Stemmern (mf) l Die Staatsanwaltschaft hat in dem mysteriösen Todesfall an einer Feuerschale in Stemmern im Landkreis Börde die Ermittlungen wegen Störung der Totenruhe aufgenommen.

Nach der Obduktion der verkohlten Leiche steht fest, dass die Verletzung am Oberschenkel des 55-jährigen Mannes nach dem Tod zugefügt worden ist. Das bestätigte gestern Oberstaatsanwältin Sylvia Niemann. Nach der Obduktion hatten die Rechtsmediziner zunächst festgestellt, dass der Mann vermutlich eines natürlichen Todes oder nach einer Kohlenmonoxidvergiftung gestorben und danach vornüber ins Feuer gefallen war. Dabei waren seine Sachen einschließlich der Trainingshose in Brand geraten.

Im Oberschenkel des Toten klaffte allerdings eine etwa zehn mal zehn Zentimeter große frische Fleischwunde, deren glatten Ränder auf den Einsatz eines Messers oder anderen scharfen Gegenstandes schließen lassen. Die Kriminalisten fanden bisher weder das mögliche Tatwerkzeug noch das fehlende Stück Fleisch im Umfeld des Hofes.

Eine Erklärung für das fehlende Stück aus dem Oberschenkel gebe es bisher nicht. Der Unbekannte nutzte offenbar die nächtliche Situation nach dem Tod nach 22 Uhr bis morgens 8.30 Uhr zur Leichenschändung aus. An Spekulationen, dass es sich um die Tat eines Kannibalen handeln könnte, wollte sich Polizeisprecher Andreas von Koß nicht beteiligen. "Wir müssen jetzt wirklich die weiteren Gewebe-Untersuchungen abwarten. Diese können uns vielleicht weitere Aufschlüsse geben", so von Koß. Experten halten die Version eines kannibalistischen Hintergrundes für unwahrscheinlich.

Der Leiter der Forensischen Psychiatrie der Universität München, Prof. Norbert Nedopil, Autor zahlreicher Fachbücher, erklärte: "Es gibt viele andere Motive, die eher in Frage kommen könnten." Er zählte unter anderem eine Form von Nekrophilie (Verlangen sich bei Toten aufzuhalten) oder die Entweihung von Leichen als Möglichkeiten auf. Das Entfernen von Tätowierungen komme ebenfalls in Frage. Kannibalismus gibt es hingegen höchst selten. Er kenne in Deutschland nur drei oder vier Fälle in den vergangenen Jahrzehnten.