Garten

Warum eine syrische Familie in Wolmirstedt beinahe ihren Kleingarten verloren hätte

Seit zwei Jahren bewirtschaftet eine siebenköpfige syrische Familie zwei Kleingärten. Nun flatterte ihnen überraschend die Kündigung ins Haus. Was war passiert?

Von Gudrun Billowie
Petra Bethge betreut die Familie als Integrationslotsin.
Petra Bethge betreut die Familie als Integrationslotsin. Foto: Gudrun Billowie

Wolmirstedt - Mohammed, Leila und ihre Geschwister können im Garten weiterhin auf dem Trampolin springen, während die Eltern Erbsen anbauen oder Früchte, deren Samen aus der syrischen Heimat stammen. Die Familie wird mit dem Vorstand einen Pachtvertrag schließen, der zunächst für ein Jahr gilt. Damit fielen viele Steine von Herzen, denn die Familie hatte bereits eine Kündigung bekommen. Was war passiert?

Lokman B. und Sewsan D. (in Syrien tragen verheiratete Paare verschiedene Nachnamen, die sind der Redaktion bekannt), sind vor fünf Jahren aus Syrien nach Deutschland geflüchtet. Drei Kinder gehörten da zur Familie, inzwischen sind zwei weitere auf die Welt gekommen. Ihr Zuhause haben sie in einem Zehngeschosser in Wolmirstedt gefunden, die Kinder besuchen Schule und Kita, doch für die Nachmittage wurde die Wohnung zu eng. Vor zwei Jahren haben sie in der Gartensparte „1947“ zwei Kleingärten übernommen. Wobei der Name Kleingarten leicht untertrieben ist, denn ein einzelner dieser Gärten misst bereits 600 Quadratmeter.

Überraschende Kündigung

Die Gärten waren vermüllt, die Laube ist windschief, das Unkraut war hochgewuchert. Stück für Stück haben Eltern und Kinder den Unrat entfernt, erste Beete angelegt, Stühle und Tische geschrubbt, die Laubentür rot gestrichen. Beinahe jeden Tag sind sie im Garten zu finden, Gartenarbeit ist ihnen vertraut, auch in Syrien haben sie auf dem Land gewohnt. Am 10. Mai bekamen sie vom Vorstand überraschend die Kündigung.

Mit Nachdruck wurde gefordert, den Schlüssel am 31. Mai an den Vorstand zu übergeben, von einem künftigen Hausverbot sah der Vorstand ab. Der Vorwurf: Fehlverhalten des Familienvaters.

Kündigung ohne Gespräch

Petra Bethge, die als Integrationslotsin die Familie seit fünf Jahren betreut, war fassungslos. „Es ist einfach ungehörig, die Familie so rauszuwerfen.“ Sie konnte die Gründe nicht einordnen, suchte das Gespräch mit dem Vorstand. Das kam nicht zustande. Sie erhielt lediglich eine Whatsapp, in der die Kündigung bekräftigt wurde, dazu wurde mit rechtlichen Maßnahmen gedroht, sollte der Schlüssel nicht übergeben werden.

Also gesellte sich Petra Bethge zum Schlüsselübergabe-Termin dazu, ebenso Joachim Hennig, der die Familie ebenfalls unterstützt. Von der Kleingartensparte fanden sich sogar fünf Vertreter ein. Es entspann sich ein Gespräch zwischen der syrischen Familie und dem Vorstand, das erste, seit die Vorwürfe bekannt geworden waren. Die lauten: Der Familienvater sei unbefugt in fremde Gärten gegangen. Es habe sechs Beschwerden gegeben.

Das stritt die Familie nicht ab, doch Frau D. sagt, die Kündigung habe sie hart getroffen. Sie könne sich nicht vorstellen, den Garten zu verlieren, wegen der Kinder und auch, weil sie auf die Ernte verzichten müsste, weil die bisherige Arbeit umsonst war.

Von IS verschleppt

Lokman B. spricht - im Gegensatz zu seiner Frau - kein Deutsch, deshalb erzählte Joachim Hennig die Geschichte des Syrers: „Er war drei Monate in der Gefangenschaft des IS gewesen, ihm waren die Finger gebrochen und die Zähne ausgeschlagen worden. Vor seinen Augen wurde der Bruder erschossen.“

Auch wegen der posttraumatischen Belastungsstörungen des Familienvaters wird die Familie von Peter Schulz betreut, einem Sozialarbeiter des Cornelius-Werkes. Der weiß: „Das sind Erfahrungen, die kein Mensch abschütteln kann.“ Inzwischen sei der Familienvater in ärztlicher Behandlung, bekomme beruhigende Medikamente. Flashbacks seien trotzdem nicht auszuschließen. „Der Mann braucht vor allem eins: Hilfe.“

Dass fremde Gärten trotzdem nicht betreten werden dürfen, darüber waren sich alle einig. Aber deshalb der ganzen Familie die Gärten wegnehmen? Joachim Hennig mahnt: „Das hätte für die Kinder psychosoziale Folgen.“ Sie wären zu siebt auf ihre Vierraumwohnung zurückgeworfen.

Integrationslosin als Ansprechpartner

Er bot zusammen mit Integrationslotsin Petra Bethge an, als Ansprechpartner für den Kleingartenvorstand zur Verfügung zu stehen. Auch Frau D., die Integrationskurse besucht und gut Deutsch spricht, betonte, jederzeit ansprechbar zu sein. Der Vorstand nahm das Angebot an. Zunächst wird ein befristeter Vertrag für ein Jahr geschlossen.

Integrationslotsin Petra Bethge klatschte erleichtert mit den Kindern ab, Herr B. lächelte, als seine Frau ihm den Entschluss übersetzte, Frau D. atmete erleichtert auf: „Danke.“ Die Kinder hüpften übermütig auf dem Trampolin.

Bleibt die Frage: Tragen die anderen Kleingärtner die Entscheidung mit, auch diejenigen, die sich über das unbefugte Betreten beschwert haben? Die amtierende Vorsitzende sagt: „Wir werden reden.“