Eine neue Glocke ist am Wochenende vor der Heilig-Geist-Kirche in Salzwedel geboren worden. Der Glockengießer Simon Laudy aus den Niederlanden hat sie gefertigt. Die Hansische Gesellschaft zu Salzwedel hatte den Guss veranlasst.

Salzwedel l Es ist gerade 8.45Uhr, als Simon Laudy am Sonnabend die Heilig-Geist-Kirche erreicht. Er wirkt angespannt, als wolle er keine Zeit verlieren. Zielstrebig geht er mit einem Schraubenschlüssel auf die Tonne zu, in die am Vorabend die orangeglühende Schmelze geflossen ist. "Christophorus" soll sie heißen, die Neue in der Salzwedeler Glockenlandschaft. Das steht ganz oben auf dem schon etwas rostigen Metallmantel, in dem sich die Form aus einer Lehm- und Sandmischung befindet. Schnell hat der Glocken- und Kunstgießer aus den Niederlanden die Halterungen entfernt, die das ganze zusammenhielten, dann rückt er dem Metall zu Leibe mit der Flex, und schließlich mit Hammer und Meißel der Gussform.

Das "Auspacken" der Glocke ist für den 50-Jährigen der spannendste Moment. Denn erst dann wird sich zeigen, ob er und seine Helfer in einem langen Prozess der Vorbereitung auch wirklich alles richtig gemacht haben. Ungeduldig wie ein Kind ein Weihnachtsgeschenk auswickelt, scheint es nun auch Simon Laudy zu gehen. Und es wundert nicht, dass er damit nicht warten kann, bis gegen 10Uhr die ersten Besucher vor Ort sind.

Brockenweise fällt die Form aus Lehm und Sand auseinander, und schließlich kommt Christophorus zum Vorschein, die Figuren - eine Hansekogge und Salzwedels Schutzpatron Christophorus - und die Schriftzüge, die sowohl an den Schöpfer als auch an den Auftraggeber, die Hansische Gesellschaft zu Salzwedel, erinnern, sind noch mit einer dünnen Sandschicht bedeckt. Aber nicht mehr lange. Denn unter Simon Laudys eiligem Wischen mit bloßer Hand und Metallbürste rieselt auch der letzte Rest zu Boden. Als die Abbildungen gestochen scharf und vollständig zu erkennen sind, zeigt sich in Simon Laudys konzentrierten und angespannten Gesichtszügen ein erstes kleines Lächeln. Unterstützung erhält er von seinem Kollegen Jakobus Nibuur, der die Krone von der Form befreit. Und dann steht sie da, in einem Trümmerhaufen aus Steinen.

"Das ist der Bauchnabel, wie beim Menschen"

Aber keine Spur von Entspannung beim Glockengießer und seinem Team. Als die Glocke am Flaschenzug hängt, holt Simon Laudy eine Stimmgabel hervor. Hat er es geschafft, "auf Ton zu gießen"? Wird die Glocke in h erklingen und zum a ihrer Schwester Elisabeth passen? Wortlos testet Simon Laudy, schreibt die Tonhöhen mit Kreide an das Holzgestellt. Er kommentiert das Ergebnis nicht, sein Blick bleibt ernst.

Die ersten Zuschauer fragen, was denn der kleine Punkt sei, der unter dem Namen des Glockengießers noch zu sehen ist. "Das ist der Bauchnabel, wie beim Menschen", beantwortet Simon Laudy die Frage. Entstanden ist er durch den Guss.

Später am Vormittag wird noch der Glockensachverständige der evangelischen Kirche Mitteldeutschlands die Glocke prüfen, ein Namensvetter der Neuen. Der Sachverständige heißt Christoph Schulz und erläutert den Besuchern seine Vorgehensweise anschaulich. Sein Urteil: "Ein schöner farbiger Klang. So wie sie ist, kann sie hoch auf den Turm."

Während das Freischlagen der Glocke für den Gießer der spannendste Augenblick ist, ist der spektakulärste wohl der Gussvorgang am Vorabend. Um den zu realisieren, ist Simon Laudy am Vortag bereits um 4.30Uhr in den Niederlanden aufgebrochen, mit einem "wahrscheinlich etwas zu schwer beladenen Auto", wie er schmunzelnd erzählt, einem Kollegen und Freunden, die helfen. Sämtliches Material für den von der Hansischen Gesellschaft beauftragten Glockenguss haben die Männer im Reisegepäck, als sie gegen zehn Uhr morgens in Salzwedel eintreffen. Aber von Pause keine Spur. Erst einmal laden sie die Wagen aus, beginnen mit dem Aufbau der Holzkonstruktion, unter der die Glocke gegossen wird. "Alles muss richtig stabil sein, denn wir werden die Schmelze über Flaschenzüge transportieren", erzählt Simon Laudy, dem kaum anzusehen ist, wieviel Kraft in seinem Körper steckt. Am Mittag dann eine kleine Kaffeepause, und danach beginnen die Männer den Ofen aus den feuerfesten Steinen zu errichten. Ganz nach mittelalterlicher Manier. Als die ersten Steinschichten übereinander liegen, hält Simon Laudys großer, etwas schlacksig wirkender Kollege Jacobus Nibuur die Wasserwaage an. Muss es wirklich gerade sein? "So ungefähr", antworten beide im Chor und lachen. Dennoch: Als der Ofen schließlich steht und sich die Luftblase genau in der Mitte der Wasserwaage positioniert, guckt Simon Laudy stolz. Der Glockengießer ist fasziniert von der mittelalterlichen Technik, die ohne große Hilfsmittel funktionierte.

