Zerbst l Ein süßer Duft hängt in der Backstube der Zerbster Schloss-Konditorei. Mit Creme gefüllte Kuchenstücke taucht Leon Emmrich in geschmolzene Schokolade. Ein Teilchen nach dem anderen überzieht er mit der dunklen Glasur. Gerade erst hat der 19-Jährige seine Ausbildung zum Konditor begonnen. „Es ist ein schöner Beruf“, ist der gebürtige Berliner überzeugt. Darin bestätigte ihn das sechswöchige Praktikum, das er zuvor in der „Schloko“ absolviert hatte. Umso mehr freute er sich über die kurzfristige Zusage.

Bis zuletzt habe er überlegt, ob er dieses Jahr wieder einen Lehrling ausbildet, gesteht Daniel Hoffmann. „Das Problem war Corona“, blickt der Konditormeister zurück. Mit dem Ausbruch der Virus-Pandemie musste auch der traditionsreiche Handwerksbetrieb auf der Alten Brücke vorübergehend schließen. Drei Bewerber für eine Lehre hatten sie bereits. Mit dem Lockdown jedoch stellte sich die Frage: Wie geht es weiter?

Konditorei sucht noch Nachwuchs

Schließlich entschied sich Daniel Hoffmann dazu, zuversichtlich in die Zukunft zu schauen und den freien Ausbildungsplatz zu besetzen. „Es muss Nachwuchs ran“, findet er. Und am besten sei es, die benötigten Fachkräfte selbst heranzuziehen. So ist es inzwischen seit Jahrzehnten Brauch in der Schloss-Konditorei.

„Unabhängig von der Prämie, davon wusste ich da noch gar nichts“, merkt Daniel Hoffmann an. Kleinen und mittleren Unternehmen, die durch Corona Einbußen erfahren haben, aber trotzdem an ihrer Ausbildungsstrategie festhalten wollen, biete das Bundesprogramm „Ausbildungsplätze sichern“ finanzielle Unterstützung an, informiert Marion Kopelke. Zugleich erklärt die die Pressesprecherin der Arbeitsagentur Dessau-Roßlau-Wittenberg, dass der Rückgang der gemeldeten Stellen nicht auf die Pandemie zurückzuführen sei.

68 offene Stellen in Zerbst

Ein Minus von 14,9 Prozent musste hier im Vergleich zum Vorjahr bereits vor Corona in der Region Zerbst verzeichnet werden, wie sie schildert. Dennoch überwiege nach wie vor die Anzahl der freien Lehrstellen die der Jugendlichen, die noch einen Ausbildungsplatz suchen. So standen zum Stichtag 6. August den 68 unbesetzten Stellen im Zerbster Bereich 40 Schulabgänger gegenüber, die bis dahin nichts Passendes gefunden hatten.

„In der Regel läuft noch bis Ende Oktober die Vermittlung von Ausbildungsstellen für dieses Jahr“, sagt Marion Kopelke. Wer bislang nicht wisse, wie es nach den Sommerferien weitergehen soll, dem empfiehlt sie, Kontakt zu den Berufsberatern der Arbeitsagentur aufzunehmen. Sie helfen dabei herauszufinden, welcher Beruf der richtige wäre, informieren aber auch über Alternativen zum Traumjob. Nicht zuletzt „kennen sie die Anforderungen, die Firmen an ihre künftigen Nachwuchskräfte stellen und schlagen den Jugendlichen Unternehmen vor, bei denen eine Bewerbung erfolgversprechend ist“, erklärt Marion Kopelke.

Kaufmann und Verkäuferin sehr beliebt

Ganz oben in den Top 10 der unbesetzten Ausbildungsstellen im Agenturbezirk stehen Kaufmann/-frau im Einzelhandel und die Verkäuferin, gefolgt vom Konstruktionsmechaniker, der Fachkraft für Lagerlogistik und dem Elektroniker für Betriebstechnik.

Die Vielfalt reicht weiter. Gern würde beispielsweise Christian Schreck einen Gerüstbauer ausbilden. In den vergangenen Jahren allerdings fehlte es an geeigneten Bewerbern und das nicht zuletzt aufgrund falscher Vorstellungen über die notwendigen Voraussetzungen, die ein Kandidat mitbringen muss, wie der Geschäftsführer der Zerbster Firma Schreck Schalungen – Gerüste GmbH erläutert.

Gerüstbauer sind gefragt

Nur kräftig zu sein, genüge bei Weitem nicht. „Man muss körperlich schon relativ fit sein“, sagt Christian Schreck. Aber auch Mathekenntnisse seien in diesem verantwortungsvollen Job erforderlich, um beispielsweise mal eine Statik zu berechnen. Wer sich für die Lehre interessiere und diese bis zum erfolgreichen Abschluss durchziehe, habe gute Chancen. „Gerüstbauer sind gefragt“, weiß Christian Schreck, der in erster Linie jedoch für den eigenen Betrieb ausbildet.

Jessica Stöhr ist ebenfalls auf der Suche nach Nachwuchs. Sie betreibt das Friseur Atelier auf der Heide in Zerbst. Erstmals bietet sie eine Ausbildungsstelle an. „Bis jetzt habe ich aber noch keinen Lehrling gefunden“, bedauert sie. Wer kreativ sei, Geschmack für Mode besitze und auf Menschen eingehen könne, der sei bei ihr richtig.

Übernahme bei gutem Abschluss

Unterdessen ist Peter Gast auf der Suche nach Jugendlichen, die sich für Autos und Technik begeistern, um sie zum Kfz-Mechatroniker auszubilden. Passende Bewerber zu finden, sei schwierig – mangels Interesse, sagt der Inhaber des Zerbster Kfz-Betriebes Bosch Car Service Gast. Obwohl bei gutem Abschluss die Übernahme winkt.

Um zu verhindern, dass jemand erst nach begonnener Lehre merkt, dass es die falsche Wahl war, muss ein potenzieller „Schloko“-Azubi vorab mindestens ein einwöchiges Praktikum absolvieren, erzählt Daniel Hoffmann. Denn die anstrengende Arbeit in der Backstube beginnt zeitig. „Die Party am Freitagabend fällt da aus“, macht er den Bewerbern deutlich. „Ich stehe gern früh auf“, erklärt Leon Emmrich, bevor er sich den Kirschringen widmet.