Zerbst l „Wieder wird durch örtliche Initiative und Spendenbereitschaft eines der vielen Projekte realisiert, ohne auf Fördermittel zu warten“, freut sich Walter Tharan. Für den Vorsitzenden des Förderkreises St. Nicolai ist dies ein Hinweis darauf, dass viele Zerbster die nur noch als Ruine existierende, einst größte Hallenkirche Anhalts als unverzichtbar für das Stadtbild ansehen. Stark zerstört beim Luftangriff auf Zerbst am Ende des Zweiten Weltkrieges setzt sich sein Verein seit 1991 für den Erhalt des sakralen Baudenkmals ein.

Befestigung der Mauerkronen

Bislang konnten 25 Fördermaßnahmen realisiert werden. Neben der Mauerkronensicherung erlebte zuletzt die Sanierung der fünf am schwersten beschädigten Arkadenpfeiler ihren erfolgreichen Abschluss. Vor allem die Finanzierung der nachhaltigen Befestigung der Mauerkronen des offenen Kirchenschiffes stellten eine Herausforderung dar, die schließlich mit sechs Zuschussgebern sowie Geldern der Kirchengemeinde bewältigt werden konnte, während der Förderkreis als Projektträger beteiligt war.

„Also war die Vereinskasse leer, als sich zwei Interessenten zu einer Besichtigung der Nicolaikirche anmeldeten“, blickt Walter Tharan auf den Besuch zweier Dessauer zurück. „Sie waren an einem speziellen Gebiet der Denkmalpflege interessiert, an historischen Sonnenuhren“, erzählt der Vereinsvorsitzende. Noch gut erinnert er sich an die Ende März 2013 stattgefundene Besichtigung bei Kälte und Schnee. Interessiert hielten die beiden am Pfeiler 3 der südwestlichen Außenmauer von St. Nicolai inne.

Zeichen für Pestepidemie

„Dieser war schon immer aufgefallen“, weist Walter Tharan auf den Sandsteinblock mit der historischen Inschrift „Anno dni. MCCCCLXXXIIII is angeleth dyt stucke muren“ – also 1484 – hin. „Unmittelbar darüber befindet sich ein Drachenrelief, das als dauerhaftes Zeichen für die furchtbare Pestepidemie des gleichen Jahres in Zerbst mit über 2000 Toten angebracht wurde oder sogar noch von der romanischen Vorgängerkirche stammen könnte“, erklärt er. Zudem findet sich neben dem Drachen eine Kopfkonsole, wie sie ursprünglich an allen 26 Außenpfeilern der Kirche vorhanden war.

Die Dessauer jedoch begeisterten sich vor allem für die Sonnenuhr an diesem Pfeiler. Es wäre eine sehr alte und wertvolle Polstabuhr, in Sandstein gearbeitet, die dringend restauriert werden müsste, meinten sie. „Obgleich alle finanziellen Mittel des Vereins bereits gebunden waren, folgten Überlegungen: Was wäre zu machen, wer könnte das, wie viel würde es kosten?“, entsinnt sich Walter Tharan. Er berichtet von einer Anfrage beim Landesamt für Denkmalpflege, das dringend empfahl, versierte Restauratoren hinzuzuziehen. „Weitere Recherchen erbrachten ein Restaurierungsangebot mit einer Kostenschätzung von 5500 Euro“, schildert der Förderkreisvorsitzende. Für den Verein schien das Projekt vorläufig nicht realisierbar zu sein.

„Da klingelte an einem Tag im November das Telefon“, erzählt Walter Tharan. Am Apparat war der Geschäftsführer des Zerbster Schraubenwerkes, Eckard Schmidt. „Wir möchten gern etwas für die Nicolaikirche tun, was können wir da machen?“, erkundigte sich jener. So kam eines zum anderen: Ein Ortstermin wurde vereinbart, bei dem der Firmenchef dem Vorschlag zustimmte, die Sonnenuhr mit den umgebenden Objekten zu restaurieren. Die denkmalrechtliche Genehmigung wurde beantragt und erteilt. „Der Auftrag ging an die Restauratorin Claudia Böttcher, die vordem eine Sonnenuhr am Magdeburger Dom restauriert hatte“, informiert Tharan. Vor April können die Arbeiten allerdings nicht begonnen werden, da die Temperaturen über zehn Grad Celsius liegen müssen.