Zerbst l „Pflichttermin morgen um 13 Uhr bei obolus.fremd.raum.“ Mit dieser Anweisung würden wir wohl bei so manchem Leser auf Verwirrung und Kopfschütteln stoßen. Dabei sind Sie gerade zu einem Termin in der St. Bartholomäi-Kirche in Zerbst eingeladen worden!

Denn die drei wahllos zusammengewürfelten Wörter am Ende des Satzes könnten die Zukunft der Navigation sein, wenn es nach den Machern der App mit dem Namen „what3words“ geht. Schließlich sind drei zusammenhanglose Wörter besser zu merken und zu sprechen als die üblichen Koordinaten „51.9640113353597, 12.084808400132314“.

Algorythmus teilt zufällig drei Wörter zu

Ursprung der App für das Smartphone ist der Initiator Chris Sheldrick. Er kommt aus der Musikbranche und war genervt, dass es bei Auftritten immer wieder Schwierigkeiten mit schlecht beschriebenen Adressen gab. Es sei sogar vorgekommen, dass er einen Veranstaltungsort in London gar nicht erst gefunden habe, oder eine Band auf einer falschen Hochzeit ihr Equipment aufgebaut hat.

2013 kam Sheldrick deswegen auf die Idee, die Welt in drei mal drei Meter große Quadrate aufzuteilen. Jedes Quadrat auf dem riesigen Raster bekommt durch einen bestimmten Algorythmus, also eine Programmierung, drei zufällige Wörter zugeteilt.

500.000 Wörter im Deutschen

Mit zwei Schulfreunden tüftelte Sheldrick dann an der App herum. Es entstanden 57 Billionen Quadrate. Rein rechnerisch reichen dafür Vierzigtausend Wörter. Insgesamt schätzt der Duden die deutsche Sprache auf insgesamt bis zu 500.000 Wörter groß, ohne Dialekte und diverse Fachwortschätze. Ausreichendes Material also.

Nicht von der Hand zu weisen gibt es folglich einige Vorteile gegenüber der herkömmlichen Variante zur Beschreibung von Adressen und Orten.

Auch ohne ohne Namen definierbar

Es lassen sich beispielsweise auch Orte genau definieren, die keinen Namen oder eine Adresse haben, etwa im Wald, auf freiem Gelände oder Feldwegen.

Außerdem gibt es keine Verwechslungen mit doppelten Straßennamen. Diese können so manches Mal zum Beispiel in Dessau/Roßlau zu großer Verwirrung von ortsfremden Autofahrern führen.

Bezeichnungen ändern sich nie

„What3words“ verspricht, dass sich die Bezeichnungen der Quadrate auch niemals ändern werden. Was zunächst komisch wirkt, hat also einen praktischen Zweck. Sogar der Autohersteller Mercedes-Benz hat in seinen neuen Fahrzeugen eine Sprachsteuerung integriert, mit der das Navigationsgerät mit drei Wörtern die Adresse befohlen werden kann. Voraussetzung ist natürlich, die richtigen drei Wörter zu kennen.

Diese sind im Internet und per Handy-App kostenlos über die What3words-Seite zu erfahren und dabei gibt es einige humorvolle Kombinationen. Mit der Wörter-Kombi „neueste.kurz.auslauf“ landet man im Eingang der Zerbster Stadtverwaltung. Ein paar Fenster weiter heißt es zufälligerweise „jetzt.abbauen.bliebe“.

Lustige Gedankenspielereien

Die gegenüberliegende Lade-Säule für E-Autos ist unter „zurück.einheit.meinung“ zu erreichen. Das Gymnasium Francisceum kann angepeilt werden, wenn ins neue Navi der Sprachbefehl „arzt.tees.vermehrt“ gesprochen wird. Passenderweise ist das Zerbster Schloss, zumindest ein mittiger Punkt auf dem in viele kleine Quadrate auftgeteilten Grundriss, mit den Wörtern „bekleidet.heimische.popmusik“ zu finden. Kommen Ihnen da auch gleich Ideen und Gedanken in den Kopf, wie die Wörter zum jeweiligen Ort passen könnten? Wie: Adelige, mit Kostümen verkleidet, der Musik eines heimischen Chores im Schloss lauschen?

Damit sind Sie nicht allein. Im Netz finden sich viele Funde von lustigen und zufälligen Kombinationen. Das Büro der Zeitung „Welt“ in Frankfurt hat zum Beispiel „jetzt.gerechter.leser“. Es zeigt sich also, dass die zunächst als Spielerei erscheinende Wortnavigation etwas für sich hat, ob sie sich allerdings allgemein durchsetzt, muss sich noch zeigen.