Wernigerode l „Matze“, wie ihn Freunde nennen, wird heute im großen WM-Finale keine Tore schießen, sondern Fotos „ohne Ende“, versichert Matthias Schrader. Der 46-Jährige ist Fotograf, seit zehn Jahren für Associated Press (AP) mit Hauptsitz in New York tätig und hat seine ersten Sporen bei der Volksstimme verdient. Schon als Gymnasiast, mit einer Praktika um den Hals gehängt, versuchte sich der quirlige Schlaks als Sportfotograf. Er bewies Talent und wuchs, wie man sagt, mit seinen Aufgaben.

Der Blick für den richtigen Moment schien dem jungen Leichtathleten in die Wiege gelegt zu sein. Nach der Schule folgte in der Wendezeit ein typischer Quereinstieg, Matthias Schrader gehörte ab 1991 viele Jahre zum Redaktionsteam in Wernigerode. Er hinterließ in den Arenen des Harzes Spuren, die bis heute in Chroniken vieler Vereine verewigt sind – typische Matze-Fotos.

Ausrüstung wiegt 25 Kilogramm

Der Geselle ging auf Wanderschaft, war in Rostock und Güstrow unterwegs, ist in München gestrandet und zu dem herangereift, was einen guten Pressefotografen ausmacht. „Das Auge immer überall haben“, sagt er und meint mit Auge sein großes Teleobjektiv. Es gehört zu seiner Standard-Ausrüstung, die um die 25 Kilogramm wiegt.

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Die WM in Russland ist die vierte Fußball-Weltmeisterschaft für Matthias Schrader und das morgige Endspiel sein 16. Einsatz innerhalb der knapp fünf Wochen. Zwischendurch fotografierte er bei zahlreichen Trainingsstunden verschiedener Nationalteams. Die Russen, Brasilianer, Belgier seien alle cool drauf gewesen. „Die Deutschen eher nicht.“ Das frühe Ausscheiden der Löw-Truppe sei für ihn keine Überraschung gewesen. Doch aus Fachdiskussionen halte er sich in der Öffentlichkeit raus. Er sorgt für „Fotobeweise“. In Russland seit dem WM-Start am 14. Juni.

„Das ist schon eine lange Zeit.“ Ob per Flieger, Bahn oder Auto unterwegs, der Harzer war bei Spielen in Samara, Kasan, Sotschi, Nischni Nowgorod, Kaliningrad und mehrmals in Moskau eingesetzt. „Die Stimmung war überall gut, ob in den Stadien, beim Public Viewing oder auf den Straßen.“ Selbst als die Russen gegen Kroatien ausgeschieden sind, sei die Euphorie nicht abgerissen. Überhaupt, so der gebürtige Wernigeröder, „haben mich Land und Leute begeistert. Russland ist längt nicht mehr dass, was wir aus Büchern kennen“.

Schul-Russisch goldwert

Für ihn habe sich das Land komplett verändert. „Klar, die Frauen sind immer noch hübsch. Aber Restaurants, Bars, Shopping Malls und vieles mehr halten mit westlichen Standards mit.“ Beleuchtete Wolkenkratzer in der Metropole Moskaus haben ihn an New York und Shanghai erinnert. Darüber hinaus seien die Menschen sehr aufgeschlossen, versuchen zu kommunizieren, meist auf Englisch. „Ich habe ihnen mit meinem Schul-Russisch stets ein Grinsen ins Gesicht gezaubert.“ Und seine ausländischen Kollegen von AP sind ins Staunen gekommen, zumal er die russische Schrift auch lesen kann.

Eine Begegnung, berichtet er am Telefon, habe ihn in Hinblick Gastfreundschaft besonders begeistert. Mit einem Kollegen, der mit einer Russin verheiratet ist, nahm er die Einladung der Verwandtschaft an. Sie reisten in einen kleinen Ort, mitten in einer gigantischen Natur mit Seen voller Fische, mit Bergen und weiter Flur gelegen. Ihn habe es an Aufenthalte in Norwegen erinnert, nur dass der Diesel in Russland viel günstiger ist, um die 50 Cent pro Liter kostet.

„Immer wieder betonten unsere Gastgeber, wie stolz sie auf ihr Land sind, auch auf Putin.“ Das Reporter-Duo sei bekocht und herzlich umsorgt worden. „Eine schöne Abwechslung allemal“, sagt Matthias Schrader. Eindrucksvoll in Erinnerung bleiben ihm das Flanieren am Meer von Sotschi und an Wolga-Stränden von Samara sowie die Fahrten mit der Metro in Moskau. „Jede Station ist ein Kunstwerk.“

Kaum Zeit für Sightseeing in Russland

Ansonsten blieb wenig Zeit für Sightseeing. Der Job eines Fotografen bei Großereignissen wie der WM hat sich verändert, sei viel aufwändiger und vor allem „schneller“ geworden. Stunden vor dem Anpfiff beginnt die Vorbereitung. Kameras werden am Tor und auf der Dachkonstruktion positioniert, um sie später per Funk auszulösen. Am Mann habe Matthias Schrader während des Spiels mindestens drei Kameras mit verschiedenen Objektivgrößen. Der Platz im Reportergraben, wo insgesamt 200 Fotografen das Spielfeld umsäumen, ist exakt festgelegt. Das AP-Team, das immer sechs und im Endspiel acht Mitarbeiter im Einsatz hat, bekommt einen Tag vorher vom Chef die Order, wer wo sitzt beziehungsweise steht. „Das kann die Trainerbank, ein Ecken- oder Torbereich sowie entlang der Seitenlinien sein.“ Aussuchen ist also nicht, geliefert werden muss alles, „was dir vors Objektiv läuft“.

Längst wollen die Kunden nicht nur packende Spielszenen, sondern „einen schreienden Ronaldo, heftig gestikulierende Schieris, Sperenzien auf der Trainerbank, feiernde und heulende Fans sowie auch die Prominenz auf der Ehrentribüne“. Bis zu 400 Fotos liefert er per Datenleitung pro Spiel an seinen Editor, der die Bilder sofort bearbeitet und in ein System zur Abnahme sendet. Die Zusammenarbeit kann wechseln, Matze mag lieber das Fotografieren. „Die Livebearbeitung der Bilder am Laptop ist wie ein Dauerlauf in Hochgeschwindigkeit, bei dem du am Ende eckige Augen hast.“

Rückzug in Schrebergarten

Dennoch, der Harzer liebt seinen Job. „Du bist immer in der ersten Reihe.“ Und mit seiner Körpergröße von knapp 1,90 Meter kann er Schnappschüsse wie Mannschaftsfotos oftmals über die Köpfe von Kollegen hinweg einfangen. Denn, Gedränge, das sei nicht sein Ding.

Das liegt wohl in der Natur des Mannes, der in der Weite des Harzes aufgewachsen ist. Der Wahl-Bayer und Vater von Zwillingen im Teenageralter hat den Kontakt zu seinen Wurzeln nie abreißen lassen. In Wernigerode hat er am Stadtrand einen Schrebergarten samt Laube gepachtet. Wenn am Sonntag Kroatien Weltmeister geworden ist, so sein Tipp, dann wird sich Matze auf seine Scholle am Horstberg für ein paar Tage zurückziehen, Familie, Freunde und ehemalige Kollegen treffen. Und so manch Anekdote von der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland zum Besten geben.