Beladen mit 80 Kilogramm Bronze

Und fasziniert sind auch die Besucher, die am Freitag ab 17Uhr auf dem Hof der Heilig-Geist-Kirche eintreffen. Der Schmelztiegel steht da schon in dem selbstgebauten und gut verschmierten Ofen, beladen mit den 80 Kilogramm schweren Barren, aus denen die Glocke gegossen werden soll. Sie wird etwa 69Kilogramm wiegen. Aber Simon Laudy geht kein Risiko ein - lieber etwas mehr einschmelzen, als am Ende zu wenig zu haben. Was für die Glocke nicht benötigt wird, gießt er wieder in Barrenformen und kann es für einen späteren Guss noch einmal nutzen.

Fleißig waren bis zum Eintreffen der Besucher auch schon die Mitglieder der Hansischen Gesellschaft zu Salzwedel, die den Hof mit Sitzgelegenheiten versehen und die Kirche geschmückt haben, alles für den großen Abend vorbereitet haben. Bernd Frommhagen als Vorsitzender begrüßt die Gäste. Dann feuern die Männer um Simon Laudy den Ofen an, pumpen mit den großen Blasebälgen Luft in den Ofen. Bald schon hüllen dichte Rauchwolken den Platz ein. Zeit für die Besucher, sich in der Kirche einzufinden, um die kulturellen Beiträge des Abends zu hören, Gerhard Ruff bei der Vorstellung der Elisabeth-Glocke zu lauschen, und dem Concordia-Chor. Friedrich Schillers "Die Glocke" trägt Nils Nedel aus der elften Klasse des Jahngymnasiums in gekürzter Form vor. Gemütliche Stunden lassen sich auf dem Gelände verbringen.

Dann naht der Moment, auf den alle warten. Die Schmelze hat mit etwa 1100Grad Celsius die richtige Temperatur. Simon Laudy erkennt das an der Farbe der Schmelze. Es hätte noch etwas dunkler sein können, sagt Laudy später. Aber abzuwarten bis die Dämmerung hereinbricht, das geht nicht, "dann verliert die Schmelze an Qualität". Dicht an dicht drängen sich die Besucher rund um den Ofen. Wo vorher noch munter geplaudert wurde, kehrt erwartungsvolle Stille ein. Was Simon Laudy und seinen Kollegen abverlangt wird, nachdem sie den Ofen geöffnet haben, ist Manneskraft. Mit einem Metallgestell heben sie den glühenden Tiegel aus dem Ofen, sichern ihn am Flaschenzug. Simon Laudy steht unter Stress, ruft seinen Männern zu, was sie tun sollen, bittet die Besucher, mehr Platz zu machen. Als die Männer den Tiegel mit vereinten Kräften in Richtung der Gussform kippen, zeichnen sich vor lauter Körperspannung Adern in ihren Gesichtern ab. Aber dann ist es geschafft, langsam fließt die Schmelze, die dann noch eine Temperatur von etwa 1080Grad Celsius hat in die Form. Applaus folgt. Simon Laudy und seine Männer schlagen ein, umarmen sich. Das machen sie immer so. "Es ist gut gelaufen, es ist nichts passiert, was nicht passieren sollte", sagt Simon Laudy später, nachdem er sich ein wenig erholt und, in sich gekehrt, einige Minuten am Holzgestell gelehnt hat. Mit Bernd Frommhagen und Gerhard Ruff, maßgeblich an der Organisation des Glockengusses beteiligt, stoßen die Männer an, ehe sie den Abend an der noch Wärme spendenden Glut ausklingen lassen. Ihren Glockengießer kennen Simon Laudys Helfer schon seit ihrer Kindheit, und nichts als Lob ist von ihnen zu hören. Sie haben einmal eine Glocke gegossen, in die sich Simon Laudy hineinsetzen sollte, erzählt Nibuur von einer früheren Begebenheit. "Er ist eine Glocke", sagt er über den zähen Mann, den Nibuur selbst deutlich überragt. "Eine Glocke summa cum Laudy", fährt er in Anlehnung an das höchst mögliche akademische Prädikat - eine hervorragende Leistung - fort. Sie alle scheinen ein eingespieltes Team zu sein, in dem sich einer auf den anderen verlassen kann. Und das sei auch notwendig.

Kein leichter Abschied für Simon Laudy

Als am nächsten Tag das Ergebnis zu sehen ist und Simon Laudy der Glocke den letzten Feinschliff gegeben hat, auch seine Auftraggeber begeistert sind, sagt er: "Ich bin zufrieden." Wie so oft raucht er eine selbstgedrehte Zigarette. Ob ihm der Abschied von Christophorus schwer fallen wird? "Ja, es wird zwei bis drei Tage dauern, bis ich Salzwedel hinter mir gelassen habe", sagt er. Und dann steht er auf, um beim Abbau zu helfen und alles für die fünfstündige Heimfahrt vorzubereiten, die er noch vor sich hat.

Und am frühen Nachmittag ist auf dem Hof vor der Heilig-Geist-Kirche fast nichts mehr vorhanden, das noch an das Ereignis erinnert. Auch Christophorus ist fort, in die Werkstatt des Glockenbauers Rolf Klietz aus Berkau. Dort wird die Glocke nun für ihre künftige Heimstätte vor- bereitet.

Weitere Eindrücke vom Glockenguss sehen Sie auf der nebenstehenden Seite.

   

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