Besuchszeit und Corona

Nach 66 Jahren Ehe: 86-Jährige darf ihren Mann seit 5 Wochen nicht in Reha-Klinik besuchen

Wegen Corona sind die Besuchszeiten in Krankenhäusern, Pflegeheimen und Rehabilitations- Einrichtungen stark eingeschränkt. Doch wie weit darf so ein Besuchsverbot gehen? Eine Frau aus der Nähe von Wolmirstedt erzählt.

Von Gudrun Billowie 26.01.2022, 10:21 • Aktualisiert: 26.01.2022, 15:52
Frau K. bleibt nur ein Bild, ihren Mann darf sie nicht sehen.
Frau K. bleibt nur ein Bild, ihren Mann darf sie nicht sehen. Foto: G. Billowie

Wolmirstedt - Frau K. laufen Tränen über die Wangen. Sie wischt mit dem Taschentuch darüber, aber eigentlich hat sie sich an ihre Tränen längst gewöhnt. „Was glauben Sie, wie oft ich in den letzten Wochen geweint habe“, sagt sie, „dabei möchte ich doch nur meinen Mann sehen.“

Ein einziger Besuch ist Frau K. in den letzten drei Monaten nur gelungen, dabei hat ihr Mann die Nähe seiner Frau sicher bitternötig. Er liegt mit einem Schädel-Hirn-Trauma im Neurologischen Zentrum der Median-Klinik Magdeburg. Frau K. sagt: „Ich würde so gern seine Hände streicheln.“ Doch immer wieder verwehrt die Klinik ihr den Zutritt. Der letzte Besuch liegt über fünf Wochen zurück. Ein neuer Termin ist nicht in Sicht. Aber von vorn.

Frau K. heißt nicht Frau K., ihr richtiger Name ist der Redaktion bekannt. Sie lebt in der Nähe Wolmirstedts, in einem Haus mit Garten und kleinem Hühnerhof. „Im Frühjahr haben mein Mann und ich den Garten noch bestellt“, erzählt sie. Eigenes Obst und Gemüse schätzen beide, ebenso die Eier der munteren Hühnerschar. „Wir haben immer Freude daran gehabt.“ Frau K. ist 86 Jahre, ihr Mann 87 Jahre alt.

An einem Herbsttag Ende Oktober änderte sich für die beiden alles. Frau K. hörte es im Haus poltern, sah nach, ihr Mann war die Treppe herunter gestürzt. Sie rief sofort den Notarzt, ihr Mann kam ins Krankenhaus nach Olvenstedt, wurde sofort operiert. Die Diagnose lautet: Schädel-Hirn-Trauma.

Zwei Wochen blieb Herr K. im Krankenhaus, Frau K. konnte ihn regelmäßig besuchen. Dass sie dabei sämtliche Corona-Vorsichtsmaßnahmen einhält, ist für Frau K. selbstverständlich. „Ich bin geboostert und wenn ich trotzdem einen Negativ-Test brauche, dann ist das eben so.“ In der zweiten Novemberwoche wurde Herr K. vom Olvenstedter Krankenhaus zur Reha ins Neurologische Zentrum der Median-Klinik nach Magdeburg verlegt. Damit riss der Kontakt der Eheleute ab.

Frau K. mühte sich immer wieder, einen Besuchstermin im Reha-Zentrum zu vereinbaren. Vergeblich. Die Mitarbeiter haben zwar manchmal versucht, telefonischen Kontakt zwischen ihr und ihrem Mann herzustellen, doch wegen seiner Verletzung sind Gespräche kaum möglich. „Ich habe Fragen gestellt, die er mit Ja und Nein beantworten kann“, erzählt Frau K. Das ging so leidlich, aber ersetzt keine persönliche Begegnung. Sie wollte ihren Mann sehen, berühren, mit ihm sprechen, erleben, wie es ihm geht. Immer wieder habe sie in der Klinik, auf der Station angerufen. „Ich habe geweint und gebettelt“, sagt sie, „dann kam der Anruf: Sie können Ihren Mann besuchen.“ Das war vor Weihnachten, da hatte sie ihn bereits über 40 Tage nicht gesehen.

