Seit dem 1. Januar 2010 blickt Wanzleben in ein neues Jahrzehnt. Welche Zukunfts-chancen machen Entscheidungsträger für die Sarrestadt aus? Sie sehen sich neuen Gebietsstrukturen gegenüber, in denen die Gemeinschaft erst einmal wachsen muss. Gleichzeitig verändert sich die Altersstruktur in den Orten: Die Menschen werden immer älter und junge Leute ziehen vielfach in die großen Städte. Vor diesem Hintergrund geht die Volksstimme der Frage nach, wohin der Weg führen kann. Heute Teil 2: "Wie reagiert die Sarrestadt auf die agile Generation 50 plus?"

Wanzleben. Die demografische Entwicklung lässt sich nicht aufhalten. Nachwuchs bleibt aus, die jüngeren Generationen ziehen in die weite Welt hinaus, um dort Arbeit zu finden. Die Folge: Die Bevölkerung wird immer älter – das ist in Wanzleben nicht anders als in anderen Städten Deutschlands. Doch ältere Menschen haben andere Bedürfnisse als die jungen. "Wir haben das Thema auf jeden Fall im Kopf", sagt die Bürgermeisterin der Einheitsgemeinde Stadt Wanzleben – Börde, Petra Hort. Und Rainer Lippelt, Geschäftsführer der Wohnungsbaugesellschaft Wanzleben (WOBAU), fügt hinzu: "Wir sind darauf vorbereitet."

Und erste Projekte sind längst umgesetzt, denn die Stadt Wanzleben hat sich bereits im Jahr 2007 an einem Wettbewerb "Auf dem Weg zur barrierefreien Kommune" beteiligt. Im Wettbewerb konnte die Stadt Wanzleben zwar keinen Preis erringen, aber an den gesteckten Zielen hielt man fest. So war das Thema "Barrierefreiheit" auch bei dem IBA-Projekt unter dem Titel "Urbane Familienfelder" stetig im Blickfeld.

Die Welt ohne Stolperfallen betrifft ja nicht nur die ältere Generation, es gibt auch junge Menschen, die eine Behinderung haben oder sich mit dem Kinderwagen durch die Stadt bewegen. Und dabei kann jede Stufe oder mancher zu hohe Bordstein schnell zu einer unüberwindbaren Hürde werden.

"Abgesenkte Bordsteine spielen bei den Planungen zur Sanierung von Straßen immer eine Rolle", erklärt die Bürgermeisterin. Sie weiß aber auch, dass die Menschen mit Handicap in der Stadt schon manches Mal bemängelt haben, dass die Abstände zwischen den Bordsteinabsenkungen zu groß sind.

"Die Klingel wurde so angebracht, dass Rollstuhlfahrer sie erreichen können"

Ein gutes Beispiel dafür, dass die Stadt sich darauf einstellt, dass die Bevölkerung immer älter, aber auch agiler, wird, ist das Rathaus selbst, das in den zurückliegenden Jahren umgebaut wurde. Bei vielen Details wurde an die Menschen gedacht, die mit Einschränkungen leben müssen. So gibt es nicht nur behindertengerechte Stellplätze auf dem Hof, sondern beispielsweise auch einen barrierefreien Zugang zum Rathauskeller und einen Fahrstuhl, damit Rollstuhlfahrer auch die oberen Etagen erreichen können. "Selbst die Klingel wurde etwas tiefer angebracht, damit auch Rollstuhlfahrer sie erreichen können", so Petra Hort.

Beim Haus 2 der Verwaltung der Einheitsgemeinde, die ehemalige rote Schule, mangelt es noch an der Bar–rierefreiheit, aber andere öffentliche Gebäude und Einrichtungen in der Stadt können sich diesbezüglich sehen lassen. So zum Beispiel die Stadt- und Kreisbibliothek, die für alle Menschen, insbesondere für die älteren und behinderten, nutzbar sein sollte. Am Haupteingang wurde eine Rampe angebracht und auch der Weg zu den ausgewiesenen behindertengerechten Stellflächen auf dem Parkplatz ist nicht weit. Die Bibliothek befindet sich im Erdgeschoss und auch eine behindertengerechte Toilette ist vorhanden. Auch das Bördegymnasium hat sich inzwischen als beliebter Veranstaltungsort empfohlen. Bereits bei den Planungen des Neubaus wurde auf eine umfassende behindertengerechte Ausstattung geachtet.

"Bei neuen Vorhaben wird Barrierefreiheit in den Fokus gerückt"

Auch die Freizeitgestaltung im Spaßbad ist nicht nur gesunden Menschen vorbehalten. Stufenlose Wegeführungen und eine Beckentreppe mit sehr geringer Neigung machen es möglich, dass auch Rollstuhlfahrer das Bad weitestgehend ohne fremde Hilfe nutzen können. Auch die Umkleidekabinen und Sanitäreinrichtungen sind behindertengerecht ausgestattet.

Dass auch das Ärztehaus barrierefrei ist, versteht sich fast von selbst.

"Bei neuen Vorhaben wird das Thema Barrierefreiheit in den Fokus gerückt, beim Umbau alter Gebäude gewinnt es auch stärker an Bedeutung", sagt Rainer Lippelt und hat auch gleich ein gutes Beispiel parat: Das Multifunktionale soziale Zentrum, das die WOBAU im ehemaligen Bahnhof in Wanzleben einrichten ließ. Der DRK-Kreisverband Wanzleben als künftiger Nutzer wird den barrierefreien Zugang zu schätzen wissen, denn so können die sozialen Angebote von allen genutzt werden.

