Wolmirstedt l Der Katharinensaal war am Montagabend rammelvoll. Weit mehr als 200 Wolmirstedterinnen und Wolmirstedter waren gekommen, um sich ein genaueres Bild von den vier Kandidaten für das Bürgermeisteramt zu machen. Sie verfolgten, wie Volksstimme-Redakteurin Gudrun Billowie den Politikern auf den Zahn fühlte.

Wirtschaftsförderung

Die Arbeitslosigkeit in Wolmirstedt beträgt knapp fünf Prozent, mit der B 189, dem Mittellandkanal, der Elbe und bald auch der A 14 ist Wolmirstedt verkehrstechnisch gut angebunden. Eine starke Wirtschaft gilt als das Rückgrat einer Stadt. Das sehen auch alle vier Kandidaten so.

Robert Grafe lobte das Stadtentwicklungskonzept des Stadtrates. Daran solle man sich auch weiterhin halten. „Wirtschaft schafft Arbeitsplätze. Wir sollten nur darauf achten, dass die Betriebe auch langfristig bei uns bleiben, und nicht gleich wieder abwandern“, so der Linken-Politiker.

Bilder

Mike Steffens ist daran gelegen, die Menschen vor Ort zu halten. „Viele Betriebe vor Ort spüren bereits den Fachkräftemangel“, sagte der 47-Jährige, der selbst Unternehmer ist. Man müsse bei Neuansiedlungen darauf achten, dass den alten Unternehmen nicht die Fachkräfte genommen werden. Entscheidend in Sachen Wirtschaftsförderung sei ohnehin der Ausbau des schnellen Internets, ist sich Steffens sicher: „Langfristig werden wir auch wieder in die Breitband-Arge des Landkreise eintreten müssen.“

Laut Marlies Cassuhn würden Betriebe stets mit konkreten Vorstellungen kommen. Deswegen seien konkrete Ansprechpartner im Rathaus notwendig. Die Wirtschaftsförderung erklärte sie zur Chefsache, betonte aber auch: „Es geht aber nicht immer nur um die großen Betriebe. Wolmirstedt wird immer eine Kleinstadt bleiben, wo wir den Handel und das Gewerbe pflegen müssen.

Nur ausreichend gut bezahlte Arbeitsplätze könnten den demografischen Wandel aufhalten, sagte Felix Zietmann. Deswegen sei eine intensive Wirtschaftsförderung unumgänglich

Das Zentrum als Herz der Stadt

Die Wolmirstedter Innenstadt verwaist zusehend. Geschäfte bleiben leer, der Vandalismus nimmt zu. Welche Lösungsansätze ihnen vorschweben, erklärten die vier Kandidaten auch am Montagabend.

Als Bürgermeister würde Mike Steffens sofort eine Stelle für Stadtmarketing im Rathaus schaffen. Man müsse sich mit den Händlern an einen Tisch setzen und nach Lösungen suchen, so der Christdemokrat.

Eine sterbende Innenstadt sei nicht nur in Wolmirstedt ein Problem, betonte Felix Zietmann. Er regt die Gründung eines Innenstadtvereins an. Außerdem müsse man den Vandalismus stärker bekämpfen. Deswegen mache er sich dafür stark, das Ordnungsamt personell aufzustocken.

Nach Marlies Cassuhns Meinung könne es für das Problem nur individuelle Lösungen geben. Gemeinsame Feste wie das anstehende Fest der Nachbarn seien da identitätsstiftend.

Er selber sei im Einzelhandel tätig, erzählte Robert Grafe. Ganz wichtig sei es, in der Innenstadt einheitliche Öffnungszeiten zu haben: „Das ist ein Mittel, das nichts kostet.“

Junge Familien

Wolmirstedt hat jegliche Schulformen, moderne Kitas, ein Schwimmbad, Jugendclubs – die Stadt ist ein Paradies für junge Familien. Und dennoch schrumpft die Einwohnerzahl.

Marlies Cassuhn möchte junge Familien unterstützen. Ihr schwebt eine finanzielle Förderung beim Eigenheimbau vor, eine Entwicklung des ehemaligen Krankenhausgeländes. „Wir haben eine gute Infrastruktur, aber laut Bevölkerungsprognose verlieren wir bis 2030 1196 Einwohner. So werden wir die Infrastruktur nicht halten können“, befürchtet die parteilose Kandidatin, die von der SPD unterstützt wird. Kita-Plätze müssten bezahlbar bleiben, sie kostenlos zur Verfügung zu stellen, würde nicht funktionieren.

Das sieht Robert Grafe anders: „Kostenlose Kita-Plätze können wir schaffen, aber der politische Wille muss natürlich da sein.“ Eltern sollten sich nicht Gedanken machen müssen, ob sie sich ein Kind leisten können. Familiengründung sei schließlich keine Rechnung, sondern eine Herzensangelegenheit. Entscheidend für die Ansiedlung junger Familien sei bezahlbarer Wohnraum. Da ist sich Mike Steffens sicher. Dafür könne er sich zum Beispiel einen Kinderbonus für Grundstückskäufer vorstellen. Beim Thema Kita ginge es nicht nur um die bezahlbaren Plätze, sondern auch um flexiblere Zeiten.

Auch Felix Zietmann hat sich kostenfreie Kita-Plätze auf die Fahnen geschrieben – dazu noch kostenloses Schulessen. Das Finanzielle sei für junge Familien sehr wichtig. „In einer Region, in der die meisten Menschen nur 10 oder 11 Euro verdienen, überlegen sich viele, ob sie sich ein Kind noch leisten können“, so der 28-Jährige. Er wolle auch einen Willkommensbonus für Neugeborene einführen.

Haushalt

Wie er kostenfreie Kitas, Schulessen und einen Willkommensbonus finanzieren möchte, ist Felix Zietmann klar. „Eine reiche Stadt wie Wolmirstedt muss sich das leisten können. Bei einem 16 Millionen Haushalt müssen eine Millionen für kostenfreie Kitas drin sein. Ansonsten wird dann halt mal eine Straße nicht geflickt. Wir brauchen eine neue Prioritätenliste“, so der AfD-Kandidat.

Gegen eine kostenlose Betreuung von Kindern hätte Mike Steffens nichts einzuwenden: „Aber das Geld dafür muss vom Bund kommen.“ Finanzielle Stabilität könne man letztlich nur durch viele Einwohner bekommen, die in Lohn und Brot stehen. Deswegen sei das Wichtigste die Wirtschaft zu stärken.

In der Verwaltung müsse das betriebswirtschaftliche Denken noch mehr einziehen, sagte Marlies Cassuhn. Man müsse mehr Fördermittel akquirieren, aber Cassuhn betonte auch: „Wir haben in Wolmirstedt immer eine ordentliche Finanzpolitik gemacht. Die Pro-Kopf-Verschuldung liegt bei 93 Euro, landesweit sind es 1033 Euro.“

Haushaltstechnisch macht sich Robert Grafe für die schwarze Null stark. Dennoch müsse Geld für Investitionen da sein. Zum Beispiel, um eine Nachnutzung des Landratsamtes sicherzustellen.

Mehr als zwei Stunden stellten sich die Bewerber den Fragen. Auch die Vereinsförderung und der Stadionneubau waren Themen.