Seit dem Besuch ist über ein Monat vergangen

Frau K. flog förmlich nach Magdeburg. Endlich. Der Besuch war schön, aber auch beunruhigend. „Mein Mann hat mich kaum erkannt.“ Trotzdem: Sie saß an seinem Bett, hat seine Hände gestreichelt, gespürt, wie ihn die Berührungen beruhigten. Den Schwestern hat sie Pralinen mitgebracht, für ihr Bemühen, per Telefon Kontakt zu halten, sie regelmäßig über den Zustand des Mannes zu informieren. „Außerdem war Weihnachten.“ Frau K. hat geglaubt, dass sie nun regelmäßig kommen kann. Ein Trugschluss.

Seit diesem Besuch vor Weihnachten sind weitere über 30 Tage vergangen, Frau K. hat ihren Mann nicht wieder gesehen. Auch der Sohn hat keine Chance. In der Reha-Klinik herrscht Besucherstopp. Ausnahmen gibt es nur aus ethischen Gründen, heißt es auf der Internetseite der Klinik. Was das heißt, ist nicht definiert.

Die kaufmännische Leiterin Stefanie Günther bestätigt: „Wir haben die Besucherfrequenz stark reduziert, jeder Besucher muss beim ärztlichen Dienst angemeldet sein. Wir brauchen die Kontrolle darüber, wer rein und raus geht.“

Aber rechtfertigt die Regelung, über vier Wochen das Besuchsrecht abzusprechen, Menschen voneinander fernzuhalten, die ohnehin nicht wissen, wieviel Zeit ihnen noch bleibt? Das Gesundheitsministerium Sachsen-Anhalts macht jedenfalls keine Vorgaben. Von dort heißt es: „Allein die Klinikleitung entscheidet über Besuchsregelungen bis hin zu einem gänzlichen Besuchsverbot, das allerdings zeitlich zu befristen ist.“

Die Auslegung der zeitlichen Befristung bleibt den Kliniken überlassen, konkrete Aussagen aus der Median-Reha-Klinik gibt es dazu nicht. Stefanie Günther beteuert lediglich: „Die Kliniken machen es sich nicht leicht.“ Die kaufmännische Leiterin verweist darauf, aus dem Besucherstopp entstehe eine höhere Belastung für die Mitarbeiter. „Sie unterstützen die Patienten bei Videokonferenzen und Telefonaten mit Angehörigen. Es wäre leichter, wenn die Familien persönlich zu Besuch kämen.“

Das würde Frau K. gerne, doch weil sie in die Klinik nicht hineindarf, weiß sie nicht, wie es weitergehen soll. Die betagte Dame wagt sich kaum noch durchs Dorf, weiß, dass viele Menschen mitfühlen und wissen möchten, wie es ihrem Mann geht. „Ich weiß ja gar nicht, was ich sagen soll.“ Sie hat keine Antwort, nur Tränen.

Und manchmal kommt die Wut. „Ich gucke gerne Sport, aber wenn ich sehe, wie viele Menschen in den Stadien zuschauen dürfen...“ Eigentlich möchte sie nicht schimpfen und auch keinen drängen. Trotzdem sagt sie: „Ich hoffe, dass alle Ungeimpften impfen gehen, damit Kranke besucht werden können.“

Vor allem möchte sie ihren Mann sehen. Längst hat sie ihr Foto in die Klinik geschickt, hofft, dass es auf seinem Nachttisch steht und Freude macht. Er fehlt ihr, Frau K. weiß nicht, wie es weitergehen soll, sorgt sich um die Zukunft, auch, weil die Arbeit in Haus und Hof anders wird. „Ich würde gerne die Hühner abschaffen, aber das muss ich doch mit meinem Mann besprechen.“ Vor allem aber mag sie sich nicht damit abfinden, dass gar kein Besuch möglich ist: „Ich muss meinen Mann sehen“, fleht sie, „den ich aus Liebe geheiratet habe.“ Vor 66 Jahren.