Zerbst/Dobritz l Damit hatte Klaus Quer nicht gerechnet. Der Dobritzer wollte am Montagmorgen auf dem Weg zur Arbeit noch schnell bei seiner Herde vorbeischauen, ob vielleicht schon ein Schaf gelammt hat. Was da auf dem Acker lag, war allerdings kein Lamm, sondern ein totes Mutterschaf, offensichtlich gerissen. Und nicht nur eines. Fünf tragende Mutterschafe fand er tot und zum Teil angefressen vor. Der Wolf hatte sein Unwesen getrieben.

Gleich hinter Dobritz in Richtung Deetz weidete die Herde einen großen Acker ab, Stück für Stück. „In 14 Tagen wären wir dort fertig gewesen“, so Klaus Quer. Für entsprechende Maßnahmen zum Schutz der Herde – insgesamt 70 Mutterschafe – hatte er gesorgt. Der Übergriff erfolgte trotz gefordertem Zaun mit Flatterband, trotz Blinkleuchte und Strom mit erforderlicher Leistung. „Mehr kann man doch gar nicht machen“, meinte er. Schon seit 20 Jahren hält Quer Schafe. Die Familie betreibt die Schafzucht als Nebenerwerb. So einen Vorfall gab es bisher noch nicht. Mehrmals am Tag schaute der Mann bei den Tieren vorbei, manchmal auch nachts. Jäger hatten schon öfter einen Wolf gesichtet, wusste der Dobritzer, „aber ich nie“.

Seine Arbeit als Forstwirt musste Quer am Montag absagen. Der Nutztierrissgutachter war vor Ort. Er stellte fest, dass Trittsiegel vorhanden waren und nahm eine DNA-Probe. Alle Tiere wurden durch den wolfstypischen Kehlenbiss getötet. Für den Schäfer ist der Verlust enorm. Ein erheblicher finanzieller Schaden ist entstanden durch den Verlust der fünf Muttertiere und der ungeborenen fünf bis zehn Lämmer. Seine Herde hat Quer inzwischen nach Hause geholt. Bald werden keine Schafe mehr draußen zu sehen sein, prophezeit er. Einen Antrag auf Schadensersatz soll er nun ausfüllen.

Das muss auch Rainer Frischbier. Der Schäfer hat am Dienstagmorgen ein totes Schaf auf seiner Weide entdeckt. Der Elektrozaun war auf einer Breite von rund zehn Metern aufgerissen. Hier müsse die Herde durchgebrochen sein, schätzte der Schäfer ein. „Das heißt auch: Der Wolf springt über den Zaun“, machte er klar. Das, so erzählt der Pakendorfer, sei immer ausgeschlossen worden. Vor allem, wenn der Zaun unter Strom gesetzt sei, werde der Wolf den Zaun meiden, habe es immer geheißen. „Mein Zaun ist mit 1,06 Meter schon höher als der mit 90 Zentimeter als Schutz empfohlene“, sagte der Schäfer.

Das habe den Wolf aber nicht abgehalten. Dass es ein Wolf war, daran bestehe auch für Frischbier kein Zweifel. Typisch sei der Kehlenbiss, der das Tier sofort töte. „Hunde beißen anders, nicht so gezielt“, sagt der Schäfer. Die Herde musste Frischbier erst einmal aufspüren, bevor er sie wieder einfangen konnte. Dabei stellte er fest, dass der Wolf auch zwei frische Lämmer gerissen habe.

Er wisse nicht mehr, was er machen solle, so Frischbier. Der hauptberufliche Schäfer habe insgesamt rund 700 Tiere. Ein Teil stehe in Pakendorf, der andere auf der Pacht auf dem Getec-Energiepark.

Bereits vor 16 Tagen sei seine Herde attackiert worden. „Das Schaf steht jetzt bei mir im Stall, das lebt zum Glück noch“, sagt er. Es sei aber schwer am Bein verletzt. Das stelle ihn allerdings vor Probleme.

