Zerbst l Aufgerufen zu der Aktion, an der sich auch Zerbster beteiligt haben, hatten die Handwerkskammer Halle und die Kreishandwerkerschaft Anhalt-Bitterfeld. „Den Inhabern der Betriebe steht das Wasser bis zum Hals“, sagte Carmen Pottel, Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft Anhalt-Bitterfeld.

Die Reserven seien aufgebraucht. „Die von der Politik vollmundig versprochenen Hilfen greifen kaum, Unternehmerlohn und Ausgaben für Krankenversicherung und Altersvorsorge werden nicht berücksichtigt “, erklärte Carmen Pottel. Dies bringe so manchen Unternehmer in Existenznot. „Wir fordern deshalb ein sofortiges Aufheben des Arbeitsverbotes. Wir machen schön – nicht krank!“, betonte Pottel.

Ansteckungsgefahr geringer als in Märkten

Das sieht auch Donata Quack so. Sie hat für ihren Salon „Haarscharf“ in der Breiten Straße ein Hygienekonzept entwickelt und ist überzeugt: „In unseren Geschäften ist die Ansteckungsgefahr weit geringer als in manchem Supermarkt: genügend Abstand zwischen den Kunden, FFP2-Masken, ständiges Lüften, ständiges Desinfizieren, Einweg-Umhänge“, zählte sie die wichtigsten Punkte auf.

Bilder

Außerdem erläuterte sie Bürgermeister Andreas Dittmann (SPD), der gekommen war, um sich über die Aktion und die Situation der Zunft zu informieren, das teilweise Chaos bei der Beantragung der Hilfen. „Die Beantragung kann nur über die Steuerbüros erfolgen und ist mit hohem Aufwand verbunden. Wir haben, seit wir am 16. Dezember schließen mussten, noch keinen Cent gesehen“, macht sie auf die prekäre Situation der Salon-Inhaber aufmerksam.

Aktive Sterbehilfe für Einzelhandel

Der Rathauschef weiß um die Sorgen der Geschäftsinhaber. „Was momentan stattfindet, ist aktive Sterbehilfe für Teile des Einzelhandels und die körpernahen Dienstleistungen. Was viele Geschäftsinhaber auf die Palme bringt, ist der Widerspruch zwischen den vollmundigen Hilfsankündigungen und der Realität“, sagte Dittmann.

Er habe die Möglichkeit, an einer wöchentlichen Videokonferenz der SPD-Landesspitze teilzunehmen, bei der auch die Landesminister zugeschaltet sind. „Wirtschaftsminister Armin Willingmann (SPD) weist seit Wochen darauf hin, dass beispielsweise das Antragsverfahren für Bundesmittel viel zu komplex ist“, erklärte Dittmann. Dies sei kein Landesthema, sondern es seien Bundesvorgaben, machte der Rathauschef deutlich.

Abschlagszahlungen zu niedrig

„Armin Willingmann kritisiert auch, dass die Abschlagszahlungen viel zu niedrig sind, konnte sich aber mit einer höheren Vorausleistung nicht durchsetzten“, erläuterte Dittmann. Er habe jede Menge Verständnis für die Aktion der Friseure. „Die Lösung kann nur sein, mit vernünftigen Schutzmaßnahmen, die auch durch die Ordnungsbehörden kontrolliert werden müssen, die Geschäfte wieder öffnen zu lassen“, so sein Plädoyer. Er selbst habe bei Friseurbesuchen nicht erkennen können, wo er sich hätte mit dem Coronavirus anstecken können.

„Mal abgesehen davon, dass wir nicht schöner werden, verlieren wir ja auch ein weiteres Stück Lebensqualität und im Zweifelsfall nicht nur einen Haarschnitt, sondern auch Geschäfte in der Stadt“, betonte der Rathauschef. Dittmann: „Das alles findet sich dann in leereren Innenstädten, in der Zahl der Arbeitslosen und in fehlenden Steuereinnahmen wieder.“

Sorgen um Existenz größer

Elke Wehe, Inhaberin des Salons der Zerbster Frisör GmbH in der Rennstraße sieht schwarz, wenn die Geschäfte nicht bald wieder öffnen dürfen. „Der Vermieter hat die Miete für Januar und Februar erst einmal gestundet. Das gleiche gilt für die Krankenkassenbeiträge und die Steuern. Doch die Kosten laufen auf, werden immer mehr.“ Sie sorgt sie sich um ihre Existenz.

„Ich betreibe noch einen Kosmetik- und Fußpflegesalon in der Brüderstraße. Auch dort läuft die Miete auf. Die Reserven sind aufgebraucht. Wenn wir nicht bald wieder öffnen dürfen, dann sieht es ganz schlecht aus“, blickt sie in die Zukunft.

Hilfe könnte zu spät kommen

Auch der Vermieter von Nancy Janke zeigte sich kulant. Sie hat Ihren Salon auf der Breite. „Mich ärgert besonders, dass man vollmundig Hilfe verspricht, die sicher auch irgendwann kommt, und dann mit der Umsetzung nicht hinterher kommt. Doch irgendwann könnte es für zahlreiche Geschäfte eben zu spät sein“, so ihre Sorge.

Monika Kroll ärgert, dass sie alle Auflagen erfüllt hat und trotzdem nicht öffnen darf. „Wir hatten drei Kontrollen, und bei keiner wurde etwas beanstandet. Wir desinfizieren Stühle, Kämme, Bürsten, Scheren, tragen Masken, sind hygienischer als in mancher Arztpraxis – was die Kunden immer bestätigt haben – und trotzdem lässt man uns nicht arbeiten“, sagt Monika Kroll.

Schwarzarbeit könnte mehr werden

Mit der Schließung der Geschäfte werde Schwarzarbeit Tür und Tor geöffnet. „Ob in den Küchen und Badezimmern, wo jetzt vielerorts die Haare geschnitten werden, die Ansteckungsgefahr ebenso gering ist wie in unseren Geschäften, darf bezweifelt werden“, gibt Monika Kroll zu Bedenken.