Zerbst l „Ich find’ es nicht mehr zeitgemäß“, sagt Mario Rudolf und meint die Fahrzeiten beim Schülerverkehr. Als Vater dreier Kinder spricht der Vorsitzende der Freien Fraktion Zerbst (FFZ) aus persönlicher Erfahrung. Denn seine Familie wohnt in Garitz. Das Gymnasium, das die Tochter besucht, befindet sich hingegen im etwa zwölf Kilometer entfernten Zerbst.

Eine gute Stunde verbringt sie täglich im Bus – Wartezeiten und der Weg zur Haltestelle nicht mitgerechnet. „Es muss im System was geändert werden“, meint das Stadtratsmitglied, das zugleich dem Kreistag Anhalt-Bitterfeld angehört. Denn es gibt noch „krassere Beispiele“, wie er sagt.

40 Minuten bei weniger als 4 Kilometer

So ist der Nachwuchs aus Jütrichau zur Rephunschule, dem zweiten Standort des Gymnasiums in Zerbst, knapp 40 Minuten unterwegs, obwohl die Entfernung zwischen beiden Orten keine vier Kilometer beträgt. Bereits um 7.20 Uhr sind die Kinder in der Schule, obwohl der Unterricht erst um 7.50 Uhr beginnt.

Busse bedienen mehrere Schulen

Die Ursache für die mitunter unverständlich langen Fahrzeiten ist, dass die Busse mehrere Schulen bedienen, wie Fabian Watzke erläutert. Er ist kaufmännischer Leiter bei den Vetter Verkehrsbetrieben, die für die Schülerbeförderung im Landkreis Anhalt-Bitterfeld zuständig sind.

Demnach fährt der Bus von Jütrichau „zunächst zur Grundschule, die sich in Steutz befindet, um den Grundschülern kürzere Beförderungszeiten zu ermöglichen. Danach fährt der Bus direkt zu Gymnasium und Sekundarschule nach Zerbst“, schildert Watzke. „Aufgrund der unterschiedlichen Lage und der eher geringen Schülerzahlen in diesem Gebiet ist dies nur so umsetzbar“, erklärt er gegenüber der Volksstimme.

Individuellere Lösungen zu teuer?

Mario Rudolf wünscht sich individuellere Lösungen wie beispielsweise den Einsatz eines kleineren Busses, der die direkte Route ansteuern könnte, wodurch sich die Fahrzeiten verkürzen würden. Im Fall Jütrichau wäre das unrentabel, wie Fabian Watzke erläutert. Die geringe Schülerzahl von Jütrichau nach Zerbst, die unter Acht liegt, würde den Einsatz eines zusätzlichen Busses nicht rechtfertigen. Dies wäre kostenintensiv „und ist daher nur durch eine Zusatzfinanzierung der Stadt Zerbst möglich“, so der kaufmännische Leiter der Verkehrsbetriebe.

Wie er informiert, existieren in der Einheitsgemeinde Zerbst momentan neun Buslinien – darunter die Stadtlinie. „Auf jeder Linie verkehren pro Tag vier bis neun Schülerfahrten“, erläutert Fabian Watzke. Allein morgens seien 15 Busse im Einsatz, die 23 Schülerfahrten abdecken. Am Haltestellenstandort vor der Zerbster Schwimmhalle ist das vor Unterrichtsbeginn gut zu beobachten, wenn ein Bus nach dem anderen vorfährt.

670 Schüler in Zerbst beförderungspflichtig

Die einzelnen Touren werden auf Basis der gemeldeten Schülerzahlen beziehungsweise der real gezählten Fahrgäste festgelegt. Eine weitere Grundlage bildet die Schülerbeförderungssatzung, in der die maximalen Beförderungszahlen vorgeschrieben sind. Darin heißt es, dass die Auslastung der eingesetzten Fahrzeuge die Zahl der gesamten Sitzplätze sowie 40 Prozent der Stehplätze nicht überschreiten darf. Im Bereich Zerbst seien derzeit rund 670 Schüler beförderungspflichtig, sagt Fabian Watzke.

In der erwähnten, erst am 6. Juni 2019 bei einer Gegenstimme und einer Enthaltung vom Kreistag beschlossenen Satzung sind ebenfalls die zulässigen Fahrzeiten zwischen Wohnort und Schule geregelt. Für Grundschüler darf diese in einer Richtung 30 Minuten betragen, für alle älteren Schüler 60 Minuten. Und das wird mitunter stark ausgereizt. So sind die Fünft-, Sechst- und Siebtklässler aus Reuden/Anhalt laut Fahrplan exakt 59 Minuten bis zur Zerbster Rephunschule unterwegs – 28 Minuten immerhin der Nachwuchs aus Straguth, der in der Lindauer Grundschule unterrichtet wird.

Bis zu 90 Minuten bei Schülern ab 5. Klasse

Anhalt-Bitterfeld liegt mit seiner Regelung im sachsen-anhaltweiten Vergleich im unteren Bereich, wie im August 2019 eine Kleine Anfrage an die Landesregierung ergab. Demnach darf die Beförderungszeit für Grundschüler in Dessau-Roßlau, Magdeburg und dem Landkreis Mansfeld-Südharz maximal 60 Minuten betragen, während allen Fahrschülern ab Klasse 5 durchaus 90 Minuten zugetraut werden – und zwar jeweils in eine Richtung. Im Jerichower Land kann die Busfahrt für Grundschüler bis zu 45 Minuten dauern, für alle älteren Schüler 75 Minuten.