Insgesamt kann Petra Hort einschätzen, dass Menschen, die in ihrer Bewegung eingeschränkt sind, doch recht gut in Wanzleben zurechtkommen, auch wenn es auf dem Weg zur barrierefreien Kommune noch vieles zu tun gibt. So gibt es im Straßenbild der Stadt beispielsweise auch noch Bereiche, in denen der Erhalt des historischen Stadtbildes nicht mit einer guten Begehbarkeit mit Gehhilfen und Befahrbarkeit mit Rollstühlen und Kinderwagen verbunden werden konnte. Hucklige Straßen und Wege machen den Menschen mit Handicap das Leben schwer.

Zur "Entwicklung der Stadt als sicherer und attraktiver Wohnort bis ins hohe Lebensalter", wie es bereits 2007 in den Wettbewerbsunterlagen formuliert worden ist, gehört speziell für die WOBAU auch die Umgestaltung von Wohnraum. "Wir haben bereits 2006 begonnen, barrierefrei zu bauen", blickt Rainer Lippelt zurück. Allerdings musste er dabei auch feststellen, dass der Umbau für Barrierefreiheit mit erheblichen Kosten verbunden ist. Der Staat unterstütze, so Lippelt, den Umbau zwar mit zinsverbilligten Krediten, ein echtes Förderprogramm gäbe es seines Erachtens aber nicht. Was die Sache zusätzlich erschwere, sei die Bürokratie.

Das, was die WOBAU dennoch im Laufe der vergangenen Jahre geschaffen hat, kann sich sehen lassen. So ist erst kürzlich der Neubau in der Roßstraße 47 fertig geworden, der unter dem Slogan "Partnerschaftliches Wohnen" vermarktet wird. Inzwischen haben alle Wohnungen einen Mieter gefunden – Jung und Alt wohnen unter einem Dach. Alle Wohnungen sind barrierefrei ausgestattet, und der Fahrstuhl macht es möglich, dass man ohne Treppensteigen vom Keller bis zum Dachgeschoss kommt.

"Ein Teil des Wohnungs- bestandes soll barrierefrei sein"

Das begeistert auch Ruth Gruß. Die Seniorin musste aus gesundheitlichen Gründen aus ihrem Haus ausziehen und hat vor drei Wochen ihre neue Wohnung im Erdgeschoss des Hauses bezogen. Wie sie selbst sagt, hatte sie sich die Wohnung noch im Rohbauzustand angesehen und sich sofort verliebt.

Bevor aber das Haus in der Roßstraße 47 gebaut wurde, hat die WOBAU bereits in das Gebäude in der Rudolf-Breitscheid-Straße 8 investiert. Die stadtbildprägende historische Fassade wurde erhalten, aber dahinter wurde kräftig umgebaut und saniert. So entstanden unter anderem im Erdgeschoss zwei für Rollstuhlfahrer geeignete Wohnungen. Ein Fahrstuhl, der an der Hoffassade angebracht wurde, gewährleistet einen barrierefreien Zugang für alle elf Wohnungen. Durch die enge Nachbarschaft zur Volkssolidarität, die gleich nebenan ihr Domizil hat, haben die Bewohner auch kurze Wege, um die Angebote zu nutzen.

"Von den Wohnungsverbänden wird empfohlen, dass ein Teil der Wohnungsbestände barrierefrei sein soll", so Rainer Lippelt, der darauf verweist, dass die WOBAU bereits 30 barrierefreie Wohnungen anbieten kann. Denn auch das "Wohnen an der Sarre", das in der ehemaligen Jugendfreizeiteinrichtung "Tenne" an der Hospitalstraße entstanden ist, und das Erdgeschoss des Hauses Windmühlenbreite 28 bis 28b beeindrucken mit ihrer Barrierefreiheit. Sollte ein Gehbehinderter eine Erdgeschosswohnung in dem Wohnblock in der Windmühlenbreite 28 bis 28b mieten, kann ein behindertengerechter Zugang über den Balkon eingerichtet werden.

"Die Brücke über die Sarre ist nicht behinderten- gerecht"

"Allerdings führt über die Sarre eine Brücke, die nicht behindertengerecht ist", fügt die Bürgermeisterin Petra Hort hinzu, verweist aber darauf, dass die Treppe im Rahmen des Grünen Bandes verändert werden soll.

Überhaupt zeigt das Projekt "Grünes Band" viele Ideen auf, die nicht nur die Stadt verschönern, sondern auch Menschen mit Einschränkungen das Leben leichter machen.

Angesichts der Haushaltslage in der Einheitsgemeinde Stadt Wanzleben – Börde mussten die Projekte wie beispielsweise das renaturierte Sarreufer mit gestaltetem Uferweg, Uferterrassen und Brücken oder auch der Seniorengarten mit Rosengarten, Duft- und Tastgarten oder Gartenzimmern allerdings erst einmal auf Eis gelegt werden.

Jedoch kündigt die Bürgermeisterin an, dass sich beim Spielplatz im Wohngebiet "Windmühlenbreite", der ebenfalls in das Grüne Band integriert ist und das kreative Spielen fördern soll, schon bald etwas tun wird.

Im Fazit kann gesagt werden, dass man in Wanzleben alle Generationen im Blick hat und auch dem Problem, dass die Bevölkerung immer älter wird, nicht machtlos und untätig gegenübersteht. Erste Projekte haben Anklang gefunden und auch in den kommenden Jahren wird weiter investiert. Vielleicht finden sich ja auch noch einige Partner mehr, die sich der Problematik der Barrierefreiheit stellen – auch wenn es Mehrkosten verursacht. Außerdem wird in Wanzleben auch daran festgehalten, Brücken zwischen Alt und Jung zu schlagen und Verbindungen zwischen den Generationen aufzubauen und zu bewahren.

   

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