Barleben l Christina erinnert sich genau, wie sie sich gefühlt hat, als sie vor lauter Hilflosigkeit zum ersten Mal eine Gedenkzeit für Sternenkinder besucht hat. Sternenkinder, das sind Kinder, die während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt versterben. „Ich habe mich so allein gefühlt, als hätte ich keinen Platz bei denen, die um ihre Kleinkinder, Teenager und erwachsenen Kinder trauern“, erinnert sie sich.

Das war 2009. „Kurz nach der Hochzeit mit meinem Mann Daniel* war ich zum ersten Mal schwanger. Bis in der zwölften Woche kein Herzschlag zu finden war“, sagt sie gefasst. Damals sei eine Welt für sie zusammengebrochen. Dass Schwangerschaften auch ohne Happy-End ausgehen können, war ihr damals nicht so bewusst gewesen.

Mehrere Schicksalsschläge

Ein Jahr später folgte die nächste Hiobsbotschaft: Die Zwillinge, die in ihrem Bauch heranwuchsen, waren fehlgebildet, nicht lebensfähig. Sie entschied sich, die Schwangerschaft in der zwölften Woche abzubrechen. „Da habe ich ganz stark gemerkt, dass ich irgendwie Hilfe brauche, um das zu verarbeiten“, sagt sie heute.

In Magdeburg nahm sie bei den Pfeifferschen Stiftungen an einem Trauerseminar teil, das ihr sehr gut tat. „Und trotzdem habe ich mich irgendwie fehl am Platz gefühlt, als ich das erste Mal zu einer Gedenkzeit gegangen bin“, sagt sie. Wer ein größeres Kind verliert, hat Erinnerungen, bei ihr waren es nur ein paar Ultraschallbilder.

Gesunde Tochter Lena

Ein Jahr später hat sie mehr Glück als Verstand, wie sie es heute ausdrückt. „Unsere Tochter Lena* kam nach einer furchtbaren Schwangerschaft gesund zur Welt“, erzählt sie. Zwölf Wochen hatte sie liegen müssen, mit einer Infektion zu kämpfen gehabt, dazu einen Schwangerschaftdiabetes. „Trotzdem war alles vergessen, als wir unsere Kleine gesund im Arm hatten.“ Dabei stiehlt sich eine kleine Träne ihre Wange hinunter.

Lenas kleiner Bruder Max* hatte 2014 nicht so viel Glück. Zur Mitte der Schwangerschaft hatte sich die bereits gelegte Cerclage, ein Faden um den Muttermund, gelöst. In der Klinik versuchte man noch, mit striktem Liegen eine Geburt aufzuhalten. Vergeblich. Max kam in der 23. Schwangerschaftswoche zur Welt und starb nach dem Durchtrennen der Nabelschnur.

Schwerer Abschied

Christina musste direkt nach der Geburt operiert werden. Als sie wieder zu sich kam, brachte ihr eine der Schwestern ihren Sohn in einem Moseskörbchen. Auf seinem Kopf saß ein kleines Mützchen, hellblau, handgestrickt. Max‘ Körper war schon kalt. „Ich bin trotzdem froh, dass wir ihn eine Zeitlang bei uns haben konnten. Es heißt nicht umsonst, man müsse manche Dinge begreifen“, weiß sie. Beerdigt ist er auf dem Westfriedhof, im Gemeinschaftsgrab mit anderen Sternenkindern.

Nach Max‘ Tod im September 2014 habe sie ein knappes halbes Jahr gebraucht, bis sie wieder arbeiten konnte. Unter anderem eine Psychotherapie hat geholfen, das Erlebte einzuordnen. „Wegwischen kann Max‘ Tod nicht, auch nicht den unserer kleineren Babys. All das wird immer ein Teil meines Lebens sein und bleiben. Aber nichts davon bestimmt noch mein Leben und Denken.“

Unbefangener Umgang

Selbstverständlich komme Max immer mal wieder zur Sprache, auch durch seine große Schwester Lena. „Sie zeigt uns einen Regenbogen, den uns Max ihrer Meinung nach geschickt hat. Oder sie fragt, warum er nicht bei uns sein kann wie die Geschwister all ihrer Kindergartenfreunde“, erzählt Christina.

Auch im Alltag sei Max immer irgendwie dabei, auch wenn er nicht da sei. Christina gibt zu: „Bei den ersten Fragen hat sie mich kalt erwischt. Mittlerweile gehe ich mit Max und seinem Tod genauso unbefangen um wie sie.“

Kreative Trauerarbeit

Mittlerweile hat Christina begonnen, mit ihrer Trauer kreativ umzugehen. Sie näht Kuscheltücher für Sternenkinder und Schlüsselanhänger für Eltern und spendet diese für Kliniken mit Geburtsstationen. Im Internet ist sie Moderator einer Facebook-Gruppe für trauernde Eltern und gibt ihre Erfahrungen weiter, um anderen zu helfen, die auf ihrem Trauerweg sind.

Christina fasst zusammen: „Ich werde nie darüber hinweg kommen, dass ich fünf meiner sechs Kinder nie mit nach Hause nehmen konnte. Muss ich auch nicht. Ich lebe weiter, auch um an sie zu erinnern - während ich meinen ganz normalen Alltag mit meiner Familie lebe.“

 *Die Namen sind auf Wunsch der Gesprächspartnerin geändert.