Wernigerode l Wie geht es weiter mit dem Seilbahn-Projekt in Schierke? Vor allem: Geht es überhaupt weiter? Wenn ja: Was ist überhaupt noch möglich und was nicht? Darüber wollen sich Stadträte und Verwaltung in den kommenden Wochen verständigen. Dafür sind im September/Oktober zwei Workshops angesetzt – „zur Erörterung der aktuellen Planungsstände, zur Einschätzung der rechtlichen Umsetzungsfähigkeit und zu Fragen von Wirtschaftlichkeit und Finanzierbarkeit“, informiert Andreas Meling, der das Projekt für die Stadt betreut, auf Anfrage der Volksstimme. Soll heißen, das Millionen-Projekt kommt auf den Prüfstand.

In den vergangenen Jahren hat die Stadtverwaltung viel Energie, Manpower und Geld in das Projekt gesteckt. Die Idee: Eine Seilbahn hinauf zum Schierker Winterberg, um im Winter auf einer bei Schneemangel künstlich beschneiten Piste Ski zu fahren. In den wärmeren Monaten sollen Attraktionen wie eine Luchserlebniswelt, ein Spielplatz – und natürlich die Harzer Natur zahlungswillige Besucher anlocken.

Streit

Das war der Traum vieler Schierker, vieler Wernigeröder und von Investor Gerhard Bürger aus Hildesheim, der das Millionen-Projekt nach wie vor zusammen der Stadt Wernigerode stemmen will. Die Ganzjahreserlebniswelt am Winterberg sei das Kernstück der Schierker Ortsentwicklung, hieß es immer wieder.

Das Problem: Die Realisierung des Wander- und Skigebiets ist politisch wie naturschutzrechtlich umstritten. Unter anderem, weil die geplante Seilbahntrasse geschützte Moorwälder tangiert. Mittlerweile ist das Vorhaben ganz ins Stocken geraten. Das vor vier Jahren gestartete Raumordnungsverfahren, die erste Hürde im Genehmigungsmarathon, liegt auf Eis. Detailfragen, mit denen sich das federführende Ministerium für Landesentwicklung und Verkehr überfordert sah, sollen Stadt und Investor zunächst auf kommunaler Ebene klären. Erst dann soll das Verfahren wieder in Gang gesetzt werden.

Euphorie ist gewichen

Dazu kommt, dass die noch vor einigen Jahren im Wernigeröder Stadtrat vorherrschende Euphorie einer gewissen Ernüchterung gewichen ist. Mit ihrem Beschluss stellten die Lokalpolitiker im Jahr 2013 die Weichen für das Winterberg-Projekt, gaben der Verwaltung grünes Licht dafür, alles Nötige in die Wege zu leiten.

Ein sieben Jahre alter Beschluss, den es nun aber zu überdenken gelte, so die Forderung von Stadtrat Thomas Schatz (Die Linke) Anfang des Jahres. Schatz störte sich vor allem an den Automatismen des Grundsatzbeschlusses und den daraus resultierenden Belastungen für den Stadthaushalt. „Wir müssen uns die Grundlagen anschauen, unter denen der Beschluss 2013 gefasst wurde“, so Schatz vor einem halben Jahr.

Weitreichende Folgen

Ein Vorstoß mit möglicherweise weitreichenden Folgen: Sollte sich eine Mehrheit für die Aufhebung des Grundsatzbeschlusses finden, würde dies den Rückzug der Stadt und dann wohl auch den Todesstoß für das Seilbahn-Projekt am Winterberg bedeuten.

Allerdings verzögerte Corona die angesetzte Diskussion und damit auch die möglicherweise folgenreiche Abstimmung. Im Juni dann ruderte Schatz zurück. Ein wenig zumindest. Er wolle das Thema gern vertagen, forderte aber eine Grundsatzentscheidung noch vor der nächsten Haushaltsberatung im Herbst. In der Zwischenzeit solle die Verwaltung Gelegenheit bekommen, zum aktuellen Stand zu informieren. Dies ist nun mit den besagten zwei Workshops angeschoben.

Seit Mai keine Antwort

Auch was das stockende Genehmigungsverfahren betrifft, sei man in den vergangenen Monaten im Rathaus nicht ganz untätig gewesen, informiert Andreas Meling. In Abstimmung mit der Kreisverwaltung sei ein umfangreicher Fragenkatalog erarbeitet worden.

Darin würden „Fragen zur dynamischen Bestandsentwicklung der Wälder und Lebensraumtypen unter den Bedingungen des Klimawandels, zu Koherenzmaßnahmen sowie Fragestellungen zur Waldbewirtschaftung“, gestellt. Die Klärung der Fragen sei essentiell für die weitere Entwicklung Schierkes – „unabhängig vom aktuell diskutierten Projekt“, so Meling. Das Schreiben liege dem Landesamt für Umweltschutz seit Mai vor. Eine Beantwortung sei bisher nicht erfolgt.

Alternativen diskutieren

Ein mögliches Aus des Winterberg-Projektes sei im Rathaus noch kein Thema. „Für eine abschließende Bewertung ist es aktuell zu früh“, so Andreas Meling. Ein Investitionsstopp in die Ortsentwicklung sei aus Sicht der Stadtverwaltung der falsche Weg. Schierke habe sich touristisch überaus positiv entwickelt. „2019 konnten erstmals mehr als 300.000 Übernachtungsgäste gezählt werden.“

Die Einnahmen der Kurtaxe hätten sich in den vergangenen zehn Jahren auf über 500.000 Euro pro Jahr verdoppelt. „Diese Entwicklung ist herausragend – bedarf aber einer begleitenden weiteren Entwicklung touristischer Angebote“, betont Meling. Gerade in Zeiten, in denen der Wald rund um Schierke aufgrund von Klimawandel und Borkenkäferbefall leide, seien alternative Angebote für Gäste unerlässlich. „Hier muss es im Interesse der Stadt sein, aktiv mitzuarbeiten.“

Alternativen

Deshalb setze sich die Stadtverwaltung inzwischen auch mit Alternativangeboten auseinander. „Neben den Einzelprojekten aus dem Winterberg-Projekt liegen eine Reihe von umsetzungsfähigen kleineren Projekten vor“, informiert Andreas Meling.

Beispielsweise die Erweiterung des Loipensystems mit einer ortsnahen Loipe, die asphaltiert ist und deswegen im Sommer auch zum Rollerskifahren genutzt werden könnte. Oder Erlebnispfade, die die Sporthochschule Köln entwickelt habe, die sich thematisch mit bestehenden Wegebeziehungen beschäftigen und beispielsweise „Waldbaden“ ermöglichen. Diese Ideen müssten neu diskutiert werden. Meling: „Auch dazu sollen die Workshops dienen.“

Übrigens: Andreas Meling hängt den Winterberg für sich an den Nagel. Zum 1. September wechselt er von der Stadtverwaltung in die Wernigerode Tourismus GmbH und übernimmt dort den Geschäftsführerposten. Seine Aufgaben in Sachen Seilbahn werden dann von Caroline Mudrow im Stadtplanungsamt übernommen.