In Sachsen-Anhalt arbeiten noch immer viele Menschen für niedrige Löhne oder sind arbeitslos. Matthias Stoffregen sprach mit Arbeits- und Sozialminister Norbert Bischoff (SPD) über ihre Job-Perspektiven.

Volksstimme: Herr Bischoff, der Niedriglohnsektor hat sich verfestigt - worin liegen die Gründe?

Norbert Bischoff: Die Agenda 2010 hat den Unternehmen die Tür geöffnet, in Produktionsspitzen mehr Leiharbeiter einstellen zu können. Leider haben das viele Firmen missbraucht und ausgeweitet, um reguläre Stellen mit Leiharbeitern zu besetzen. Diese Praxis muss eingedämmt werden. Allerdings sehe ich auch die Chance, dass Firmen ohnehin angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels künftig wieder mehr unbefristete Stellen schaffen.

Volksstimme: Niedrige Löhne sind auch in Tarifverträgen festgeschrieben.

Bischoff: Deshalb brauchen wir einen Mindestlohn. Selbst die aktuell geforderten 8,50 Euro sind dabei nicht viel und können nicht das Ende der Fahnenstange bedeuten. Die Lohnspirale nach unten muss durchbrochen werden. Ich denke, dass das Bewusstsein dafür auch bei den Tarifparteien wächst.

Volksstimme: Wieso haben die Tarifpartner überhaupt so niedrige Verträge vereinbart?

Bischoff: Ich denke, hier gab es eine große Angst, dass bei höheren Tarifforderungen mehr Unternehmen aus den Tarifverträgen ausgeschert wären.

Volksstimme:Könnten durch Mindestlöhne Arbeitsplätze verloren gehen?

Bischoff: Im ersten Moment wird es sicher Firmen geben, die auch vorübergehend Arbeitsplatzprobleme bekommen könnten. Aber in Staaten, in denen es Mindestlöhne gibt, hat sich das auch wieder ausgeglichen. Und ich nehme interessiert zur Kenntnis, dass sich selbst der eine oder andere Arbeitgeber mittlerweile für Mindestlöhne ausspricht.

Volksstimme: Die Grünen wollen außerdem Minijobs abschaffen, weil sie reguläre Stellen verdrängen.

Bischoff:Wenn Minijobs sozialversicherungspflichtige Stellen verdrängen, dann läuft da etwas schief. Aber eine generelle Abschaffung halte ich für den falschen Weg. Für nicht wenige Menschen wie Studenten oder auch Künstler sind sie wichtige Zuverdienst-Quellen.

Volksstimme: Wie stehen die Chancen für Langzeitarbeitslose, wieder einen Job zu bekommen?

Bischoff: Ziel eines Politikers ist es natürlich, alle in Arbeit zu bringen. Für realistisch halte ich, in den nächsten Jahren mindestens die Hälfte von ihnen wieder in Arbeit zu bringen. Der Arbeitsmarkt ist auch aufnahmefähiger geworden. Wer sich weiterbildet und bewirbt, hat mittlerweile viel größere Chancen, wieder Arbeit zu finden als etwa in den 1990er Jahren. Die Stimmung könnte sich weiter positiv verändern, wenn sich herumspricht, dass diejenigen, die an Weiterbildungsprojekten teilnehmen, tatsächlich wieder einen Job bekommen.