Ukraine

Ukrainische Kriegsflüchtlinge: glücklich oder verloren im Behördendschungel?

Erst Krieg, dann Flucht und nun der Weg durchs Behördendickicht - hinter ukrainischen Kriegsflüchtlingen liegen harte Wochen. Die Hilfsbereitschaft in der Börde ist groß, doch an einem Punkt fühlen sich alle ziemlich alleingelassen.

Von Gudrun Billowie Aktualisiert: 11.05.2022, 21:40 • 11.05.2022, 17:57
Eva Zierau (v.l.) ist  Pensionärin, findet aber wieder große Freude dabei, Ukrainerinnen wie Tetjana Babaieva und Victoria Tkachenko Deutsch beizubringen.
Eva Zierau (v.l.) ist Pensionärin, findet aber wieder große Freude dabei, Ukrainerinnen wie Tetjana Babaieva und Victoria Tkachenko Deutsch beizubringen. Gudrun Billowie

Wolmirstedt - Ein Wort mit W? Natalia schreibt „Wolmirstedt“ an die Tafel. Lehrerin Eva Zierau lacht: „Ein wichtiges Wort.“ Die Stadt ist für viele Zufluchtsort geworden, doch vieles ist fremd, selbst die Buchstaben. Natalia und die anderen Teilnehmer des Integrationskurses haben bisher hauptsächlich kyrillische Schriftzeichen benutzt, nun gehört sie zu den Millionen Ukrainern, die vor dem Krieg geflüchtet sind, über 1350 in den Landkreis Börde. Es gibt es eine große Hilfsbereitschaft, trotzdem läuft nicht alles glatt.

Es ruckelt und rumpelt bei allem, was Ukrainer erledigen müssen, und das ist nicht verwunderlich. Auch die Behörden müssen sich dem Ansturm und der neuen Situation stellen. Vor dem Krieg wurden im Landkreis 800 Asylsuchende betreut, nun sind über 1357 Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine dazu gekommen, darunter 171 Kinder im Kindergarten- und 382 Kinder im schulpflichtigen Alter. Die Dunkelziffer dürfte höher sein.

Rasanter Zustrom stellt Behörden vor Herausforderungen

Dieser rasante Zustrom stellt auch die Behörden vor gigantische Aufgaben, zumal die ukrainischen Kriegsflüchtlinge nicht geballt in Gemeinschaftsunterkünften, sondern zumeist in Privatwohnungen untergekommen sind, verstreut über den gesamten Landkreis. Viele Ehrenamtliche begleiten den Weg durch die Behörden.

Auch Natalia hatte Glück. Ein befreundeter Ukrainer, der seit sechs Jahren in Wolmirstedt lebt, ist mit ihr zur Kreisvolkshochschule marschiert und hat sie beim allerersten Integrationskurs für Ukrainer in der Stadt angemeldet. Der startete am 24. April, seither geht es Natalia besser. „Es ist die erste Möglichkeit, wo sich Menschen aus der Ukraine zusammenfinden, wo wir miteinander sprechen können“, sagt Natalia. Der Austausch ist bitternötig.

Vor Ort fehlen Ansprechpartner, soziale Beratung

In Wolmirstedt fehle ein Ansprechpartner, eine soziale Beratung. Das bestätigen Eugen, Lilian und alle Kursteilnehmer. Allein sei es mühsam herauszufinden, wo sie sich anmelden müssen, welche Hilfsangebote es gibt, wie es gelingt, Kinder in der Kita oder der Schule unterzubringen, was es braucht, um ein Konto zu eröffnen oder krankenversichert zu sein. „Ein einziger Mensch, der russisch oder ukrainisch spricht und Bescheid weiß, würde helfen“, bestätigen andere Kursteilnehmer. „Wir könnten ruhiger leben“, sagt Natalia, „wenn wir wüssten, welchen Schritt wir als Nächstes gehen müssen.

Im Landkreis ist das Problem bekannt. Dezernatsleiter Dirk Michelmann sagt: „Wir fordern seit langem, die soziale Betreuung nicht außer Acht zu lassen.“ Die vorhanden Sozialarbeiter und Partnerschaften mit Hilfsorganisationen fußen auf der Zahl der bisherigen Asylbewerber, die vor dem Ukraine-Krieg im Landkreis lebten, das waren 800 Menschen. Mit den über 1350 dazugekommenen Ukrainern, vorwiegend Frauen mit Kindern, gebe es noch viel mehr Fragen, Ängste, einen noch stärkeren Aufklärungsbedarf. Trotzdem ist es bisher nicht gelungen, die Zahl der Sozialarbeiter im Landkreis aufzustocken.

Informationsvakuum spüren auch ehrenamtliche Betreuer

Das Informationsvakuum spüren auch Einheimische, die ukrainischen Geflüchteten zur Seite stehen. Anne und Marek Beuchel aus Samswegen haben die 37-jährige Olga Billonok mit ihren Kindern Maxim (16) und Maria (6) aufgenommen. Die drei sind aus der Nähe von Kiew gekommen, haben seit dem 18. März in der ausgebauten Kellerwohnung der Samsweger Gastfamilie gewohnt, nun eine Wohnung in Magdeburg gefunden.

„Wir waren sehr erstaunt über die bürokratischen Hürden“, berichtet „Gastmutter“ Anne Beuchel, „erstaunlich gut läuft hingegen die Unterstützung im persönlichen Bereich.“ Sehr viele Privatpersonen und Unternehmen leisten unkompliziert Hilfe. Olga Billonoks Magdeburger Wohnung wurde komplett von der Firma Papenburg eingerichtet, außerdem der Kühlschrank gefüllt. „Es ist unsere Philosophie, dass wir an all unseren Standorten insgesamt einhundert ukrainische Familien unterstützen“, sagt Carlo Hinze, Chef der Farsleber Niederlassung Papenburgs.

