Schierke/Wernigerode l Überraschungsfund bei Bauarbeiten in der Schierker Kindertagesstätte: Beim Abtragen des Fußbodens haben Bauarbeiter eine Jahrhunderte alte Gruft freigelegt. Die entdeckte Grabstätte sei mit Kupferschlacke gefüllt gewesen, informiert Dr. Oliver Schlegel von der Unteren Denkmalschutzbehörde des Harzkreises. "Wir haben den Inhalt sehr gewissenhaft untersucht", so der Archäologe. "Bis auf zwei Sargbeschläge und einige Knochen haben wir aber leider nichts weiter gefunden."

Die Knochenstücke - Unterkiefer, Hirnschale, Schlüsselbein und Unterschenkel - weisen auf einen 50 bis 60 Jahre alten Mann hin, der unter Karies und Zahnausfall litt, so Schlegel. "Aller Wahrscheinlichkeit nach wurde er im 18. Jahrhundert begraben. Die Bauweise der Gruft deutet darauf hin." Die Art der Vermauerung, die Form der Ziegel und die Verwendung von reinem Gipsmörtel seien Indizien.

Der Gebäudeteil, in dem das Grab gefunden wurde, ist früher als Kirche genutzt worden. Wie in der Schierke-Chronik von Ingrid Hintze nachzulesen ist, wurde die Kirche im Jahre 1691 geweiht. 1881 gaben die Schierker das marode Gebäude auf und bauten ein neues Gotteshaus. Das Skelett sei vermutlich in jener Zeit umgebettet worden. "Ich gehe davon aus, dass es sich um einen Kirchenmann handelte", so Oliver Schlegel. Er sei an prominenter Stelle in der Nähe des Altars bestattet worden. "Und es ist das einzige Grab, das wir in dem Kirchenraum gefunden haben."

Pfarrer bestattet

Für Christiane Hopstock kommt die Entdeckung einer Sensation gleich. "Das ist so interessant", sagt Schierkes Bürgermeisterin begeistert. Gemeinsam mit Ortschronistin Ingrid Hintze habe sie recherchiert, um das Geheimnis des verstorbenen Mannes zu lüften. Mit Erfolg. "Es gibt nur eine Person, die in der alten Kirche beerdigt wurde: Schierkes einstiger Pfarrer Urban Fleischer von Rattenau", so Hopstock. "Er kam vom Lyceum Wernigerode, hatte sich freiwillig für den Posten als Pfarrer gemeldet." 1719 sei er eingeführt worden, 1721 mit 42 Jahren an hitzigem Fieber gestorben und in der Kirche beigesetzt worden, heißt es im Kirchenbuch. In der alten Schrift wird außerdem angemerkt, dass das Grab 1884 wiederentdeckt wurde. Ob es in alter Ordnung belassen oder beseitigt wurde, ist damals nicht notiert worden.

Die Bauarbeiten in der Kindertagesstätte schreiten indes fort. Das Gebäude sei inzwischen vollständig entkernt worden, sagt Wernigerodes Rathaussprecher Andreas Meling. Sorgen bereite der marode Zustand des Hauses. "Hinter jeder Schicht, die wir abtragen, entdecken wir neuen Schwamm, Pilz oder Nässeschaden." Deshalb werde sich der Abschluss der Sanierung um ein halbes Jahr auf Juni 2016 verzögern. "Vor allem die Holzbehandlung ist sehr zeit-intensiv", so Meling Die Eltern der Kinder, die vorübergehend in Elend betreut werden, seien in dieser Woche über den aktuellen Stand und auch über den Knochenfund informiert worden.

Ob sich mit der Verlängerung der Bauzeit auch die Kosten für die Arbeiten erhöhen, kann Andreas Meling noch nicht einschätzen. "Momentan bewegen wir uns noch im finanziellen Rahmen. Es ist zu früh, um dazu eine Aussage zu treffen."

Hintergrund: Die Schierker Kindertagesstätte "Brockenkinder" wird für knapp eine Million Euro saniert. 75 Prozent davon tragen Bund und Land über das Förderprogramm "Stadtumbau Ost". Trotz des augenscheinlich schlechten Zustands entschied man sich im Rathaus, das Gebäude als Kindertagesstätte zu erhalten und 250 000 Euro als Eigenanteil zu investieren. Nach dem Umbau stehen den Mädchen und Jungen sowie ihren vier Erzieherinnen drei Gruppenräume und ein Mehrzweckraum zur Verfügung.

 

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