„Das Schaf ist wahrscheinlich tragend. Nun darf die Tierarztrechnung nicht teurer werden, als das Schaf wert ist“, erzählt er. Als Entschädigung stünden ihm wohl rund 100 Euro zu, sagte er. „Das bekomme ich als Schlachtpreis für ein altes Schaf“, sagte er.

Dann solle er es einschläfern, habe man ihm vorgeschlagen. „Tragende Schafe darf man nicht einschläfern“, betonte er. „Da beißt sich der Hund in den Schwanz“, sagte er. Zudem müsse er es im Stall füttern, was zusätzliches Geld koste. Selbst das Einschläfern und die Entsorgung - wäre es nicht tragend - wäre teurer. Egal wie er es drehe, er werde bei dem Tier in jedem Fall Geld verlieren, betonte er.

Insgesamt sei das der vierte Angriff eines Wolfs auf seine Schafe. „Ich werde nachts wach, schweißgebadet und habe Angst, dass der Wolf kommt. Dann fahr ich zur Koppel.“

Mittlerweile, fügte er an, richte er sein Leben schon nach dem Wolf aus. „Mein Tag war anders geplant. Jetzt muss ich auf den Gutachter warten, meine Herde wieder einfangen, das Tier entsorgen lassen und komme zu nichts anderem, außer mich um das zu kümmern, was der Wolf angerichtet hat.“

Der Nutztierrissgutachter Peter Oestereich sagte: „Ein Wolf ist nicht ausgeschlossen.“ Viele Indizien weisen auf den Wolf hin, unter anderem der Kehlbiss, der die Beute schnell tötet. Gewissheit bringe jedoch nur eine DNA-Analyse, teilte er mit. Eine abschließende Bewertung wollte der Fachmann gestern noch nicht geben. Er gehe aber davon aus, dass es sich um einen Einzelgänger handele. Die Bissspuren auf dem Energiepark und in Dobritz ähneln einander sehr stark. Eine Häufung der Vorfälle sei in den Monaten November und Dezember sowie noch einmal im März zu beobachten. Er denke, Rainer Frischbier könne seine Herde schützen, „allerdings mit mehr Aufwand an Arbeit und Geld“, sagte er. Der Koppelzaun müsse ja jeden Tag verlegt werden, gibt Frischbier zu bedenken, je größer dieser ist, um so aufwendiger werde das auch. „Wir versuchen es jetzt mit einem 1,20 Meter hohen Zaun und eine Breitbandlitze, um die Tiere zu schützen“, sagte Oestereich.

Getec-Vorstand Chris Döring, selbst Jäger, sagte: „Das ist doch furchtbar.“ Ihn wundere, dass der Übergriff in unmittelbarer Nähe der Baustelle stattfinde. Dort sei quasi ständig Betrieb, auch in den Abendstunden.

Ralf Müller, Vorsitzender der Jägerschaft Zerbst, zeigte sich wenig verwundert. „Der Wolf hat keinen natürlichen Feind. Wenn er merkt, dass ihm nichts passiert, merkt er sich das. Er hat die Scheu vor dem Menschen verloren.“

Er schlage vor, zumindest die Wölfe zu zählen. Die Jägerschaft gehe von 250 Tieren in Sachsen-Anhalt aus und rechne mit einem Zuwachs von 40 Tieren pro Jahr. In anderen EU-Ländern gebe es nachahmungswerte Modelle. „In Schweden rechnet man mit 400 Wölfen. Da wurden nun 25 zum Abschuss freigegeben und auch erlegt.“

Dass die Vorfälle gegen Ende des Jahres und im März zunehmen, könne der Jäger bestätigen. Im Winter werde die Nahrung knapper, so Müller. Im März beißen die Alpha-Wölfinnen wegen des neuen Nachwuchses die größeren Jungtiere weg, erklärte er. Die Einzelgänger suchen sich dann neue Nahrungsquellen. Er sei für eine Regulation der Population, wo sie unerwünscht sei. Angriffe auf Nutztiere könne keiner wollen, so Müller.