Arbeitslos wollten Ala und Gennadiy Vinogradskiy in Deutschland nicht sein. Das Ehepaar stammt aus Weißrussland, wo beide eine exzellente Musikerausbildung genossen und mit Auszeichnung bestanden haben. Seit neun Jahren lebt das Ehepaar nun schon in Oschersleben, doch eine Anstellung konnten beide bisher nicht finden. Die Situation wird für Ala und Gennadiy immer unerträglicher.

Oschersleben. Das Ehepaar Vinogradskiy lebte gerade zwei Jahre lang in Deutschland, als Gennadiy eines Tages nach Hause kam und Ala sprichwörtlich auf gepackten Koffern saß. "Ich wollte unbedingt wieder nach Hause, ich kannte niemanden, konnte die Sprache noch nicht so gut und war wie auch jetzt noch arbeitslos", sagt die 37-Jährige. An Depressionen habe sie gelitten.

Unter anderem wegen der schlechten Lebensumstände und der korrupten Politik unter dem als "Letzten Diktator Europas" verschriehenen und kürzlich wiedergewählten Präsidenten Alexander Lukaschenko habe das Ehepaar in ihrer Heimatstadt Minsk nicht mehr leben wollen. Gennadiy arbeitete dort in drei verschiedenen Einrichtungen als Musiklehrer, doch trotz dreier Anstellungen habe das Geld kaum gereicht.

Immer wieder hätten die Vinogradskiys von Bekannten gehört, dass es mit der insgesamt 18 Jahre lang andauernden und hoch anerkannten Musikausbildung in Weißrussland kein Problem sei, in Deutschland eine Anstellung zu finden. So hegten Ala und Gennadiy große Hoffnungen in die Immigration nach Deutschland.

Sie spielt die Domra, ein Instrument ähnlich der Balalaika, sowie Mandoline und Gitarre, hat außerdem in Blankenburg zusätzlich eine Ausbildung als rhythmische Therapeutin abgeschlossen. Er spielt Akkordeon und Klavier. Beide haben außerdem die Befähigung, als Dirigenten zu arbeiten.

Natürlich habe das Paar schon darüber nachgedacht, außerhalb der Musik tätig zu werden. Doch in Deutschland ohne einen Facharbeitsabschluss eine vernünftige Anstellung zu finden, sei schwierig. Hinzu kommt, dass Musiker, die nicht ständig üben, schnell an Können verlieren.

Trotz der Unzufriedenheit über das Leben von Hartz IV fühlt sich das Ehepaar mittlerweile heimisch in Deutschland,. Auch weil der siebenjährige Sohn und die vier Jahre alte Tochter hier geboren wurden. Vor kurzem beantragte die Familie die deutsche Staatsbürgerschaft. Ob daraus etwas wird, kann momentan niemand sagen.

Zwei Jahre lang leitete Gennadiy ehrenamtlich das Oschersleber Blasorchester. "Das war gut, so konnte man endlich ein paar Kontakte knüpfen und hat Leute kennen gelernt", erinnert sich der 38-Jährige. Auch Ala hat sich langsam in das gesellschaftliche Leben eingefügt. Sie belegt zwei Tanzkurse in der Nähe von Oschersleben. Damit fühlt sie sich wohl, versteht sich gut mit den anderen Teilnehmern.

"Jetzt, da die Kinder vormittags in der Kita beziehungsweise in der Grundschule sind, wir die deutsche Sprache gut beherrschen und auch Bekannte und Freunde haben, sind wir mehr als bereit, endlich auch einer geregelten Arbeit nachzugehen", sind sich Gennadiy und Ala einig. Schließlich können sie etwas, was nicht jeder kann. Daran würden sie andere gern teilhaben lassen. "Erfahrungen mit dem Oschersleber Publikum haben sie bereits bei einigen Auftritten auf städtischen Veranstaltungen sammeln dürfen", sagt Ala. Gennadiy ergänzt: "Die Zuhörer hier sind sehr viel offener, bei klassischen Stücken haben wir schon Menschen weinen sehen. In Weißrussland wird vor allem darauf geachtet, was man falsch macht. Hier können die Menschen die Musik besser genießen."

An weißrussischen Weihnachtstraditionen hält die vierköpfige Familie kaum fest, bis auf die russisch orthodoxe Messe in Magdeburg am 6. Januar, die sie in jedem Jahr besucht. Ansonsten verbringen Ala, Gennadiy und die Kinder das Weihnachtsfest nach deutscher Tradition mit einem geschmückten Weihnachtsbaum, darunter Geschenke von Väterchen Frost. Das größte Geschenk für das Ehepaar wäre es jedoch, sich vollständig in Deutschland zu integrieren. Und dazu gehört eben auch eine Arbeitsstelle.