Die Versicherer sind glimpflich durch die Krise gekommen und verdienen wieder ordentlich Geld. Aber das Zinstief schafft neue Probleme. Diese Woche wird sich an den Quartalszahlen zeigen, wie die Branche damit zurechtkommt.

München (dpa). Die deutsche Versicherungswirtschaft kann sich trotz guter Aussichten auf Milliardengewinne im laufenden Jahr nicht zurücklehnen. Mit den mageren Zinsen an den Kapitalmärkten und den neuen Eigenkapitalanforderungen unter dem Stichwort "Solvency II" gibt es gleich zwei Großbaustellen, die auch im kommenden Jahr noch für reichlich Diskussionsstoff in der Branche sorgen dürften. Wie sich das Zinstief auf das laufende Geschäft niederschlägt, wird sich in den kommenden Tagen zeigen: Mit Munich Re morgen sowie Allianz und Hannover Rück am Mittwoch legen alle drei im Dax notierten Branchengrößen ihre Zahlen für das dritte Quartal vor.

Große Negativ-Überraschungen werden dabei nicht erwartet – im Gegenteil: Die Unternehmen dürften Kurs gehalten haben zu ihren angepeilten Jahreszielen oder die Messlatte sogar noch etwas höher legen, erwarten Analysten. So hat sich die Munich Re einen Gewinn von mindestens 2 Milliarden Euro vorgenommen und Schätzungen zufolge in den ersten neun Monaten schon 1,8 Milliarden Euro davon eingefahren. Bei der Allianz soll das operative Ergebnis in diesem Jahr rund 7,2 Milliarden Euro erreichen, davon dürften nach Einschätzung von Analysten bereits knapp sechs Milliarden Euro geschafft sein.

Dabei half den Unternehmen beispielsweise eine bisher glimpfliche Wirbelsturm-Saison in den USA. Ganz ohne Schäden aus Naturkatastrophen kam die Branche aber auch nicht davon. So hatte die Allianz die Überschwemmungen an der Elbe im Sommer zu spüren bekommen, und das Erdbeben in Neuseeland Anfang September dürfte die Munich Re getroffen haben. Vergleichbare Belastungen wie zum turbulenten Start ins Jahr sehen Experten aber eher nicht. Damals schlugen hohe Schäden aus dem Orkan "Xynthia" und dem schweren Beben in Chile kräftig zu Buche.

Auch mit Blick auf das schadenträchtige erste Quartal könne die Branche durchaus zufrieden sein, wenn sie ihre Zusagen in diesem Jahr einhalten kann, sagt Konrad Becker vom Bankhaus Merck Finck & Co. Nach der Finanzkrise seien die Unternehmen mit ihren Prognosen vorsichtiger geworden. Die niedrigen Zinsen dürften ihnen aber weiter zu schaffen machen. "In der Lebensversicherung wird es schwieriger als in der Sachversicherung, aber auch die Sachversicherung hat damit Probleme", sagt Becker.

Die Unternehmen legen die Beträge ihrer Kunden nämlich zu großen Teilen am Finanzmarkt an und erzielten in der Vergangenheit etwa in der Kfz-Versicherung hauptsächlich damit ihren Gewinn. In Zeiten niedriger Zinsen reicht das kaum mehr aus, zumal viele Versicherer ihre Aktienbestände kräftig eingedampft haben. Auch Equinet-Analyst Philipp Häßler mahnt deshalb: "Die schwache Zinsentwicklung bleibt ein Risiko für die Versicherungsbranche allgemein."

Auch künftig dürften die Unternehmen daher fieberhaft nach renditeträchtigen Anlagemöglichkeiten suchen. Im Visier haben sie dabei Immobilien, aber auch Investments in Infrastrukturprojekte oder erneuerbare Energien. So will die Allianz ihre Immobilienbestände deutlich aufstocken, erst kürzlich übernahm der Versicherer 80 Filialen des Discounters Aldi Süd und sorgte damit für Aufsehen.

In der Finanzkrise hatten die deutschen Versicherer von ihrer starken Kapitalbasis und ihrer konservativen Anlagepolitik profitiert. Während Banken reihenweise vom Staat gestützt werden mussten, steuerte die Assekuranz allenfalls mit leichten Schrammen durch die Krise. Die erhöhten Eigenkapitalanforderungen im Zuge von "Solvency II" könnten indes auch Versicherern ihre Grenzen aufzeigen. Eine verbesserte Eigenkapitalausstattung sei zwar positiv für die Bonität, gefährde aber die Wettbewerbsfähigkeit kleinerer Versicherer, erklärt der Versicherungsexperte der Ratingagentur Moody‘s, Paul Oates. Daher vermutet er, dass Übernahmen und Fusionen in der Branche zunehmen werden.

Allianz-Chef Michael Diekmann hat bereits Zukäufe angekündigt. Sobald die neuen Aufsichtsregeln feststehen, will er vor allem bei den Schaden- und Unfallversicherern zugreifen. Eine Milliarde Euro stünden dafür jedes Jahr bereit.