Tante Mimi, wie "Nachbarskind" Karla Kamski Marie Stechhan liebevoll nennt, wird heute im Alten- und Pflegeheim der St. Georg Stiftung Hadmersleben stolze 100 Jahre alt. Für die ehemalige Harbkerin ist der Satz: "Man sieht ihr das Alter gar nicht an!" – wirklich keine Phrase.

Hadmersleben. Marie Stechhan sitzt gemütlich in ihrem Sessel und lässt sich Kaffee und Kuchen schmecken. Vor allem die Sahne hat es ihr angetan und die bekommt ihr nach wie vor. Gern sitzt die einstige Harbker Geschäftsfrau am Fenster ihres Zimmers im Altenheim und beobachtet jetzt im Winter die Meisen. Marie Stechhan hat ein Futterhäuschen vor das Fenster gehängt und so werden die Meisen von ihr gut versorgt.

Viele Harbker werden Marie Stechhan noch kennen, denn viele viele Jahre hat sie mit ihrem Mann, der 1988 verstorben ist, die Gaststätte "Zur guten Quelle" in Harbke geführt. Vor allem die Tagebauarbeiter sind in der Gaststätte auf dem Weg zum Bus noch schnell eingekehrt und haben ihr Feierabendbier getrunken.

Marie Stechhan wurde heute genau vor 100 Jahren in Eichenbarleben geboren. Mit ihrem Mann führte sie später in Magdeburg eine Fleischerei. Diese wurde jedoch am 16. Januar 1945 zerbombt. So verschlug es das Ehepaar 1946 über Klötze nach Harbke. Dort eröffneten sie 1947 die Gaststätte mit Kegelbahn und Saalbetrieb. 1973 wurde die Gaststätte verpachtet, das Ehepaar Stechhan setzte sich zur Ruhe.

Marie Stechhan war sehr beliebt und bekannt in Harbke und Umgebung. Sehr sparsam und bescheiden haben Stechhans stets gelebt. Und diese Sparsamkeit kam Marie Stechhan später sehr zugute. Sie hatte nämlich einen Bruder, auch Fleischer, der nach Australien ausgewandert war. 1973, Marie Stechhan war inzwischen Rentnerin, reiste sie das erste Mal zu ihm. Diese erste Reise musste der Bruder bezahlen, so die Forderung der DDR. Reisekosten: 4 500 Dollar. Das weiß Marie Stechhan noch heute ganz genau, die damals mit ihrer Schwester in den fernen Kontinent reiste. "Und nach meiner Uhr waren wir ganze zwei Tage unterwegs. Damals habe ich mich gefragt, ob ich wohl jemals wieder nach Hause komme?", berichtet sie begeistert. Und die Erinnerungen lassen ihre Augen strahlen. Insgesamt viermal, bis ins hohe Alter, war Marie Stechhan in Australien. Einmal noch zu DDR-Zeiten für 4500 "Ostmark" und zweimal nach der Wende.

Apropos Wende. "Dass ich noch erleben konnte, dass die Grenze wegkam, das war schon was Dolles", meint die nun 100-Jährige, die mehr als 40 Jahre direkt im Grenz- und Sperrgebiet gewohnt hat.

Seit fast sieben Jahren lebt Marie Stechhan im Hadmersleber Altenheim. Allein zu Hause ging es nicht mehr. Schuld war vor allem die steile Holztreppe, die in ihre Wohnung über der ehemaligen Gaststätte führte. Eine Toilette gab es dort nicht, Marie Stechhan musste dafür immer über besagte steile Treppe hinunter. "Das ging irgendwann nicht mehr und die Sorge, Tante Mimi könnte stürzen, nahm zu", berichtet Karla Kamski, Nachbarskind, heute selbst Rentnerin, die als Kind viel Zeit bei Stechhans verbrachte, weil sie keine eigenen Kinder hatten. Und noch heute kümmert sich Karla Kamski um "Tante Mimi".

Marie Stechhan fühlt sich sehr wohl im Altenheim. Hier nimmt sie sehr rege an den vielen Veranstaltungen teil. "Frau Stechhan ist wirklich eine Liebe und man kann sich noch sehr gut mit ihr unterhalten", meint auch die Leiterin des Alten- und Pflegeheimes, Cornelia Reichert.

Und zum Teilhaben am Leben gehört für die Jubilarin auch, dass sie jeden Tag die Volksstimme liest. Vor allem aber muss man Marie Stechhan um ihre Gesundheit beneiden. So ist sie beispielsweise in ihren nunmehr 100 Lebensjahren nicht ein einziges Mal operiert worden.