Die Zeit der Kleinbahnen in der Altmark ist Geschichte. Nur wenig erinnert noch an sie, so eine vergessene Brücke bei Hanum.

Hanum. In diesen Wochen, in denen wir bundesweit den 20. Jahrestag der Wiedervereinigung Deutschlands feiern, gehen die Gedanken Jahrzehnte zurück. Im Ergebnis des Zweiten Weltkrieges wurde Deutschland im Mai 1945 in vier Besatzungszonen aufgeteilt, wurden traditionelle Schienen- und Straßenverbindungen gekappt. Als einzige altmärkische Kleinbahn war auch die Altmärkische Eisenbahn AG davon betroffen. Von ihrem einst über 100 Kilometer langen Schienennetz sind heute nur noch zwischen Hohenwulsch und Kalbe/Milde jene Gleise erhalten, die zu Reichsbahnzeiten sogar auf 21 Tonnen Achslast ertüchtigt wurden. Alles andere ist weggeräumt. Doch 40 Meter echten Kleinbahngleises haben die Jahrzehnte an der Landesgrenze Sachsen-Anhalt zu Niedersachsen überdauert.

Wer heute die Straße zwischen Hanum im Altmarkkreis Salzwedel und Zasenbeck im Landkreis Isenhagen entlangfährt, erblickt etwa auf halbem Wege rechts ein großes Gebüsch, keine fünfzig Schritte Luftlinie von der Straße entfernt. Der Zasenbecker Ortsvorsteher Reinhold Tielbörger zeigte in diese Richtung: "In dem Gebüsch finden Sie die alte Kleinbahnbrücke!"

Wir stehen kurz vor der Straßenbrücke über die Ohre, welche die Grenze zwischen Sachsen-Anhalt und Niedersachsen markiert. Jahrzehnte lang war sie unterbrochen. Neben der Brücke haben die Zasenbecker eine kleine Gedenkstätte eingerichtet. Auf Schautafeln wird die Situation im Grenzbereich dargestellt.

Während die Straße längst wieder wie in alten Zeiten die beiden Orte verbindet, erinnert hier heute nichts mehr an die seit 1945 von der Grenze durchtrennte Kleinbahnstrecke von Beetzendorf über Rohrberg, Ahlum, Nieps, Lüdelsen, Jübar und Hanum nach Zasenbeck. Die Grenze verlief mitten durch die Ohrebrücke der Kleinbahn.

Am 1. Oktober 1911 feierlich eingeweiht, verkehrten die letzten Personenzüge zwischen Beetzendorf und Zasenbeck bis zum Sommer 1944. Danach endete die Strecke aus bisher ungeklärten Gründen in Hanum.

Die Station Hanum lag unmittelbar neben der Straße am südlichen Ortsrand. Sie besaß neben dem durchgehenden Streckengleis ein Ladegleis an der Ladestraße. Nachdem der Zugverkehr seit Sommer 1944 in Hanum endete, diente das Ladegleis auch zum Umsetzen der Lokomotiven.

Ein Zasenbecker fotografierte im Jahr 1953 von jener Stelle aus, neben der sich heute die Gedenkstätte befindet, über den Stacheldrahtzaun den Bahnhof Hanum, in dem gerade ein Zug zur Abfahrt bereitsteht. Gut ist die verwaiste Landstraße zu erkennen. Über den einstigen unbeschrankten Bahnübergang hinaus stehen die letzten Wagen des gemischten Zuges. Neben dem Bahnhofsgebäude überragt ein hölzerner Postenturm der DDR-Grenzer den Zug.

Die Entführung einer Lok von West nach Ost

Schon lange, bevor am 13. August 1961 die Berliner Mauer errichtet wurde, entstand am Bahnhof Hanum ein Sichtschutz. Reinhold Tielbörger begleitete im Jahr 1960 einen Beamten des Bundesgrenzschutzes, der mit seinem Fernglas zum Hanumer Bahnhof hinüberschaut. Der Grenzer steht auf der alten Kleinbahnbrücke! Hinter dem Warnschild beginnt das "Niemandsland" der DDR mit den Grenzsicherungsanlagen.

Am 27. November 1961 ist die Strecke (Beetzendorf-) Rohrberg-Hanum stillgelegt worden. Später stand auch hier die "Mauer".

Obwohl planmäßige Züge seit Sommer 1944 nicht mehr über die Brücke rollten, sind die Gleise zwischen Hanum und Zasenbeck zunächst nicht abgebaut worden. Das kam einer "Nacht- und Nebelaktion" zugute, von der Reinhold Tielbörger erzählte. Danach ist nach 1945 mit Duldung der russischen Besatzungstruppen eine Lokomotive aus dem Zasenbecker Lokomotivschuppen der Altmärkischen Kleinbahn "entführt" worden, die wegen Lokomotivmangels dringend in ihrer Heimatdienststelle Kalbe/Milde gebraucht wurde. Zwei Lokpersonale aus Kalbe/Milde holten sie eines Nachts aus dem Schuppen, der in der britischen Besatzungszone lag, und überführten sie nach Kalbe/Milde.

Eine Version berichtet von vier Männern, die mit einem Handwagen voller Holz und Kohlen angeschlichen kamen, die dort seit längerem abgestellte Lok anheizten und dann mit ihr losfuhren. Eine andere Version besagt, dass die vier Männer mit einer Lokomotive aus Kalbe/Milde kamen, die kalte Lok im Zasenbecker Schuppen ankuppelten und sie abholten. Die letztere Variante erscheint glaubhafter. Wie auch immer – diese Fahrt im Sommer 1945 war die letzte über die Ohrebrücke. Seitdem wächst Gras über die Gleise.

Dass die kleine Brücke überhaupt bis heute erhalten ist, hat seine Ursache in einer geringfügigen Umverlegung der Ohre, die zu DDR-Zeiten ein neues Bett näher in Richtung Zasenbeck bekam. Da blieb die nun trockengelegte Brücke mit beiderseits einigen Metern Bahndamm durch sumpfiges Gelände im "Niemandsland", dem unmittelbaren Sperrgebiet an der Grenze auf DDR-Seite, liegen. Langsam wucherte der Torso zu. So ist er bis heute fast unberührt erhalten: originale Kleinbahnschienen, vielleicht irgendwann zwischen 1911 und 1939 einmal erneuert, auf einer originalen Brücke aus dem Jahr 1911.

Das gesamte Bahngelände von Hanum ist heute eine Brache, alle Gebäude sind abgerissen. Das Gelände könnte durchaus Bestandteil des geplanten Biotops "Grünes Band" entlang der einstigen Staatsgrenze werden. Die alte Kleinbahnbrücke aber mitten im beiderseits "abgehackten" Bahndamm mit dem noch etwa 40 Meter langen Kleinbahngleis bietet sich geradezu an, von den Hanumern zu einer kleinen Gedenkstätte auf dem Territorium des Altmarkkreises Salzwedel gestaltet zu werden. Lediglich die fast mannshohen Brennnesseln behindern den Zugang.

Übrigens gibt es eine ganz ähnliche Situation in der Nähe des ehemaligen Bahnhofs Waddekath-Rade. Wenige Meter westlich der Station wurde die Kleinbahnstrecke Beetzendorf-Diesdorf-Wittingen von der Grenze durchschnitten, die von einem kleinen Graben markiert ist. Auch dieser Durchlass ist mit einigen Metern Gleis bis heute erhalten!

 

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