Ihren ersten Besuch im Halberstädter Gleimhaus nutzten bündnisgrüne Landtagspolitikerinnen für einen Appell: Eine gesetzliche Pflicht zum Kulturerhalt nütze den klammen Kommunen nicht. Im Gegenteil, das schränke das Agieren vor Ort ein.

Halberstadt l "Für die Grünen unter uns habe ich etwas Besonderes", sagt Ute Pott und nimmt einen dicken Band aus dem Regal der Bibliothek des Gleimhauses. Ein historisches Herbarium, und der Clou dabei, die getrocknete Pflanzensammlung enthält auch das eine oder andere Insekt.

Als Museumschefin kann Ute Pott gleich ein Quartett von bündnisgrünen Politikerinnen in ihrem Haus begrüßen. Claudia Dalbert, Fraktionschefin im Landtag, und Verena Wicke-Scheil, die in der dortigen Fraktion für die Kultur zuständig ist. Dazu mit Anneli Borgmann aus dem Schachdorf Ströbeck eine Landesvorständlerin, die sich innerparteilich für die Kultur engagiert, und die langjährige Halberstädter Stadträtin Kristine Paul.

Der Konflikt zwischen finanziell schlecht gestellten Kommunen, einer geringer werdenden Bevölkerung und dem Anspruch, kulturelle Angebote erhalten zu wollen, ist das Thema, das beide Landtagsmitglieder zum ersten Mal ins Gleimhaus führt. Mit dem Ergebnis, dass Claudia Dalbert das Haus "als einen Leuchtturm in Sachsen-Anhalts Museumslandschaft" bezeichnet. Gleich wohl muss sie von Ute Pott erfahren, dass auch das Gleimhaus vom Halberstädter Einsparprogramm betroffen sein wird. Stadträtin Kristine Paul weiß von Ratskollegen zu berichten, die folgenden Ausweg sehen: Sobald das Unterhalten von Bibliotheken, Museen und Theatern eine gesetzliche Pflicht ist, werde für dafür schon irgendwie Geld vorhanden sein. Nicht nur Paul hält das für einen Irrglauben. Claudia Dalbert, die auch Mitglied des Kulturkonvents des Landes ist, spricht sich klar gegen eine solche "Pflichtaufgabe" aus: "Das ist Augenwischerei, davon wird nicht eine Kommune reicher."

Soll Halberstadt in 10, 20 Jahren noch touristisch attraktiv sein?

Sie plädiert stattdessen an den Sachverstand der Verantwortlichen in den Kommunen. Diese wüssten am besten, welche Schwerpunkte sie in der Entwicklung ihres Ortes setzen wollen. "Eine gesetzliche Pflicht ist dabei eher hinderlich, und zur Not muss eine Stadt beispielsweise das Frauenhaus schließen, weil das Museum erhalten bleiben muss", schätzte Dalbert ein. Für sie schränken zuviele gesetzliche Vorgaben den Handlungsspielraum der Kommunen zu sehr ein.

Für die Landtagsabgeordnete Verena Wicke-Scheil ist das Angebot an Theatern, Museen und mehr nicht nur eine Touristenattraktion. "Sie sind ganz wichtig für die Menschen, die hier leben", schätzt die Diplom-Bibliothekarin ein. In diesem Sinne kündigt Anneli Borgmann an, nicht nachlassen zu wollen, Lobbyarbeit für die Kultur zu leisten. Diese sei identitätsstiftend und imagefördernd. Vor allem in Süddeutschland, so die im baden-württembergischen Villingen-Schwenningen Geborene, würde Kultur "bereits seit einigen Jahren als harter Standortvorteil bezeichnet".

Die Gleimhaus-Chefin beklagt, dass sie in der aktuellen Debatte eine langfristige Perspektive vermisse. Ute Pott: "Soll Halberstadt auch in 10, 20Jahren noch touristisch attraktiv sein?" Dieser Frage müssten sich die Stadträte und die Verwaltung stellen und dabei nicht nur den kurzfristigen Blick auf den Stadthaushalt richten.