Zerbst l Die Deutsche Demokratische Republik liegt in den letzten Zügen. Der real existierende und selbst ernannte sozialistische Staat, ein Staat zwischen dem Überwinden einer Diktatur, monatelanger Anarchie und dem Beitritt zum Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, hört in wenigen Stunden auf zu existieren.

Es ist Dienstag, der 2. Oktober 1990. Die Volkskammer in Berlin tagt zum letzten Mal. Im ganzen Land laufen die Vorbereitungen für die Einheitsfeiern am nächsten Tag. Doch den Vorabend zum Tag der Wiedervereinigung werden einige niemals vergessen – andere wohl schon.

Wie fast jeden Abend treffen sich in Zerbst an diesem Abend knapp 20 Jugendliche in der Kötschauer Mühle. In der Stadt will sie niemand haben. Immer und immer wieder werden sie verjagt, von rechten Jugendlichen attackiert, gedemütigt, aufgelauert und verprügelt. Doch was an jenem 2. Oktober 1990 in der Luft liegt – nicht nur in Zerbst – ist jenseits jeglicher Vorstellungskraft.

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Emotionales Treffen nach 30 Jahren

Genau 30 Jahre später, am Abend des 2. Oktober 2020 kommen einige der damals 13- bis 18-jährigen Jugendlichen erneut zusammen. Die heute gestandenen Männer wühlen die Geschehnisse jener Nacht noch immer auf – denn sie haben um ihr Leben gefürchtet, ja hatten den Tod vor Augen.

„Im Alltag spielen die Ereignisse von damals keine große Rolle mehr. Anders ist das an Jahrestagen wie heute. Da kocht alles wieder hoch, die Hilflosigkeit und vor allem die Wut“, schildert Frank*. Er war damals dabei, ist auch vom Dach gesprungen und hat sich dabei verletzt. „Man hat uns einfach im Stich gelassen, besonders die Stadt, selbst nach dem Angriff“, erzählt er mit stockender und zitternder Stimme.

Gerade einmal knapp vier Wochen habe man die Gruppe in Ruhe gelassen. Dann seien die Angriffe weitergegangen. „Selbst vor dem Polizeirevier hat man uns verprügelt und niemand hat eingegriffen“, schildert Frank die Repressalien. Nach seinem Abitur habe er 1993 Zerbst, so schnell es eben ging, verlassen. „Ich habe die Stadt einfach nur noch hässlich gefunden. Ich bin seit den Geschehnissen vor 30 Jahren das erste Mal wieder hier“, erzählt Frank. Er fühle sich in Zerbst einfach nicht wohl.

Volkspolizei kann nichts dagegen tun

Im ganzen Osten der noch nicht vereinten Republik kündigen Neonazis und Rechte Angriffe auf anders Aussehende und Denkende an, unter anderem in Berlin, Erfurt, Jena, Leipzig, Guben, Magdeburg, Schwerin und eben auch in Zerbst. Die Zerbster Volksstimme veröffentlicht an diesem Tag eine Pressemitteilung der Polizei:

„Vorbereitet ist die Volkspolizei, am morgigen Tag der Deutschen Einheit für Ordnung und Sicherheit im Territorium zu sorgen. (…) Informiert ist die Volkspolizei, dass es in der Nacht vom 2. zum 3. Oktober zu einem Zusammenstoß einer großen Anzahl rechtsgerichteter Jugendlicher aus Zerbst, Roßlau und Magdeburg mit linksgerichteten Jugendlichen aus Zerbst in der Kötschauer Mühle kommen soll. Das Zerbster Volkspolizeikreisamt (VPKA) sieht sich auf Grund seiner zur Verfügung stehenden Kräfte jedoch außerstande, dort einzugreifen.“

Freie Macht der Rechten

Sicher nicht gewollt, vereint diese Meldung zwei wohl unglaubliche und heute unvorstellbare Botschaften: An die, die ihr angegriffen werden sollt, schützt euch selbst, denn wir, die Polizei, als Gewaltmonopol des Staates, können es nicht. Und an die, die ihr auf Krawall gebürstet seid, wir können euch nicht aufhalten. Ihr habt freie Bahn. Im Übrigen birgt diese Meldung einen Umstand, der den Opfern später sogar noch zum Vorwurf gemacht wird.

Am Abend des 2. Oktober 1990 eskaliert die Situation. Steine und Feuerwerkskörper fliegen auf das alte Gebäude. Die Gruppe in der Mühle hat sich verbarrikadiert, was ihr etwas später zum Verhängnis werden wird.

Gesamte Mühle steht in Flammen

Gegen 22.15 Uhr erfolgt durch zwei Polizisten, die das Szenario an der Mühle schon ein Weile beobachten, die erste Alarmierung der Feuerwehr, die dann jedoch abgebrochen wird, weil die Polizisten noch kein Feuer entdecken können. Die Einsatzkräfte der Feuerwehr rücken also noch nicht aus. Die Kameraden werden erst einmal wieder nach Hause geschickt.

