Zerbst l Es sei Zeit für einen Generationswechsel, findet Inge Werner. Seit 2005 fungiert die Zerbsterin ehrenamtlich als Geschäftsführerin der Internationalen Fasch-Gesellschaft. „Es hat mir immer Spaß gemacht“, betont die ehemalige Schulleiterin. Inzwischen ist sie 75 und froh, den Staffelstab an die Jugend weiterzugeben.

Bei der Auswahl eines geeigneten Kandidaten folgte sie einer inneren Eingebung. „Ich habe dann eine ganz leise Anfrage gestellt“, erzählt Inge Werner, während sie lächelnd zu Hannes Lemke hinüber blickt. „Es dauerte nicht lange, bis er erklärte, dass er sich das vorstellen könnte“, schildert sie die Reaktion auf ihren Vorstoß.

Unverhofftes Angebot

Es sei eine Überraschung gewesen, dass Inge Werner auf ihn zukam, sagt der 34-Jährige. Er geriet ins Grübeln über das unverhoffte Angebot. Ein Gespräch mit Prof. Barbara Reul vom Präsidium der Fasch-Gesellschaft folgte und schließlich die Entscheidung: Ich mache es.

„Ich weiß noch nicht genau, worauf ich mich wirklich einlasse“, gesteht der Zerbster. Zugleich ist er sich bewusst: „Die Feuertaufe kommt eher als gedacht.“ Denn die 16. Internationalen Fasch-Festtage nahen, sollen vom 15. bis 18. April 2021 stattfinden. „Die Vorbereitungen sind soweit abgeschlossen“, beruhigt ihn Inge Werner. Die Ensembles seien gebucht, die wissenschaftliche Konferenz organisiert und auch der Fasch-Preisträger stehe bereits fest.

Ehrfrucht vor der großen Aufgabe

Dennoch ist es eine völlig neue Herausforderung, die sich Hannes Lemke nun „mit großer Freude“ stellt. „Als Geschäftsführer ist man ja mehr für das Administrative verantwortlich“, konstatiert er. Dennoch liegt eine gewisse Ehrfurcht vor der bevorstehenden Aufgabe in seiner Stimme. Zumal er sich noch nicht lange für den Zerbster Hofkapellmeister begeistert, der von 1722 bis 1758 am Fürstenhof wirkte und in dieser Zeit zahlreiche Werke komponierte.

„Ich bin ein großer Händelfan, an Fasch musste ich mich rantasten“, gesteht der 34-Jährige. „Ich fand ihn sperrig hoch drei“, ergänzt er schmunzelnd. Mittlerweile gefalle ihm gerade das Getragene deutlich besser als die schwungvollen Melodien des Barockmusikers. „Jeder findet seinen Fasch“, ist Hannes Lemke inzwischen überzeugt. Er bringt damit eine wichtige Voraussetzung für die Arbeit in der Fasch-Gesellschaft mit – „mit der eigenen Begeisterung auf andere auszustrahlen“, wie es Inge Werner formuliert.

Scheu vor barocker Musik nehmen

Neben der Pflege und Erforschung von Faschs klangvollem Erbe geht es aus ihrer Sicht vor allem darum, den Leuten die Scheu vor barocker Musik zu nehmen. „Diese ist nicht nur für Eliten“, sagt sie mit Blick auf seine vielfältigen Stücke. Neben geistlichen Kantaten, Messen und Psalmvertonungen komponierte Fasch ebenfalls Konzerte, Sinfonien und Orchestersuiten.

Für jeden sei etwas dabei, ist auch Inge Werner überzeugt. Sie denkt dabei an Jäger- oder auch Tanzmusik, die sich genauso unter all seinen Werken findet. Und noch immer gebe es Neuentdeckungen in Archiven, tauchen weitere Notenblätter auf, die das so umfangreiche Schaffen des Hofkapellmeisters widerspiegeln.

Eigene Akzente in Zerbst setzen

Erlebbar wird jenes bei den mittlerweile alle zwei Jahre stattfindenden Fasch-Festtagen, die stets mit einer neuzeitlichen Erstaufführung aufwarten. Das zumindest ist das Ziel. Auch Faschs Biographie ist längst nicht zu Ende geschrieben, obwohl schon einiges über das Leben des gebürtigen Thüringers bekannt ist, existieren einige Lücken. So war Fasch Autodidakt, der sich das Komponieren sowie Orgel- und Klavierspiel selbst beibrachte, und Georg Philipp Telemann (1681-1767) sein Idol. Ob er sein Jura- und Theologiestudium abschloss, ist indes offen. Auch, weshalb er so verschuldet war, ist nach wie vor ein Rätsel.

„Ein Lebemann“, vermutet Hannes Lemke. Er selbst will nun wie Inge Werner seinen Beitrag dazu leisten, Fasch an seiner einstigen Zerbster Wirkungsstätte ins Bewusstsein der Menschen zu rücken und mit seinen Werken das kulturelle Leben der Stadt zu bereichern. Dabei will er eigene Akzente setzen. Auf die Unterstützung von Inge Werner kann der 34-Jährige hier setzen.

Mit Kreismusikwart Tobias Eger hat er zudem einen passionierten Fasch-Kenner in der Hinterhand und mit Steffen Klimmt einen jungen Kantor, der erst anfängt, sich mit dem Barockkomponisten auseinanderzusetzen. „Da fühlt man sich sicherer“, gesteht Hannes Lemke, dessen eigenes Talent im Entschlüsseln historischer Archivalien liegt.