Ulrich Uffrecht hielt am Montag im Jagdschloss Letzlingen einen Vortrag über die Freie Schul- und Werkgemeinschaft Letzlingen. Diese war zwischen 1922 und 1933 im Jagdschloss beheimatet und von Uffrechts Vater gegründet worden.

Letzlingen l "Ulrich Uffrecht wurde 1932 hier im Schloss geboren. Für ihn ist es eine Rückkehr nach Hause", sagte Thilo Reichelt vom Europäischen Bildungswerk für Beruf und Gesellschaft am Rande der Veranstaltung über den ersten Redner. Das Bildungswerk hatte das wissenschaftliche Symposium anlässlich des 90. Geburtstages des Berufspädagogen Prof. Dr. Dr. Günter Wiemann organisiert. Das Symposium hatte das Thema "Die Freie Schul- und Werkgemeinschaft Letzlingen - ein Zukunftsentwurf der deutschen Reformpädagogik".

Uffrechts Vater Bernhard hatte die Schule gegründet, welche zwischen 1922 und 1933 im Letzlinger Jagdschloss beheimatet war, die Freie Schul- und Werkgemeinschaft (FSWG).

In seinem Vortrag legte er den Werdegang bis zur Gründung der Schule dar. Uffrecht erzählte von den Gründungen sogenannter Landschulen, welche sich gegen das vorherrschende Konzept des "Fakten-Paukens" stellten. Er erzählte auch, dass sein Vater eigentlich niemals vorgehabt habe, Lehrer zu werden. Dieser habe Philosophie, Mathematik und Physik studiert und als Gast in der Freien Schulgemeinschaft Wickersdorf hospitiert. "Eines Tages sollte er dort eine Stunde selbst leiten und merkte aber, dass er von dem behandelten Thema selbst keine Ahnung hatte", erzählte Uffrecht vor den rund 50 Teilnehmern des Symposiums. Daher habe sein Vater sich die Thematik von den Schülern erklären lassen.

Von dem Verlauf der Stunde seien die Schüler so begeistert gewesen, dass sie ihn um weitere Stunden gebeten haben. "Er blieb sechs Jahre", betonte der Redner.

Nach Streitigkeiten mit dem Schulgründer Gustav Wyneken gründete der aus Haldensleben stammende Uffrecht die FSWG in Letzlingen. Dabei habe der Schulgründer die Prämisse gehabt, keine festen Glaubens- oder Lehrziele, "seien sie auch noch so gut gemeint", zu setzen. Er habe die Ansicht vertreten, dass die Schüler selbst ihre Erkenntnisse erlangen sollen, diese wieder an der Realität prüfen sollen und "zur Not verwerfen müssen". Keine andere Auffassung als die demokratische sei als Konsequenz daraus möglich, zitierte Uffrecht seinen Vater.

Uffrecht berichtete auch, dass das Schloss nie zur Dauerbewohnung errichtet worden war. Strom, Wasser, Sanitärräume mussten geschaffen werden. Alles haben die Schüler selbst erschaffen, wenn auch teils unter Anleitung von Letzlinger Handwerks-Meistern. Das Handwerk sei immer eine selbstverständliche Begleittätigkeit gewesen, fügte er an. Auch wenn es möglich war, in der FSWG das Abitur abzulegen, so sei es nicht Pflicht gewesen. "Es war auch möglich, als Tischler- oder Schlossergeselle, also mit einer abgeschlossenen Berufs-Ausbildung und einem Schulabschluss die Schule zu verlassen", erklärte der Haldensleber. Manche haben auch Abitur abgelegt und eine Handwerksausbildung beendet. Zudem wurde die Schule selbstverwaltet, auch die Finanzen und die Reinigung erledigten die Schüler. "Als Konsequenz erfuhren die Schüler, dass auch in der geringsten Arbeit Würde liegt, wenn sie zum Gesamtergebnis beiträgt", betonte Uffrecht.

Vertrauen sei die Grundbedingung für die Schulform gewesen, erklärte der Redner. Er erzählte, dass bei Klassenarbeiten nie ein Lehrer Aufsicht führte und dass trotzdem niemand gespickt habe.

In der "erziehungsfreien Schulform", was bedeutete, dass es keine Einflussnahme auf die Gesinnungen und Überzeugungen der Schüler gegeben habe, habe es auch keine Strafen gegeben. Eine einfache Verfassung habe den Alltag geregelt, damit dieser störungsfrei ablaufen konnte. "So herrschte in einigen Zimmern Schweigepflicht, damit dort gelernt werden konnte", gab Uffrecht ein Beispiel. Habe nun doch jemand in diesem Raum gesprochen, konnte er von allen zum Schweigen aufgefordert werden. "Auch der jüngste Schüler konnte dem ältesten Lehrer den Hinweis erteilen", machte Uff- recht deutlich.

"War man hier Schüler, gehörte man dazu, egal, woher jemand stammte", sagte Uffrecht. Unterschiede zwischen Herkünften seien nicht gemacht worden. Das, so habe er aus Gesprächen mit ehemaligen Schülern erfahren, sei eine prägende Erfahrung gewesen. "Unterschiedliche Abstammungen, so erzählten mir viele übereinstimmend, haben sie eher neugierig gemacht", sagte Uffrecht.

Vielleicht habe auch deshalb Adolf Grimme, preußischer Kultusminister und Namensgeber des bekannten Medienpreises, aus diesem Grund gesagt: " Unter den vielen Schulversuchen der Weimarer Zeit" sei die FSWG, "einer der originellsten, wenn nicht der originellste überhaupt, auf jeden Fall der sozialste" gewesen. Grimme kannte die Einrichtung, weil er sie als zuständiger Schulaufsichtsbeamter betreut hatte.

1933 habe die Sturmabteilung (SA) die Schule und Privaträume durchsucht. "Es fehlten danach Geld und private Besitztümer. Die SA feierte hier, überall lagen Zigarettenstummel, Bier war verschüttet worden. Am Morgen danach lud die SA Dorfbewohner ein, um zu zeigen, wie Lehrer und Schüler im Schloss gehaust gehabt hätten", sagte Uffrecht über das Ende der FSWG.

Seines Wissens habe sich kein Schüler der FSWG den Nazis angeschlossen. Die meisten haben das Land verlassen. "Anfang der 1990er trafen sich hier ehemalige Schüler wieder", sagte Uffrecht. Viele seien von sehr weit her, teils aus den USA, angereist. Ein ehemaliger Schüler saß in den Reihen der Zuhörer. Frido Seydewitz sagte am Ende der Rede, dass er sich sehr freue, in dem Raum, in dem er früher zu Versammlungen gesessen habe, heute wieder zu sein.

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