Berlin (dpa) - Dieses und das kommende Jahr bieten viel Gelegenheit, den Bandfrontmann, Sänger und Songdichter Rio Reiser zu würdigen: vor 70 Jahren geboren (am 9. Januar 1950), vor 50 Jahren die legendären Ton Steine Scherben mitgegründet, vor bald 25 Jahren viel zu früh gestorben (am 20. August 1996).

Daher passt die Kompilation "Wir müssen hier raus - Eine Hommage an Ton Steine Scherben und Rio Reiser" (Anticon/Alive) perfekt in diese Zeit. Mit einem breiten Spektrum zwischen Pop und (Post-)Punk, Reggae und Singer-Songwriter-Folk entsteht das beeindruckende Bild zweier Ikonen: einer der wichtigsten Deutschrock-Bands und eines unserer größten Liedpoeten.

Das Titelstück "Wir müssen hier raus" (mit der herrlichen Zeile "Für mich heißt das Wort zum Sonntag 'Scheiße'/und das Wort zum Montag 'Mach mal blau') wird gleich zweimal geboten: als Album-Opener in der Originalversion von Ton Steine Scherben, die ja auch Vorläufer des deutschen Polit-Punkrocks waren, später als wutschnaubende Coverversion der Band Ken.

Aber es gibt nicht nur diese Motz- und Rotz-Lieder mit ausgestrecktem Mittelfinger, sondern ein breites Spektrum bis zu den sanften Balladen des klugen Texters und einfühlsamen Sängers Ralph Christian Möbius alias Rio Reiser. Die Liste der Beteiligten an dem 21 Stücke umfassende Tribute-Album lässt kaum Wünsche offen: von Die Sterne und Bosse über die wunderbaren Deutschpop-Songwriter Gisbert zu Knyphausen ("Straße"), Rocko Schamoni ("Morgenlicht") und Lina Maly ("Zauberland") bis zu Jan Delay, Fettes Brot, Wir Sind Helden, Die Höchste Eisenbahn und Beatsteaks.

Überhaupt ist hier auch viel Punkiges zu hören (Schrottgrenze, Slime, Fehlfarben, Das Bierbeben), ehe das Album mit einem Reiser-Original (dem pazifistischen "Der Krieg" in einer Piano-Version) berührend zu Ende geht. Man erkennt, warum diese 30 bis 50 Jahre alten Lieder (bis zum späten Hit "Alles Lüge", in einer klasse Version von Östro 430) so viele deutsche Rock- und Popmusiker beeinflussen. Etwa auch Niels Frevert, Max Prosa, AnnenMayKantereit oder Tocotronic, die auf der generationenübergreifenden Kompilation nicht vertreten sind.

Mehr als die Hälfte der Songs von "Wir müssen hier raus" wurden im Sommer 2020 extra für dieses Projekt aufgenommen. Die Kompilation ist auf farbigem Doppel-Vinyl (mit CD-Beilage), als CD, Download und Stream erschienen. Das Booklet enthält ein Vorwort von Frank Spilker (Die Sterne), einen Text zur Scherben-Geschichte vom Journalisten Michael Sontheimer sowie Gedanken zu Rio Reiser von Judith Holofernes (Wir Sind Helden).

© dpa-infocom, dpa:201203-99-562528/3