Am 22. September geht das Theater der Altmark in die neue Spielzeit. Das Motto "Heimat" steht dann über ihr. Die 70 Mitarbeiter begannen gestern mit der Vorbereitung.

Stendal l Mitten in seiner kleinen Gastrolle als Redner legte Klaus Schmotz eine Kunstpause ein. Während er einen Gegenstand hochhielt, benutzte er das rhetorische Mittel, um Aufmerksamkeit einzuheimsen. Stendals Oberbürgermeister schaffte das in den Minuten zuvor zwar auch schon spielend auf der kleinen Bühne an der Stendaler Spielstätte. Nur jetzt sollte jeder hinschauen.

Denn womit Schmotz da winkte, war nicht größer als eine handelsübliche Zigarettenschachtel und auch nur halb so dick. Es war das Stendaler Theaterheftchen von 1985/86. Beim Aufräumen in seinem Bücherregal fiel es Schmotz aus einem Lexikon vor ein paar Tagen in die Hände. Das Programm von damals steckte also in einer Zigarettenschachtel. Der Inhalt der Schachtel verwies auf ein Kabarett-Stück mit dem Titel "Haltungsschäden". So aufreizend doppeldeutig dieses TdA-Stück in die damalige Zeit passte, so treffend metaphorisch passte Schmotz\' Programmheft-Anekdote zum gestrigen offiziellen Arbeitsbeginn am 70-Mitarbeiter-Haus TdA: "Es wurde schon damals wahnsinnig gespart", deutete Schmotz subtil das Mantra der Gegenwart an. Beim Theater drehen sich außerhalb der Bühne eben viele Diskussionen vordergründig ums Geld.

Ohnehin haben die Finanzen das Zeug zum Dauerbrenner am Haus von Intendant Alexander Netschajew. "Wir werden an der vergangenen Spielzeit gemessen werden. Das ist auch vollkommen richtig so; natürlich auch beim Geld."

"Ich habe hohe Erwartungen, gerade auch an mich."

Alexander Netschajew, TdA-Intendant

Und das soll dann auch immer am Ende der kommenden Monate stimmen. Unter Netschajew ist das Haus nicht gleich restlos saniert. Im Gegenteil, es steht weiter unter Beobachtung und dem Generalverdacht, ein Zuschussgeschäft der Kommune zu bleiben, auch wenn die Stadt ihren Beitrag in diesem Jahr um erkleckliche gut 200000 auf satte 1,2 Millionen Euro aufgestockt hat, um nie wieder aufsstocken zu müssen. Die Botschaft heißt deshalb seit dem Frühjahr: Dieses Geld muss jetzt reichen; egal, was ihr spielt, wie ihr spielt und wie viele Zuschauer euch spielen sehen mögen.

In der abgelaufenen Saison brachen sie da schon mal die Erwartungen. Dass die jüngsten Einnahme- und Zuschauerrekorde zum Gedanken-Alltag der Außenwelt werden könnten, davor können sie sich kaum schützen. Mit diesen geweckten Begehrlichkeiten scheint Netschajew gut zu leben: "Ich habe immer hohe Erwartungen; gerade auch an mich", sagte der Intendant dieser Zeitung. Seinen Mitarbeitern gegenüber blieb er gewohnt defensiv. Die erste Spielzeit unter ihm als Chef der Bühne sei schlicht "Wahnsinn gewesen". Wie soll sich das noch steigern lassen, lautet unter diesen Worten die Subbotschaft.

Dennoch: Er, Netschajew, fühle von der Politik, dass sie angetan sei, was da bisher unter ihm in den vergangenen zwölf Monaten passierte. Kunst lasse sich nicht einsperren, sie sei ein tägliches Wunder. Er spüre dennoch warmen Rückenwind im Lokalen. Das Lächeln des Oberbürgermeisters aus der ersten Reihe vor der kleinen Bühne gestern war ihm da gewiss. Und noch etwas: Das kleine 1985er Zigarettenschachtel-Programmheft als Geschenk.

Netschajew setzt auf eine neu zusammengestellte; eine runderneuerte Mannschaft mit teils bekannten wie jungen Gesichtern. Ob mit Birgit Halter an der Kasse, den Schauspielern Tom Weber, Maik Rogge, Hannes Liebmann, Volker Wackermann, Michael Magel, Michael Putschli, der Dramaturgin Cordula Jung, dem neuen musikalischen Leiter Jakob Brenner - sie stehen genauso wie die Etablierten in den nächsten zwölf Monaten für die zweite Netschajew-Spielzeit in Stendal.

Der bisherige komplette Mitarbeiter-Stab habe nie Dienst nach Vorschrift gemacht, sondern sich für das Haus reingehängt, so dass jeder habe sehen können: "Ich spüre viel Schwung. Die Mitarbeiter lieben ihr Theater." Diese Liebesbeziehung sei zwar nicht frei von Reibungen, weshalb Netschajew die Tür zu seinem Büro sprachlich wie tatsächlich "jederzeit offen hält". Das neue Spielzeit-Motto Heimat soll auch innerhalb des Hauses gelten - eine Umgebung, in der man sich heimatlich fühlt.

Das soll auch für die neuen Pächter der Hausrestauration gelten. Magnus Urban, Betreiber des Ratskellers in Havelberg und des "M1" in Stendal, ist der Neue mit Kompagnon Ronny Lexa hinter den Küchenkulissen. Neu ist auch gleich der Name ihrer Stätte: Das "Harlekin" heißt jetzt "Stendhal".

   

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