Der fast 120 Jahre alte Industriestandort Bitterfeld-Wolfen: Vor mehr als zwei Jahrzehnten stießen die Schornsteine des damaligen Chemiekombinats Bitterfeld und des Fotochemischen Kombinats ORWO (Original Wolfen) Wolfen jährlich 58 000 Tonnen Staub und mehr als 120 000 Tonnen Schwefeldioxid in die Luft. Heute ist das Geschichte. Umwelt und Wirtschaft sind wieder intakt.

Bitterfeld-Wolfen. Mit dem Chemieparkareal Bitterfeld-Wolfen, auf dem etwa 11 000 Menschen arbeiten, entstand ein Vorzeigeprojekt für den Strukturwandel in der Branche. "Bitterfeld-Wolfen hat einen unbeschreibbaren Wandel in den vergangenen Jahrzehnten vollzogen", sagt Oberbürgermeisterin Petra Wust (parteilos) zur Entwicklung der Doppelstadt, in der heute mehr als 45 000 Menschen leben.

"Wir werben zu Recht mit dem Motto der grünen Industriestadt am Goitzschesee", betont Wust. Hochtechnologisierte und namhafte Wirtschaftsunternehmen seien dort zu Hause, gleichzeitig fänden Besucher eine intakte Umwelt mit einem 25 Quadratkilometer großen See, der Touristen anziehe. "Der Tourismus entwickelt sich nach und nach zu unserem zweiten Standbein und darauf sind wir sehr stolz", betont die Oberbürgermeisterin.

Die Region Bitterfeld war über Jahrzehnte auch ein wichtiger Standort der Braunkohleindustrie. 1993 war damit Schluss, der Abbau wurde endgültig eingestellt. Aus den Gruben wurden inzwischen riesige Wasserflächen, wie der See am einstigen Tagebau Goitzsche am Rande von Bitterfeld.

"Bei meiner Ankunft in Bitterfeld im Januar 2009 war ich völlig überrascht", sagt beispielsweise der Geschäftsführer der Bayer Bitterfeld GmbH, Christian Schleicher. "Entgegen allen Warnungen, übrigens von Leuten, die nie hier waren, fand ich eine grüne und moderne Industrieregion vor", bemerkt Schleicher, der in Buenos Aires aufwuchs und dort promovierte. In Bitterfeld hätten in den vergangenen 20 Jahren Menschen, Förderer und Visionäre eine völlig neue Landschaft geschaffen. "Die Goitzsche sollte man in die Urlaubskataloge aufnehmen lassen", schlägt der Chef des ostdeutschen Bayer-Standorts vor.

Die Luft in und um Bitterfeld ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten deutlich besser geworden. Die in Deutschland gültigen Grenzwerte würden heute sogar deutlich unterschritten, sagt einer der Geschäftsführer der P-D ChemiePark Bitterfeld-Wolfen GmbH, Michael Polk. Während 1989 noch 199 Mikrogramm Schwefeldioxid pro Kubikmeter Luft gemessen wurden, seien es heute lediglich 2,1 Mikrogramm. Der Grenzwert liegt bei 20. Ähnlich stellt sich die Situation bei Stickstoffdioxid dar.

Wirtschaftlich macht die Region nicht nur mit dem sogenannten Solar-Valley, einem der größten europäischen Standorte der Solarzellenproduktion, von sich reden. Laut Investitions- und Marketinggesellschaft Sachsen-Anhalt kommen fast 20 Prozent aller weltweit und 80 Prozent aller in Europa produzierten Solarzellen inzwischen aus dem Raum Bitterfeld-Wolfen.

Auch für den riesigen, 1200 Hektar großen Chemiepark und die dort tätigen etwa 360 Unternehmen zieht dessen zweiter Geschäftsführer Matthias Gabriel eine durchweg positive Entwicklungsbilanz: "Die Wirtschaftskrise ist überstanden, sie ist an den Unternehmen sehr glimpflich vorbeigegangen."

In den Chemiepark sind seit Anfang der 1990er Jahre bisher deutlich mehr als fünf Milliarden Euro in den Bau neuer Chemieanlagen und in die Infrastruktur investiert worden.

Gabriel hebt insbesondere hervor, dass das Ansiedlungsgeschäft auch unter den Bedingungen einer in den vergangenen Monaten insgesamt schwierigen konjunkturellen Großwetterlage zu keinem Zeitpunkt eingebrochen ist. Dies habe unter anderem mit der auf Langfristigkeit angelegten Investitionspolitik der Chemieunternehmen zu tun.

Der Ansiedlungschef geht davon aus, dass in den kommenden Jahren wie bisher jährlich von neu sich ansiedelnden wie vorhandenen Chemieunternehmen ein dreistelliger Millionenbetrag im Chemiepark investiert werden wird. Die Zahl damit verbundener neuer Arbeitsplätze bemesse sich an der Faustformel eine Million Euro Investitionssumme gleich ein direkter Arbeitsplatz gleich zwei bis drei weitere Stellen bei Dienstleistungsunternehmen.

Als Top-Ansiedlungsgrund nennt Gabriel den Stoffverbund im Chemiepark. Befreit von komplexen logistischen Aktivitäten wie der Rohstoff- und Medienbeschaffung könnten sich die Unternehmen auf ihr Kerngeschäft konzentrieren.