Sie sind jeden Tag auf Achse, um Jugendlichen in Stadt und Kreis zu zeigen: Hier ist jemand für euch da. Sport- und Freizeitangebote, reden, Probleme lösen – das ist der Job der Streetworker. Ihre Arbeit ist oft eine Gratwanderung zwischen Grenzsetzung und Toleranz, zwischen Strenge und Zuwendung.

Stendal. Fußball, Abenteuerspielplatz, Basteln, Ausflüge machen – ein toller Job muss das sein. Immer unterwegs, immer in Aktion, von stupider Büroarbeit keine Spur. Klar, haben die Streetworker Spaß, aber bei ihrer Arbeit geht es um mehr als Kinderbelustigung und Freizeitvergnügen.

Probleme wälzen, Auswege finden, Verzweifelten Mut machen, Schicksale ein wenig mitbestimmen. Jeden Tag aufs Neue gehen Hans-Georg Frank, Anke Barschdorf und Kathrin Musold für die Stadt sowie Astrid Elling und Anke Hartel für den Landkreis diese Herausforderung an. Die fünf sind die Streetworker der Region Stendal und versuchen täglich, hunderte Jugendliche zu erreichen.

Keine einfache Aufgabe, denn so wie früher, als die Kinder in Cliquen durch die Gegend zogen und man wusste, wo sie sich treffen, sei es nicht mehr. "Es ist schwieriger, an die Jugendlichen ranzukommen, nach der Schule verkriechen sich viele zu Hause", sagt Kathrin Musold. Deshalb sei es so wichtig, regelmäßig Veranstaltungen anzubieten, damit die Jugendlichen wissen: Hier ist ein Ansprechpartner, der ein offenes Ohr für dich hat. "Es dauert eben, bis Vertrauen aufgebaut ist, bis sich einer öffnet und man so nach und nach von den Problemen erfährt."

"Was die Kinder uns anvertrauen, bleibt auch unter uns"

Was den Jugendlichen zu schaffen macht, sind Versagensängste, das Gefühl, nicht anerkannt zu sein, schulische Probleme, Angst vor der beruflichen Zukunft, die Arbeitslosigkeit der Eltern. Zunehmend beobachten die Streetworker auch suchtartiges Verhalten beim Medienkonsum. Und Verschuldung. Aggressive Werbung und Fixiertheit auf Materielles beeinflussen die jungen Menschen massiv. Daran zu kratzen und im besten Falle etwas zu ändern, ist der Ehrgeiz der Streetworker. "Was die Kinder mit uns bereden und uns anvertrauen, bleibt auch unter uns", sagt Musold. Die 40-Jährige hat Kindergärtnerin und Erzieherin gelernt und arbeitet seit 2002 im städtischen Streetwork.

"Ja, sie reden eigentlich alle gern, nur eben nicht über alles mit den Eltern", bestätigt ihre Kollegin Anke Hartel aus dem ländlichen Streetwork. Hier sind es neben Ausflügen vor allem kostenlose Sportangebote, mit denen die Kinder aus der Reserve gelockt werden sollen. Ein ehrgeiziges Unterfangen, reicht das Alter der Zielgruppe doch von 12 bis 27. "Auf dem Land ist es dann oft so, dass gleich die Geschwister noch mitkommen, da muss man sehen, dass für jeden was dabei ist", sagt Hartel (45), die sich nach der Wende vom agrartechnischen Bereich ab- und der sozialen Arbeit zuwandte.

Streetwork heißt jedoch nicht Larifari und Heile-Welt-Spielen. Es gelten Regeln und Grenzen, über Fehlverhalten wird gesprochen und nicht drüber weggesehen. "Bei unseren Veranstaltungen wird kein Alkohol getrunken", sagt Hartel, die beobachtet, dass der Alkoholkonsum bei Jugendlichen gerade auf dem Land extrem alltäglich ist. "Ich habe den Eindruck, es wird früher angefangen. Beim Dorffest gehört Alkohol dazu, da werden die Kinder dann schon mal ermuntert zu trinken." Eine Sorge, die der Streetworkerin und ihren Kollegen zu schaffen macht.

"Keinen aufgeben. Jeder hat das Recht auf einen Neuanfang"

Oft gleicht ihr Job einer Gratwanderung: "Wir versuchen natürlich, erzieherisch zu wirken, aber mit erhobenem Zeigefinger würden wir nicht viel bewirken", sagt Anke Hartel. Zuhören, Feingefühl, Erfahrung und im richtigen Moment spüren, wo man nachhaken, Mut machen oder auch mal den Kopf waschen muss. Aber die Streetworker sind nicht allmächtig. Sie sehen sich deshalb als wichtiges Bindeglied zu anderen Einrichtungen, vermitteln zu Beratungsstellen oder Hilfsangeboten.

Wichtigstes Arbeitsmittel für die fünf Streetworker ist ihre Zuversicht. "Niemals jemanden aufgeben, jeder hat das Recht auf einen Neuanfang", formuliert es Kathrin Musold. Auch wenn es mancher erst mit Mitte 20 schafft. "Man darf nichts erwarten, Ratschläge hören die Kinder schon genug. Aber ein Fünkchen Hoffnung, das haben wir immer."

Und das darf man getrost auch auf die eigene Arbeit beziehen. Mehr Beständigkeit in den Finanzen für die Jugendarbeit, Bildung und Vereinssport kostenlos, Bildung als Bundes- und nicht als Ländersache – wenn sich die Streetworker etwas wünschen dürften ... Bis diese Träume in Erfüllung gehen, machen die fünf von der Straße einfach voller Optimismus ihren Job. Der ihnen bei allen Schwierigkeiten eben auch Spaß macht.