Wernigerode l Um die Attraktivität der Altstadt und damit ihre Zukunft sorgen sich Wernigerodes Händler. Ihre größte Konkurrenz sehen die Gewerbetreibenden im Online-Handel. „Das Internet hat 24 Stunden am Tag das ganze Jahr geöffnet, da müssen wir mitziehen“, sagt Ilka Hoffmann-Woyde. Deshalb fordert die Inhaberin eines Modegeschäfts in der Markstraße: „Wir müssen endlich den Spielraum für Sonntagsöffnungszeiten nutzen, den wir haben.“

Die Händler seien in einer Touristenhochburg wie der bunten Stadt am Harz von den Einnahmen am Wochenende abhängig. Dann schlenderten die meisten der jährlich rund zwei Millionen Tagesgäste durch die fachwerk-umrahmten Gassen, so das Vorstandsmitglied der Kaufmannsgilde.

Zwei Ausschüsse stimmen für Einzelhandel

Heiß diskutiert wurde das Thema auch in einer gemeinsamen Sitzung vom Bau- und Wirtschaftsausschuss des Stadtrates am Montagabend. Beide Gremien tagten zum neuen Einzelhandelskonzept für Wernigerode. Der Wirtschaftsexperte Eddy Donat, dessen Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung (GMA) den Entwurf für das Konzept erarbeitet hat, bescheinigte der Innenstadt mit ihren 200 Händlern eine „tolle Ausgangslage“. Doch die von beiden Ausschüssen mit sechs beziehungsweise fünf Ja-Stimmen und jeweils drei Enthaltungen befürwortete Vorlage reicht vielen Einzelhändlern nicht aus.

„Wir müssen aufpassen, dass wir nicht von unseren Nachbarn in Niedersachsen und dem Internethandel abgehängt werden“, sagte Matthias Winkelmann. Der CDU-Stadtrat sorge sich vor allem um die Nebenstraßen abseits von Marktplatz und Breiter Straße. Gleichzeitig pochte der Juwelier darauf, die Chancen für weitere Öffnungszeiten an den Wochenenden auszuloten.

Tourismus-Chefin sieht Chance

Die Möglichkeiten dafür sieht Erdmute Clemens durchaus gegeben. Die Chefin der Wernigerode Tourismus GmbH (WTG) verweist auf das Ladenöffnungszeitengesetz des Landes Sachsen-Anhalt. Dieses lässt zu, dass an Sonn- und Feiertagen Läden „in anerkannten Kur- und Erholungsorten sowie in Ausflugsorten mit besonders starkem Fremdenverkehr für den Verkauf von Reisebedarf sowie der Waren, die den Charakter des Ortes kennzeichnen“, öffnen dürfen.

Dazu gehören für Hoffmann-Woyde „nicht nur Brockenhexe und Ansichtskarten, sondern auch Lebensmittel, Sportsachen, Kleidung, Sonnenbrillen oder Schmuck“. Deshalb sei für die Unternehmerin „ein touristisches Leitbild, aus dem wir einen Warenkatalog entwickeln, zielführender als das Einzelhandelskonzept“. WTG-Chefin Clemens schlägt in die gleiche Kerbe: „Es muss überarbeitet werden, was an Sonntagen verkauft werden darf und was nicht.“

Vorbild aus Rheinland-Pfalz

Die Händlerschaft brauche mehr als vier verkaufsoffene Sonntage im Jahr, um das Potenzial der „Kultur- und Tourismusstadt“, wie Hoffmann-Woyde Wernigerode nennt, auszuschöpfen. Dafür würde sich die Inhaberin eines Modegeschäfts auch selbst hinter den Tresen stellen. „Bei anderen Geschäften könnte ich mir vorstellen, dass sie mehr Personal einstellen.“

Als Vorbild für Wernigerode sieht sie Cochem in Rheinland-Pfalz. Der Handel im 5000-Einwohnerstädtchen an der Mosel prosperiere – dank weitreichender Öffnungszeiten an Sonntagen. „Wir müssen die Möglichkeiten, die uns das Landesgesetz gibt, ausschöpfen – sonst gibt es bald keine 200 Einzelhändler mehr in Wernigerodes Innenstadt“, sagt das Mitglied der Kaufmannsgilde.