Wernigerode/Halberstadt l Seit 132 Jahren rollen schmalspurige Dampfzüge durch den Harz. Wird das auch in 132 Jahren noch so sein? Matthias Wagener, Geschäftsführer der Harzer Schmalspurbahnen (HSB), wagt zwar keinen derart weiten Blick in die Zukunft. Der Manager setzt mit Blick auf die Perspektive der HSB aber ganz klar auf das Kerngeschäft dampflokgezogener Schmalspurzüge. Das sei nun mal der Magnet schlechthin – für Einheimische wie Touristen. Damit dieser Magnet in den kommenden Jahren nicht an Wirkung einbüßt, benötigt die HSB mehr finanzielle Mittel. Ein Weg dorthin ist – neben mehr Geld von den Ländern Sachsen-Anhalt und Thüringen – die Verdoppelung der jährlichen Zuschüsse von den neun HSB-Gesellschaftern.

Aktuell wird bei den Gesellschaftern über diesen Schritt diskutiert. Vier der Anteilseigner – der Kreis Nordhausen, die Stadt Nordhausen sowie die Gemeinde Harztor mit Ilfeld und Niedersachswerfen und die Tourismus- und Marketing GmbH Braunlage – sind dem Ansinnen nach Angaben von HSB-Sprecherin Heide Baumgärtner bereits gefolgt.

Zustimmung im Harzer Kreistag?

In der kommenden Woche sollen auch die Mitglieder des Kreistags Harz in letzter Konsequenz entscheiden, ob der Harzkreis ab 2020 doppelt so tief in die Tasche greift. Im Wirtschafts- und im Finanzausschuss gab es bislang einmütige Zustimmung, bei zwei Enthaltungen im Finanzausschuss. Am  Mittwoch, 4. Dezember, wird eine maßgebliche Vorentscheidung im Kreisausschuss erwartet.

Unterwegs mit der Schneefräse zum Brocken

Wernigerode (mg) l Damit die Harzer Schmalspurbahnen (HSB) im Winter den Brocken ansteuern können, muss morgens die Schneefräse den Weg freiräumen. So hart ist die Arbeit auf den Gleisen.

  • Die auf Schmalspurbetrieb umgebaute Diesellok der Baureihe 199 schiebt die Schneefräse am Begenungspunkt Goethebahnhof am Brocken voran – der Schnee wird weit ins Gelände hinein geschleudert. Foto: Dennis Lotzmann

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  • Trotz technischer Unterstützung ist auf der Strecke der Brockenbahn Handarbeit nötig: Hier an der Weiche am Goethebahnhof. Volksstimme-Reporter Dennis Lotzmann (vorn) packt mit an. Foto: Thomas Demuth

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  • Tino Fügner im Führerstand der Lok V 100 schiebt die Gleis-Schneefräse vor sich langsam hinauf in Richtung Brocken. Weil der Schnee nass und schwer ist, geht es zuweilen nur im Schritttempo voran. Foto: Dennis Lotzmann

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  • Blickperspektive aus dem Führerstand der Schiebelok bei der Fahrt auf den Brocken. Bei extrem großer Schneeauflage auf den Gleisen der Harzer Schmalspurbahnen müssen bestimmte Gleisabschnitte mehrfach befahren und schrittweise gefräst werden. Foto: Dennis Lotzmann

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  • In der weißen Hölle: Die Schiebelok der Harzer Schalspurbahnen kommt mit der Schneefräse auf dem Brocken an.  Foto: Dennis Lotzmann

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Ganz gleich, wie die Kreistagsmitglieder letztlich die Weichen stellen, ist eines klar: Ebenso wie andere Gesellschafter macht der Harzkreis im Gegenzug zu mehr Geld Forderungen auf. Kernpunkt dabei: Die Verkehrsleistungen auf der schmalen Spur müssen auf allen Streckenabschnitten mindestens beibehalten oder sogar erweitert werden – mit Dampflokbetrieb.

