AM Montag endete der am 4. Juni wegen des Elbe-Hochwassers im Jerichower Land ausgerufene Katastrophenfall. Für Volksstimme-Redakteur Steffen Reichel Anlass, mit Jens Vogler, Leiter des Burger Einsatzstabes, eine Bilanz der letzten Tage zu ziehen.

Volksstimme: Herr Vogler, Sie hatten in den letzten Tagen im Wechsel mit Torsten Schulz und Mario Schmidt rund um die Uhr die Stabsleitung für Burg und haben dabei eng mit dem übergeordneten Katastrophenstab des Landkreises zusammengearbeitet. Wie war die Zusammenarbeit?
Jens Vogler: Ausgesprochen gut. Was die Koordination von logistischen Aufgabenstellungen, THW-Einsatzkräften, freiwilligen Feuerwehren oder Bundeswehrsoldaten betrifft, hat dies der Kat-Stab nach unserem Bedarf immer umgehend veranlasst. Erreichen konnten wir gemeinsam mit den Stadtwerken die vorsorgliche Sicherung des Umspannwerkes Burg. Nicht erreicht wurde die vorsorgliche Absenkung des Elbe-Havel-Kanals wie 2002, so dass es, als es zur Überflutung an der Schleuse Niegripp kam, kritische Stunden gab, ehe die sofort eingeleiteten Maßnahmen zur Regulierung des Kanalpegels griffen.

Volksstimme: Gab es in den kritischen Tagen zwischen Niegripp und Ihleburg genug Helfer an den Deichen?
Jens Vogler: Ja. Wir hatten an Spitzentagen bis zu 1000 Freiwillige im Einsatz und dazu nochmal 200 Einsatzkräfte, also Feuerwehr, Wasserwehr, THW, Bundeswehr, Landesbetrieb für Hochwasserschutz, Bauhof usw. Stellvertretend für alle Helfer möchte ich Hauptmann Christoph Kuntz erwähnen, der in Burg wohnt, sich als Privatperson in seinem Urlaub zur Verfügung stellte und dann in Blumenthal Klaus-Dieter Krüger als Wasserwehrleiter und die örtlichen Kräfte mit seinem Knowhow hervorragend unterstützt hat.

Volksstimme: Wo gab es auf dem über 20 Kilometer langen Burger Deichabschnitt Schwachstellen?
Jens Vogler: Wir hatten allein zwei Dutzend Sickerstellen im Deichabschnitt zwischen Fähre Rogätz und Blumenthal. Die Stellen konnten von unseren Kräften gesichert werden, in dem mit Sandsäcken Quellkaden und Kammkaden errichtet wurden. Der Kadenbau, mit dem an den Deichen der notwendige Druckausgleich erreicht wurde, durch unsere Einsatzkräfte und Helfer war gut und solide, es gab keine Beanstandungen durch die Experten des Landesbetriebes für Hochwasserschutz. Die Feuerwehren Reesen und Detershagen haben die örtliche Wasserwehr in Blumenthal hervorragend unterstützt. Insgesamt kann man sagen: Alle Wasserwehren haben sehr gute Arbeit geleistet!

Volksstimme: Eine bemerkenswerte Aktion im Burger Elbabschnitt war die Deicherhöhung bei Schartau ...
Jens Vogler: Obwohl es sich dort um einen erneuerten Deich handelt, hatte dieser Abschnitt nach den Prognosen nicht die erforderliche Höhe und musste mit Sandsäcken erhöht werden. Am Sonnabend, 8. Juni, waren dort 500 und am Sonntag nochmal 300 Helfer im Einsatz, um die Deichkrone in wenigen Stunden auf 500 Metern Länge nur mit Muskelkraft zu erhöhen. Das war sicher eine für Schartau und Burg beispiellose Aktion.

Volksstimme: Dieser Sonntag, 9. Juni, brachte mit 9,83 Meter am Pegel Niegripp auch den höchsten Wasserstand. Waren und sind die Burger Deiche solchen Wassermassen gewachsen?
Vogler: Der Deich bei Blumenthal war kritisch und muss umgehend saniert werden. Wo die Deiche bereits erneuert wurden, so bei Schartau, gab es deutlich weniger Sickerstellen. Insgesamt müssen unsere Deiche erhöht werden. Bisher gibt es Planungen seitens des Landes, die Deiche um bis zu einem halben Meter zu erhöhen. Da liegen die Werte von 2002 zu Grunde. Es bleibt abzuwarten, ob die Planungen nach den Erfahrungen des Hochwassers 2013 überarbeitet werden.

Volksstimme: Die Einheitsgemeinde Stadt Burg ist im Hochwasser mit dem sprichwörtlichen blauen Auge davon gekommen. Dieses blaue Auge war die Überflutung an der Schleuse Niegripp. Welche Schäden sind zu verzeichnen?
Jens Vogler: Betroffen sind auf Burger Territorium drei Familien (Neue Schleuse 1 bis 3). Zwei haben bereits Soforthilfe erhalten. Weitere Anfragen wegen der Soforthilfe kamen von Anwohnern aus Blumenthal und Niegripp (Lindenstraße und Am Wall) wegen des aufgrund des Hochwassers gestiegenen Grundwassers. Die Überflutung an der Schleuse brachte erhebliche Schäden an verschiedenen Anlagen und Einrichtungen mit sich. Allein der Schaden an der Schleuse soll eine Million Euro betragen. Erhebliche Mittel wird auch das Land zur Wiederherstellung der unterbrochenen Straße Niegripp-Hohenwarthe aufwenden müssen. Auch sämtliche Ver- und Entsorgungsleitungen im Bereich der Schleuse müssen erneuert werden.

Volksstimme: Alles in allem können die Burger, vor allem in den Ortschaften, also froh sein, dass sie beim Hochwasser 2013 trocken geblieben sind. Was lehren die Ereignisse der letzten Tage die Verantwortlichen, zumal es seit 2002 immer wieder bedenkliche Hochwasser gab, so auch 2003, 2006 und 2011.
Jens Vogler: Dass andere leider im Wasser versanken, hat uns nochmal geholfen. Durch die Deichbrüche im Elbe-Saale-Winkel und bei Fischbeck wurden unsere Deiche entlastet. Das Hochwasser hatte einen kürzeren Scheitel, stand bei uns etwas niedriger als vorausgesagt und floss (durch den Deichbruch bei Fischbeck) auch schneller ab. Das Hochwasser 2013 hat uns gezeigt, dass vor allem elbaufwärts die Überflutungsflächen fehlen. Mit dem Bau von Schutzwänden und höheren Deichen dort verlagert sich das Hochwasserproblem immer mehr an die mittlere Elbe. Deshalb brauchen wir ein länderübergreifendes Hochwasserkonzept für die Elbe und ihre Zuflüsse. Zu hoffen ist, dass das Land Sachsen-Anhalt das notwendige Geld bereitstellt, damit die Projekte, die der Landesbetrieb für Hochwasserschutz in der Schublade hat, umgesetzt werden können. Das wäre zum Beispiel auch die Deichrückverlegung Lostau-Hohenwarthe. Auch eine Deichsanierung zwischen Schleuse Niegripp und Ortslage Niegripp sowie von der Fähre Rogätz bis einschließlich Blumenthal ist meines Erachtens zeitnah umzusetzen.

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