In der Bergstraße in Egeln hat der grundhafte Straßenausbau begonnen. Ein Bagger frisst sich durch die Erdschichten. Genau beobachtet Grabungstechnikerin Anja Kolditz das Baugeschehen.

Egeln. Wenn die Erde dunkler wird, wird es spannend für die Grabungstechnikerin Anja Kolditz in der Egelner Bergstraße. "Dunkle Erde bedeutet unzerstörte Kulturschichten", erklärt sie. Den ganzen Tag harrt die junge Frau an der Baustelle aus und beobachtet die Bauarbeiten.

Sobald sie etwas Verdächtiges entdeckt, lässt sie die Bauarbeiten einstellen. Ihre Aufgabe sei es, erzählt sie, die Arbeiten zu überwachen und jeden Fund zu dokumentieren. Immer wieder schauen die Bauarbeiter auf die Frau am Straßenrand. Auf ihr Zeichen hin müssen sie eine Zwangspause einlegen. Dann sucht sie behutsam nach Überresten früherer Besiedlungen. Mit einem kleinen Spachtel arbeitet sie sich in den dunklen Erdschichten voran.

"Den Auftrag dazu habe ich vom Landesamt für Archäologie und Denkmalpflege bekommen", schildert sie. Beschäftigt ist sie eigentlich beim Anhaltinischen Förderverein W. Gölzau. Bei vielen großen Funden war sie bereits dabei. In Egeln habe sie ebenfalls viele Bauprojekte betreut. Die kleine Stadt kenne sie gut. In der Bergstraße vermutet sie noch einige Fundstellen. "Obwohl die Straße bereits mehrfach aufgebuddelt wurde und Leitungen verlegt sind, gibt es noch ungestörte Erdschichten", zeigt sie sich begeistert. An einer Hauskante, wo sich die Baggerschaufel in den Untergrund gegraben hatte, ist sie bereits fündig geworden. In einer kleinen Plastiktüte hat sie einige Tonscherben gesammelt. "Das stammt mit Sicherheit aus dem 12. Jahrhundert", zeigt sie die Scherben. Eine der Keramikscherben sei vermutlich noch älter, meint sie. Damit sei eine frühere Besiedlung nachgewiesen. Vielleicht finden sich noch Überreste aus noch früherer Zeit, überlegt sie laut. Das wäre nicht ungewöhnlich, fügt sie hinzu. "In Sachsen-Anhalt gibt es viele Funde, die eine Besiedlung vor mehreren Tausend Jahren nachweisen", weiß sie. Offenbar fanden die Vorfahren der heutigen Bewohner den Platz damals bereits attraktiv und siedelten sich an.

Mit gemischten Gefühlen beobachtet der Egelner Bürgermeister Reinhard Luckner die Arbeiten in der Bergstraße. So schön die Überwachung durch die Expertin auch sei, meint er. Die Kosten dafür müsse die Stadt zusätzlich zahlen. Jede Arbeitsunterbrechung koste den Steuerzahler damit Geld, unterstreicht er. Er lässt sich die Funde an der Baustelle zeigen.

Die Stadt, sagt Anja Kolditz, könne beim Landesamt für Archäologie und Denkmalpflege die Übernahme der Fundstücke beantragen. Seit einiger Zeit bereits bietet die Landesbehörde dies den Gemeinden an. Vor Ort sollen die Fundstücke aus der Region einer breiten Öffentlichkeit gezeigt werden können. Denn längst sind die Magazine der Museen mit den vielen Fundstücken randvoll.

Eine gute Idee sei das, befindet der Bürgermeister. In der Wasserburg könnten die Fundstücke der Öffentlichkeit präsentiert werden, schlägt der Bürgermeister vor.

Rund 300 000 Euro wird der grundhafte Ausbau der Bergstraße kosten. Obwohl die Straße nicht sehr breit ist, erfüllt sie eine wichtige Funktion in Egeln, unterstreicht Reinhard Luckner. So ist über die Bergstraße der Friedhof zu erreichen. Außerdem gibt es Gewerbebetriebe als Anlieger. "Wir haben mit der Baufirma abgesprochen, dass der Verkehr auch während der Bauarbeiten gewährleistet sein muss", sagt der Bürgermeister. Über eine kleine Nebenstraße finden die Kunden noch zu einem Autohaus inmitten der Bergstraße. Bei einem Rundgang versichert sich der Stadtchef, dass der Betrieb nicht zu sehr von den Baumaßnahmen gestört wird. "Wir haben ebenso gefordert, dass der Friedhof immer erreichbar sein muss. Schon wegen der Beerdigungen und Trauerfeiern", erklärt er weiter.

Selbst wenn in den kommenden Wochen starker Frost weitere Tiefbauarbeiten unmöglich macht, soll die Straße nutzbar sein. Geklärt sei ebenfalls, dass die Feuerwehr im Ernstfall die Bergstraße erreichen kann. Dazu hat die Stadt Wege geöffnet, die sonst nur für Fußgänger benutzbar sind. "Wir müssen auch bei Bauarbeiten sicherstellen, dass die Feuerwehr an alle Häuser in der Straße kommt und im Ernstfall Hilfe leisten kann", sagt Luckner. In der Vergangenheit seien nicht alle Straßenbauarbeiten unter diesen Maßgaben abgelaufen. Allerdings habe die Verwaltung daraus gelernt und bereite die Bauunternehmen jetzt besser auf die Arbeiten vor.

Fertigstellungstermin für die Bergstraße ist offiziell der 31. Mai 2011. Wenn die Witterungsbedingungen allerdings mild bleiben, sei mit einem deutlich früheren Bauabschluss zu rechnen, betont der Stadtchef. Aus optischen und Kostengründen verwendet die Stadt das Straßenpflaster erneut. Was der Bagger ausgräbt, wird mit einem Lkw zu einem Lagerplatz gefahren. Nachdem der Untergrund entsprechend befestigt ist, soll das Pflaster wieder eingebaut werden.

Einige Gebäude an der Bergstraße stehen unter Denkmalschutz. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich außerdem die Bausubstanz teilweise geneigt. Behutsam müssen die Bauarbeiter deshalb an einigen Stellen sein, um die Gebäude nicht zu beschädigen. In einem halben Jahr sei die Straße aber neu ausgebaut und niemand erinnere sich mehr an die Bauzeit, freut sich Reinhard Luckner bereits auf das fertige Ergebnis.