Gegen 22.55 Uhr dann der zweite Alarm. Nur wenige Minuten später präsentiert sich den Einsatzkräften der Einsatzort – das gesamte Treppenhaus, die unteren Flure, einige Zwischendecken sowie Teile des Dachstuhles stehen bereits in Flammen, alle Fenster und die Eingangstür sind verbarrikadiert. Dies bestätigt so auch ein Feuerwehrmann, der damals den Einsatz miterlebt hat, dessen Name aber nicht genannt werden soll.

Oberlöschmeister Semptner schildert Geschehen

Im Gebäude sind noch 17 Jugendliche, die sich auf das Dach retten. Doch die Zerbster Feuerwehr hat zu dieser Zeit noch keine Drehleiter. Diese muss aus Dessau oder Magdeburg angefordert werden. Da sich der Brand jedoch schnell ausbreitet, entscheidet die freiwillige Feuerwehr, die Personen mittels Sprungpolster vom Dach zu retten. „Das Springpolster hatten wir erst wenige Tage zuvor bekommen und war eigentlich nur für Sprünge bis zu einer Höhe von fünf Metern ausgelegt“, erzählt der Feuerwehrmann von damals.

„Feuerwehrleute und Polizisten stehen bereit, um die Gesprungenen unten in Empfang zu nehmen. Wären wir nur mit einem Sprungtuch ausgestattet gewesen, hätte es wohl für die Jugendlichen keine Chance gegeben, den Sprung aus 18 Metern Höhe zu überleben“, schildert der damalige Oberlöschmeister Semptner einige Tage nach dem dramatischen Geschehen der Volksstimme.

Vorsätzlich gelegtes Feuer?

Semptner sagt auch: „Es wurde in der Presse viel über den Vorfall berichtet. Es wurde jedoch nicht erwähnt, dass am Einsatzort auch Molotowcocktails gefunden wurden. Es bleibt also noch immer offen, ob das Feuer nicht doch vorsätzlich gelegt wurde. Außerdem wurden Gegenstände, die als Schlagwaffen hätten benutzt werden können, gefunden.“

Einige der Jugendlichen haben sich bei dem Sprung aus 18 Metern Höhe verletzt, müssen sogar ins Krankenhaus gebracht werden. Semptner moniert damals in seinem Zeitungsbericht, dass sich kein Verantwortlicher der Stadt am Einsatzort habe sehen lassen. „Wir, die freiwilligen Kameraden, sind nach einem bereits absolvierten Arbeitstag 15 Stunden im Einsatz gewesen.“ Man habe sich immer wieder gegenseitig motiviert. Man fühlte sich im Stich gelassen.

Keine Aufarbeitung durch die Stadt und Justiz

Auch Oliver, ein weiterer Betroffener, wirft der Stadt mangelndes Interesse an einer Aufarbeitung dieser verhängnisvollen Nacht vor. „Es hat nach meiner Erinnerung eine Veranstaltung im November 1990 gegeben, in der man versucht hat, mit beiden Seiten zu reden“, sagt Oliver.

Erinnerungen an Inhalte oder daraus entstandene Verbesserungen habe er tatsächlich gar nicht mehr. „Von städtischer Seite aus ist nichts geschehen, zumindest keine Reaktion, die mir noch bewusst ist. Ebenso ist der Termin bei Gericht verlaufen“, schildert Oliver.

Menschenfeindlichkeit steckte dahinter

„Beide Gruppen wurden von Staatsanwalt Frank Pesselt eingeladen und als rivalisierende Gruppen behandelt. Dass hinter diesen ganzen Überfällen eine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit stand, negierte er vollständig“, ärgert sich Oliver.

Oliver: „Obwohl es Geständnisse zu der Nacht gegeben habe, wollte er gerade nicht jene bestrafen, die ehrliche Aussagen zur Wahrheitsfindung getätigt haben. Heute, zum Glück, unvorstellbar. Mit einer Aussprache mit den Beteiligten wollte er die Angelegenheit abschließen. Es wurde der Zeigefinger erhoben, du, du gemacht und es ist nichts weiter geschehen“, erinnert sich Oliver. Selbst da habe es Polizei und Justiz nicht geschafft, die beiden Gruppen getrennt voneinander ins Gericht zu geleiten.

„Wir sind als 14-, 15- und 16-Jährige am Gericht angekommen und vor dem Gebäude haben die ,Anderen‘ gestanden, haben sich gefeiert und wir mussten mit unseren Eltern im Schlepptau durch dieses Spalier laufen“, schildert Oliver den Gang zum Gericht wie einen Spießrutenlauf.

Angriffe gingen weiter

Im Gericht sei ihnen am Ende noch die Schuld oder zumindest eine Mitschuld gegeben worden. „Da hat sozusagen eine Umkehr der Rollen von Tätern und Opfern stattgefunden. Wir seien ja vorgewarnt gewesen, also hätten wir ja auch nicht zur Mühle gehen müssen, hieß es sinngemäß“, erzählt Oliver.

Er jedenfalls könne sich nicht erinnern, jemals einen Menschen wegen seiner Frisur, seiner Kleidung, anderer Äußerlichkeiten oder überhaupt einen Menschen angegriffen zu haben. „Doch für einige gehörte das wohl dazu, vielleicht auch zu dieser Zeit: Hattest du einen Irokesenschnitt auf dem Kopf oder eine doofe Jacke an, hast du auf die Fresse bekommen“, beschreibt er die Zeit damals.