Offenbarungseid bei der Brockenbahn

Gerade letzteres fiel den Verantwortlichen der HSB in den vergangenen Monaten zunehmend schwer und führte in diesem Sommer zu einem krassen Einschnitt beim Betrieb der Brockenbahn. Auf dem Aushängeschild der HSB – und zugleich der Haupteinnahmequelle des Unternehmens – rollten erstmals planmäßig umgespurte frühere Reichsbahn-Dieselloks aus den 1970er-Jahren. Auch wenn die HSB-Verantwortlichen von Akzeptanz bei den Reisenden berichten und Kritik nicht vernehmbar war, kam dieser Schritt einem Offenbarungseid gleich.

Der Grund für diesen unpopulären Schritt: Viele Dampfrösser sind mit Schäden kalt abgestellt, mache stehen schon seit Jahren auf dem Abstellgleis. Zudem sind viele der betagten Maschinen über Monate hinweg zu Untersuchungen und Reparaturen im Dampflokwerk im thüringischen Meinigen. Obendrein seien die Kosten dafür zuletzt förmlich explodiert, heißt es seitens der HSB.

Deshalb will man hier ein gutes Stück unabhängiger von der Dampflokschmiede Meinigen werden. Mit einer gläsernen Werkstatt, die gerade am Ochsenteichgelände in Wernigerode entsteht. Für rund zehn Millionen Euro, die die HSB kreditfinanziert selbst aufbringt.

Lohnniveau bei HSB soll steigen

Allein das macht deutlich, dass die Kosten gestiegen sind und perspektivisch weiter steigen werden. Aktuell werden die HSB-Beschäftigten unterhalb des Branchentarifs entlohnt. Ihr Lohnniveau in absehbarer Zeit anzupassen, um Chancen auf dem Arbeitskräftemarkt zu behalten, ist eine weitere Baustelle für die Chefetage – und kostenintensiv.

Experten prognostizieren bei einem HSB-Kostendeckungsgrad von rund 60 Prozent für die Jahre 2020 bis 2034 einen jährlichen Zuschussbedarf von 15,5 Millionen Euro für die HSB. Die Länder Sachsen-Anhalt und Thüringen, die mit zusammen 14 Millionen Euro jährlich den Löwenanteil stemmen sollen, sind grundsätzlich bereit, mehr Mittel zu geben. Sie fordern aber ein regionales Bekenntnis in Form höherer Zuschüsse der neun Gesellschafter.

Abgesehen von den vier Gesellschaftern, die ihre Zuschüsse bereits verdoppelt haben, ziehen mit Quedlinburg, der Oberharz-Stadt sowie Harzgerode und dem Kreistag vier weitere an einem Strang, erklärt der Harzgeröder Bürgermeister Marcus Weise (CDU). In den Stadträten der drei Kommunen sowie im Kreistag werde über gleichlautende Vorlagen abgestimmt, weil sich die Bürgermeister vorab mit Landrat Martin Skiebe (CDU) kurzgeschlossen hätten, so Weise.

Gesellschafter wollen HSB weiterentwickeln

Darin werde ein Forderungskatalog aufgemacht mit Themen wie mehr Barrierefreiheit in den Zügen, besserer Vertaktung mit anderen Nahverkehrsofferten, mehr Veranstaltungen entlang der Strecken und der Belebung leerstehender Bahnhöfe. „Dieser Forderungskatalog basiert auf Signalen unserer Touristiker“, sagt Weise und unterstreicht eines ganz klar: „Wir stehen voll hinter der HSB, müssen sie aber weiterentwickeln und wollen dabei keinen Blankoscheck ausstellen.“

Verdoppeln alle neun Gesellschafter wie geplant ihre jährlichen Zuschüsse, würden sie ab kommendem Jahr 1,54 Millionen Euro beisteuern. Der Anteil für den Harzkreis, der mit 42 Prozent größter Gesellschafter ist, würde sich – stimmt der Kreistag am 11. Dezember zu – von 322 114 Euro auf 644 228 Euro verdoppeln. Die Höhe dieser Zuschüsse sei laut Gesellschaftervertrag nicht an die Höhe des konkreten jährlichen Zuschussbedarfs gekoppelt, sondern fest definiert, so HSB-Sprecherin Heide Baumgärtner.