Während solche Aktionen auf Solidarität beruhen und nicht einklagbar sind, ist staatliche Unterstützung den Kriegsflüchtlingen gewiss. Doch auch dort zeigt sich, mit welch großem Zustrom der Landkreis fertig werden muss. Am monatlichen Zahltag gleicht das Bild, das sich vor dem Migrationsamt bietet, einem Basar. Stundenlang harren die Menschen auf dem Hof aus, bis sie zum Schalter gerufen werden.

Trotz Ansturm nicht mehr Zahltage

„Wir können trotzdem nicht mehr Zahltage anbieten“, sagt Dirk Michelmann, „denn an solchen Tagen bleibt die ausländerrechtliche Erfassung liegen." Mehr Zahltage würden also bedeuten, Kriegsflüchtlinge müssten noch länger auf ihren Aufenthaltstitel warten, also auf die Erlaubnis, zwei Jahre hier zu leben, arbeiten, krankenversichert zu sein und mehr. Die Wartezeit beträgt schon jetzt mehrere Wochen.

Wie soll es weitergehen? Manche Ukrainer möchten dauerhaft hier bleiben, andere würden gern wieder nach Hause, zurück in ihr Heimatland, in ihr altes Leben, aber zurzeit sieht es nicht danach aus, dass der Krieg bald beendet sein wird. Deshalb möchten sie lernen, wie das Leben in Deutschland funktioniert, sich darin zurechtfinden.

Eine Anlaufstelle an den Wohnorten könnte helfen, doch die gibt es nicht, auch nicht in Wolmirstedt. Die Ukrainebeauftragte des Rathauses erledigt diesen Job nur in einem Teil ihrer Arbeitszeit, noch niemand hat Plattformen, wie etwa Stammtische gegründet. Dabei reißt der Beratungsbedarf nicht ab.

Am 20. Mai will die Bundesregierung beschließen, ob Ukrainer künftig vom Jobcenter betreut werden (siehe unten). Auch die Kinderbetreuung ist nicht geklärt. Es wird zwar viel über Ankunftsklassen geredet, aber in der Börde wurde noch keine eröffnet. Kinder können dennoch schon jetzt in den Schulen angemeldet werden, werden manchmal in die Klassen integriert, sofern eine ärztliche Bescheinigung vorliegt.

Integrationskurse leisten wichtigen Beitrag

Einen wichtigen Beitrag leisten die Integrationskurse, weil sie neben der Sprache auch die deutsche Kultur vermitteln (siehe unten). Die ist für viele eine riesige Herausforderung. Doch im Kurs ist viel Optimismus zu spüren. Julia, die in einer der hinteren Reihen sitzt, sagt mit Blick auf Eva Zierau: „Bei solch einer Lehrerin ist es unmöglich, dass man nicht deutsch lernt.“

Was für Flüchtlinge aus der Ukraine wichtig ist

Wer im Landkreis Börde ankommt, findet neuerdings einen Fahrplan auf der Internetseite, bisher auf deutsch: (www.landkreis-boerde.de/Ukraine-Nachrichten aus dem Landkreis Börde/Alles, was ukrainische Kriegsflüchtlinge wissen müssen / Handreichung zum Ankommen im Landkreis Börde

Sofern der Bundesrat am 20. Mai zustimmt, werden ukrainische Kriegsflüchtlinge ab dem 1. Juni von den Jobcentern betreut. Dann gibt es alle Leistungen aus einer Hand: Grundsicherung (HartzIV), Arbeit, Miete, Heizkosten... Für Kinder werden Teilhabeleistungen wie Mittagessen, Sportverein, Schulstarterpakete und Kindergeld übernommen. Voraussetzung ist eine Fiktionsbescheinigung, die vom Landkreis Börde ausgestellt wird (siehe Handreichungen). Daraufhin wird eine Krankenkasse gewählt, ein Konto eröffnet, auch die Rentenversicherung beantragt.

Bisher wurden im Landkreis für 350 Familien Anträge ausgegeben, nicht alle werden bis zum 1. Juni bearbeitet sein. Erst, wenn ein Bewilligungsbescheid vorliegt, übernimmt das Jobcenter. Bis dahin bekommen Ukrainer ihr Geld weiterhin beim Landkreis. (Zahltage sind auf der Internetseite veröffentlicht). Dennoch wird jeder Antrag auf den 1. Juni zurückdatiert, das heißt, die Differenzen zwischen den Leistungen ausgeglichen. Kernbotschaft: Niemand wird ohne Geld dastehen.

Die Kreisvolkshochschule bietet weitere Integrationskurse an: Anmeldungen unter 03904/ 72407260 oder für Oschersleben unter 03904/72407280. Lehrer werden dringend gesucht.

 Carlo Hinze hat im Namen der Firma Papenburg (v.l.) Olga, Maxim und Maria (auf dem Rad) Billonok  die Wohnung eingerichtet. Bis dahin wurden sie von Anne und Marek Beuchel (v.r.) betreut.
Carlo Hinze hat im Namen der Firma Papenburg (v.l.) Olga, Maxim und Maria (auf dem Rad) Billonok die Wohnung eingerichtet. Bis dahin wurden sie von Anne und Marek Beuchel (v.r.) betreut.
Gudrun Billowie