Abriss müsse erst einmal „ordentlich“ vom Bauamt geplant werden. Dann folgen Ausschreibung, Vergabe, Absprachen mit der Baufirma und mit dem Landesbetrieb für Hochwasserschutz. Nach ersten „groben“ Schätzungen könnten im Herbst alle Schritte abgearbeitet sein und im November mit dem Abriss begonnen werden. „Dann müssen wir gucken, wie die Wetterlage ist, ob man überhaupt bauen kann.“

Sind 150 Meter zumutbar?

Parallel zu den Abrissplanungen werden im Rathaus Alternativen für eine Ersatzbrücke geprüft, so Kascha weiter. Der Stadtrat hat die Verwaltung beauftragt, „schnellstmöglich und bis spätestens“ zum 31. März 2021 Vorentwürfe und Kostenschätzungen für eine neue barrierefreie Brücke vorzulegen. „Wir denken da in alle Richtungen“, so Kascha. „Die Kollegen sind intensiv dabei.“ Ob dann tatsächlich eine neue Brücke gebaut wird, entscheidet wiederum der Stadtrat.

Christian Linde (CDU) war es, der den sofortigen und zuerst ersatzlosen Abriss der Brücke vorgeschlagen hatte - auch mit Blick auf das Millionenloch im Haushalt. Daraufhin entbrannte eine wochenlange, teils emotionale Diskussion. Vor allem an der Notwendigkeit der Brücke schieden sich die Geister, da in der Nähe zwei weitere Brücken über die Holtemme führen. Ist ein Umweg von 150 Metern zumutbar? Für einen Großteil der Anwohner wohl eher nicht. Die Brücke werde vor allem von Fußgängern und Radfahrern genutzt, sei wichtig für die Wegebeziehungen im Wohnquartier, hieß es immer wieder. Sie dürfe erst dann abgerissen werden, wenn es eine Ersatzlösung für Fußgänger und Radfahrer gibt, forderten etliche Anwohner. Sogar eine Unterschriftensammlung wurde gestartet - mehr als 600 Wernigeröder unterschrieben.

Kein schneller Abfluss

Dass die Brücke weg muss, stand sowohl bei der Mehrheit der Stadträte als auch im Rathaus bislang außer Frage. Die Brücke sitzt zu tief im Flussbett. Wie sich beim Hochwasser 2017 gezeigt hat, staut sich hier nicht nur Wasser, sondern auch Sediment und angeschwemmtes Holz. Die Uferbegrenzung ist zu niedrig, kann die Holtemme ab einem bestimmten Pegelstand nicht mehr halten. Dazu kommt, dass das Wasser, ist es einmal über das Ufer getreten, nicht schnell wieder abfließen kann und sich zwischen Mönchstieg und Kruskastraße wie in einer Wanne sammelt. Deshalb waren Abriss und der Bau einer deutlich höher liegenden Brücke schon lange Thema im Rathaus.

Die Brücke sei im Hochwasserrisikomanagementplan des Landes als „erhebliches Hochwasserhindernis“ ausgewiesen worden, heißt es dazu auf Volksstimme-Nachfrage aus dem Rathaus. Die Stadt sei dafür zuständig, dass der Abfluss nicht behindert wird, sei verpflichtet, „die allgemeine Sicherheit“ an dieser Brücke herzustellen - auch aus Gründen der Schadenersatzpflicht.

OB bittet um mehr Zeit

Dennoch plädierte OB Peter Gaffert (parteilos) vor der Entscheidung im Stadtrat für Gelassenheit. Natürlich sei Hochwasser „schlimm“, die Schäden „erheblich“. „Aber wir müssen doch nicht in Hektik verfallen und sofort die Brücke abreißen.“ Zudem wolle er die Forderung der Anwohner nicht ignorieren. Der OB bat um mehr Zeit, um mit der Verwaltung und dem Landesbetrieb für Hochwasserschutz (LHW) zu klären, was notwendig sei. Letztlich konnte sich Gaffert nicht durchsetzen, ebenso wie der Vorschlag von Bündnis 90/ Die Grünen, eine anhebbare Brücke in Leichtbauweise zu errichten.

Winfried Borchert, Initiator der Unterschriftensammlung, zeigte sich nach der Entscheidung im Stadtrat enttäuscht. „Es ist eine alleinige Wernigeröder Entscheidung, die Brücke abzureißen“, so Borchert. Der LHW habe dies nicht gefordert, es gebe andere Lösungen. Das habe der OB zutreffend festgestellt. Zumal es in Wernigerode mehrere solcher Schwachpunkte wie die Kruskabrücke gebe. „Man darf gespannt sein, wie die Stadt in Zukunft mit anderen Schwachstellen, zum Beispiel Brücken, umgeht.“