Keine Hilfe von Stadt und Polizei

Auf dem Schulweg, selbst beim Müllraustragen sei er verprügelt worden, vor allem auch noch nach dieser verhängnisvollen Nacht. „Wir hatten mit unseren 15 oder 17 Leuten niemals das Gefühl, adäquat etwas dagegen machen zu können. Stadt und Polizei waren nach unserem Empfinden ganz weit weg. Keine Hilfe, kein Kümmern, keine Aufmerksamkeit, kein Zuhören – gefühlt nichts“, schildert Oliver die Situation der Jugendlichen damals.

Zumindest jetzt, 30 Jahre später, hätte er sich gewünscht, dass ein solcher Diskussionsabend von der Stadt organisiert worden wäre und Zeitzeugen eingeladen worden wären, um die Geschehnisse wenigstens ein Stück weit aufzuarbeiten. „Was ich aber gut finde, dass trotz der Kurzfristigkeit der Bürgermeister eine Vertreterin der Stadt geschickt hat“, so Oliver.

Rechtsfreier Raum nach der Wende

Aber nicht nur für die Opfer selbst ist es heute noch schwer, sich mit dem Geschehenen auseinanderzusetzen. „Zu DDR-Zeiten wusste man sehr wohl, wie weit man gehen kann und wann man im Schnellverfahren hinter Gittern landet“, so ein Elternteil eines der Opfer. Doch nach der Wende 1989 sei so etwas wie ein rechtsfreier Raum entstanden.

Viele hätten gedacht, sie können jetzt machen, was sie wollen. Ihnen geschehe nichts. „Und während der Gerichtsverhandlung den Opfern zu verstehen zu geben, ihr seid ja selbst schuld, denn die andere Gruppe hatte ja angekündigt, dass sie kommen wird, also hättet ihr ja auch nicht zur Mühle gehen müssen, das kann es ja wohl nicht sein“, so der Vater eines der Opfer von damals.

Konflikte brodeln immer noch

Heike Fräßdorf als Vertreterin der Stadt sieht ganz klar Defizite bei der Aufarbeitung der Geschehnisse. Sie arbeitet seit 1995 bei der Stadtjugendpflege und hat nach eigenen Angaben während der Vorfälle noch studiert. Sie finde es sehr wichtig, dass über die Dinge geredet werde, auch Emotionen offen ausgesprochen werden.

„Offensichtlich brodelt hier noch einiges an der Oberfläche, was aufgearbeitet werden sollte, schon auch, weil in der heutigen Zeit wieder Tendenzen hin zu Intoleranz, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus erkennbar sind“, betont Fräßdorf.

Es sei damals eine explosive Situation gewesen. „Ihr habt damals alle mehr als Schwein gehabt, das steht völlig außer Frage“, so die Stadtjugendpflegerin. Sie werde die Kritikpunkte und Hinweise natürlich mitnehmen und auch weitergeben, verspricht sie.

Aufklärend erinnern gegen das Vergessen

Alex, ein weiteres Opfer, gibt zu bedenken, dass die Gruppe schon im Vorfeld des 2. Oktober einiges an Repressalien erdulden musste. „Wir wurden ständig von der Polizei kontrolliert und teilweise auch mitgenommen, weil wir mit mehr als zehn Leuten auf einer Wiese gesessen haben“, schildert Alex seine Erinnerungen. Er erinnert sich, dass sie angespuckt worden sind, sich aus Angst Schleichwege zur Schule gesucht haben.

„Es war ein ständiges Anpöbeln und Beleidigen – auch von vielen Zerbstern. Nach dem 2. Oktober ist es teilweise sogar noch schlimmer geworden. Wir wurden beispielsweise als ,rote Säue‘ bezeichnet“, sagt Alex. Er könne bis heute nicht fassen, was alles für Ausdrücke verwendet wurden. Wobei er der Meinung sei, dass nur ein kleiner Teil von den Angreifern damals wirklich Rechtsgerichtete waren. „Viele sind einfach mitgelaufen, aus Abenteuerlust oder aus welchen Gründen auch immer“, glaubt er und bringt es auf den Punkt: „Wir müssen aufklärend an die Geschehnisse erinnern, dass diese keinesfalls vergessen werden.“

Aufarbeitung in Schulen

Spannend wäre zu erfahren, wie jene, die damals auf der anderen Seite gestanden und auf die brennende Mühle geschaut haben, heute, 30 Jahre nach diesen schrecklichen Ereignissen, über diese Zeit denken. Vielleicht hat ja jemand den Mut darüber zu reden. Und vielleicht haben Vertreter der Stadt und der Zerbster Schulen Interesse an einer Diskussion über die damaligen Ereignisse in Verbindung mit einem Blick auf die heutige Situation.

Mehr Infos zum 2. Oktober 1990 finden sich unter www.zweiteroktober90.de.

*Die Personen werden aufgrund der Anonymität nur mit Vornamen erwähnt.