Sachsen-Anhalt

Wie eine Prinzessin Jahrhunderte überdauerte

Spannende Einblicke in historische Funde bei Ausgrabungen im Steinbruch Mammendorf (Landkreis Börde).

Von Von Bodo Müller

Klein Bartensleben l Artikel der Rubrik „Meine Heimat anno dunnemals“ sind beliebt, denn oft wecken sie verloren geglaubte eigene Erinnerungen. Mancher verliert zwar das Interesse, wenn es im Zeitenlauf immer weiter zurückgeht. Dabei gibt es im Leben unserer fernen Vorfahren viel Spannendes zu entdecken, selbst wenn wir in Epochen suchen, aus denen es keinerlei schriftliche Überlieferungen gibt.

Ein Beispiel dafür ist die „Prinzessin“ von Mammendorf, ein etwa acht- bis zehnjähriges Mädchen aus der späteren Bronzezeit vor zirka 3300 Jahren. Da natürlich niemand weiß, welche gesellschaftliche Stellung das Kind zu Lebzeiten hatte, steht Prinzessin in Anführungszeichen. Da sie aber mit einem wirklichen Schatz aus Bronzeschmuckstücken beerdigt wurde, gehörte sie auf jeden Fall der Oberschicht an, war vielleicht die Tochter eines Stammesfürsten. Und Fürstentöchter sind nun mal Prinzessinnen. In Anlehnung an den Ötzi aus dem Ötztal hätte man sie nach dem Fundort Mammendorf auch „Mammi“ nennen können, aber dafür war sie einfach zu jung.

Ich habe damals - im Spätsommer und Herbst 2014 - bei der Grabung des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie am Steinbruch Mammendorf mitgearbeitet. Die Auffindung und Bergung dieser Kinderbestattung war äußerst spannend und hatte etwas von einem Krimi. Das Grab war so tief angelegt und gut verborgen, dass wir es beinahe nicht entdeckt hätten.

Nur ein rechteckiger Schatten auf dem scheinbar unberührten Boden der Grabgrube verriet das Vorhandensein einer ehemals hölzernen Grabkammer. Als wir dann vorsichtig Zentimeter für Zentimeter tiefer gruben, fand sich das Skelett des Mädchens. Sie lag in Nord-Süd-Ausrichtung auf dem Rücken und hatte die Unterarme über der Brust gekreuzt.

An den Bodenverfärbungen konnten wir erkennen, dass das Kind in einer aufwändig gezimmerten Grabkammer und wahrscheinlich in einem Holzsarg bestattet wurde. Das Sensationelle an der Bestattung war allerdings der reiche Körperschmuck des Kindes.

Jeder Archäologe freut sich über einen Bronzefund. Eine Bestattung mit zwei oder drei Accessoires ist schon etwas Besonderes. Unsere „Prinzessin“ trug nun aber zwei massive Fußringe, dazu zwei breite Ringe an den Unterarmen. An den Fingern fanden wir mindestens drei Spiralfingerringe und im Halsbereich ein Collier aus feinen Bronzeröllchen und glasartigen Perlen. Daneben lag ein Nest aus mindestens acht Bernsteinperlen. Ein Ohrring und ein siebenteiliger Haarschmuck aus Schmuckscheiben und Spiralnadeln vervollständigten das kostbare Ensemble.

Das Prachtstück aber bildete eine massive Brillennadel aus Bronze, die ihrer Lage nach wohl einst ein Leichentuch verschlossen hatte. Diese doppelspiralige Nadelform kommt in unserer Region eigentlich nicht vor, denn sie war früher nur aus dem südlichen Deutschland bekannt.

Während der Grabungskampagne 2012 war nur ein paar dutzend Meter von der Kinderbestattung entfernt im Grab einer erwachsenen Frau eine erste Brillennadel gefunden worden. Wir hatten nun die zweite entdeckt, eine kleine Sensation!

Alle Schmuckstücke zusammen stellten zu Lebzeiten der „Prinzessin“ sicher ein Vermögen dar, und der heutige kulturhistorische Wert ist natürlich ebenfalls enorm. Die Begeisterung, die der Fund bei uns auslöste, ist nicht zu beschreiben. Es gab eine große Pressekonferenz am Fundort. Mit einem Riesenaufwand wurde die Bestattung in einem tonnenschweren Block geborgen und zur Untersuchung und Präparation in das Landesmuseum nach Halle gebracht.

An dieser Stelle wird mancher sagen: okay, klingt spannend, aber wo bleibt das Kriminalistische? Da wäre zuerst einmal die Frage nach der Todesursache. In manchen Bestattungen zum Beispiel der Steinzeit stecken Feuersteinpfeilspitzen zwischen Rippen oder in der Wirbelsäule, oder eingeschlagene Schädel zeugen von roher Gewalt.

Die Skelettknochen der „Prinzessin“ lagen aber in Kiesschichten unter dem Löss und waren daher bis auf die Langknochen nicht mehr vorhanden. Lediglich der Schädel war erstaunlich gut erhalten, was eventuell für eine gesonderte Umhüllung spricht. Durch diese gute Erhaltung waren am Gebiss des Mädchens sogenannte überzählige Zähne zu erkennen. Diese hatten sich durch das normale Gebiss geschoben und wahrscheinlich massive Entzündungen verursacht, sodass der Kieferknochen stark in Mitleidenschaft gezogen wurde. Das Mädchen ist also mit hoher Wahrscheinlichkeit an dieser Entzündung und einer so ausgelösten Blutvergiftung gestorben oder einfach verhungert. Traurig, aber Fall (wahrscheinlich) gelöst!

Es wird allerdings noch mysteriöser. Nur wenige Schritte vom Grab der „Prinzessin“ entfernt, fanden wir eine zweite Bestattung. Sie lag genau in einer Linie mit dem Grab des Mädchens. Diese Bestattung lag sehr flach in der Lössschicht und war daher gut erhalten. Es handelte sich um eine Frau, und sie lag in der gleichen Haltung wie das Mädchen. Allerdings fehlte ihr jeglicher Schmuck.

Neben den eigentlich unerlässlichen Fußringen fehlten sämtliche Fußknochen und am rechten Bein auch Schien- und Wadenknochen. Es ist nur eine Vermutung, aber dieses zweite Grab könnte zur Irreführung von Grabräubern angelegt worden sein, denn diese Unsitte ist so alt wie die (bestattende) Menschheit. Wäre es so, hätte der Plan funktioniert, denn die Fußringe und eventuell auch eine Gewandnadel sind verschwunden, das Grab der „Prinzessin“ aber blieb unversehrt.

Woher man für die „Ablenkungsbestattung“ so schnell eine Leiche nahm, ist die Frage. Die Sitten waren in jener Zeit rau und mit unserer Ethik nicht vereinbar. Das wissen wir von anderen Fundsituationen jener Zeit. Sollte es damals zu einer absichtlichen Tötung der Frau gekommen sein, hätten wir tatsächlich einen „Kriminalfall“.

Ich bin kein Archäologe und habe an der Grabung nur als Mitarbeiter teilgenommen. Daher sind meine Schlussfolgerungen aus der Auffindungssituation nur die eines Laien. Es wäre toll, wenn die Untersuchungen der Archäologen und Anthropologen die von mir vermuteten Zusammenhänge bestätigen würden. Auf jeden Fall bildete diese besondere Ausgrabung den Höhepunkt meiner Arbeitsjahre als Grabungsmitarbeiter, und da sich ein Schatzfund kaum toppen lässt, konnte ich danach beruhigt in den „Ruhestand“ gehen.