Was es mit dem Parkoursport auf sich hat
Parkour ist die Kunst der effizienten Fortbewegung. Hindernisse werden möglichst schnell und ohne Hilfsmittel überwunden.
Wichtig ist, dass die Bewegungen kontrolliert ausgeführt werden und fließend ineinander übergehen.
Parkourbewegungen können zum Beispiel sein: laufen, klettern, schwingen, springen oder rollen - teils mit festen Techniken, teils improvisiert. Hindernisse sind etwa Mauern, Geländer, Laternen, Büsche, Tischtennisplatten und Bänke.
Trainiert werden Kraft, Balance, Ausdauer, Koordination und Körpergefühl.
Die Sportart stammt aus Nordfrankreich. Der Franzose David Belle lernte als Kind von seinem Vater in den Wäldern die Méthode Naturelle, ein körperliches und geistiges Training im Einklang mit der Natur. Ende der 80er Jahre übertrug er diese Methode spielerisch auf die urbane Landschaft des Pariser Vorortes Lisses. Aus den spielerischen Verfolgungsjagden über Treppen, Tischtennisplatten, Papierkörbe und kleine Bäche , die er und seine Freunde sich lieferten, entwickelten sie später durch Einbeziehung immer schwierigerer Hindernisse wie Mauern und Hochhäuser "le parkour".
Senshi Parkour ist eine lose Magdeburger Gruppe, die Trainings organisiert. Gegründet wurde sie vor sechs Jahren. Im Moment hat sie mehr als 50 Mitglieder. Die meisten von ihnen wohnen in Magdeburg, einige aber auch im Umland.
Die Magdeburger sind die einzige große Parkour-Gruppe in Sachsen-Anhalt. Eine kleine gibt es noch in Halle.
Wer mitmachen möchte, kann sich entweder für das nächste Semester bei der Universitätssportgruppe Parkour anmelden oder sich bei Michael Schütze melden, E-Mail: info@senshi-parkour.de.
Weitere Informationen rund um die Magdeburger Parkour-Sportler gibt es im Internet unter folgender Adresse: www.senshi-parkour.de.

Magdeburg l Keine Angst, wenn Sie in Magdeburg mal jemanden eine Laterne oder eine Wand hochlaufen sehen. Es handelt sich weder um mutierte Riesenaffen noch um verkannte Superhelden. Das sind nur Parkour-Sportler. Die tun nichts.

Dimitri schnaubt kräftig. Bei 28 Grad Hitze krallt er seine schweißnassen Finger an einem Betonquader fest. Immer wieder rutschen seine Füße an dem Zwei-Meter-Gebilde ab. Jetzt soll er sich rundherumziehen, trägt ihm sein Trainer auf. In diesen Internet-Videos bei Youtube wirkt Parkour irgendwie anders: anmutiger, akrobatischer, abenteuerlicher. Dort hüpfen hippe Typen in Jogginghose wie mühelos über Springbrunnen und laufen Garagen hoch. Dimitri Bershadskyy aber hängt mit verkrampfter Miene knapp über dem Boden. Für die hohen Wände wird er noch mindestens ein Jahr Übung brauchen, sagt der Trainer. Das macht aber nichts. Schließlich ist das erst seine erste Parkourstunde.

So wie der 24-jährige Volkswirtschaftsstudent stoßen zur Magdeburger Parkour-Truppe "Senshi" ständig neue Gesichter. Der große Mitgliederansturm ist zwar schon fünf Jahre her - damals gehörten zu der Truppe bis zu 90 Sportler. Trendsport ist Parkour aber noch immer. Die Gruppengröße hält sich seit Jahren konstant bei 50 bis 60 Mitgliedern - obwohl ständig einige wegziehen, weil sie zum Beispiel nach dem Studium anderswo ins Berufsleben starten.

Mit Parkoursport anfangen könnte sogar ein 90-Jähriger.

Dimitri hat das Parkour-Fieber bei seinem Mitbewohner miterlebt. Jetzt will er herausfinden, ob es ansteckend ist. "Ich weiß schon, dass man im echten Leben nicht mal eben Fünf-Meter-Wände hochläuft", sagt der Südländer grinsend, als er sich, zurück auf dem Boden, einen kräftigen Schluck Wasser genehmigt. "Aber solange meine Hindernisse höher als Bordsteine sind, wird es bestimmt nicht langweilig."

Dem schlagfertigen Burschen läuft zwar eine Schweißperle nach der anderen über die Stirn, doch ans Schlappmachen denkt er längst nicht. Eine Hilfe bei den nächsten Übungen dürften ihm die Armmuckis sein, die sich unter seinem engen schwarzen Funktionsshirt zu erkennen geben. Die stammen von seinem Sportpensum der vergangenen Jahre: Tennis, Unihockey, Badminton.

Doch selbst wenn er nur ein halbes Hemd wäre, könnte sich Dimitri in dieser Sportart heimisch fühlen. Davon ist zumindest Michael Schütze felsenfest überzeugt. Der 30-Jährige leitet die Senshi-Gruppe an und wird als hauptberuflicher Parkour-Trainer für Schulen und Vereine im Norden Sachsen-Anhalts gebucht. Er selbst war als Junge "dick und unsportlich", verrät die drahtige Sportskanone.

Mit Parkour anfangen könnte ihm zufolge sogar ein 90-Jähriger. Denn in dieser Disziplin gibt es keinen Wettbewerb. Niemand tritt gegen irgendjemanden an. Jeder perfektioniert seine Bewegungen auf seinem Level. Bis in Magdeburgs Seniorentreffs hat sich das offenbar noch nicht herumgesprochen. Die Truppe, die an diesem Tag trainiert - acht Männlein, ein Weiblein - ist im Schnitt Mitte 20 und hat gesund aussehende Figuren. Die schaffen es auch mit Leichtigkeit über das nächste Hindernis: ein hüfthohes Geländer, das einen Spielplatz von der Straße trennt.

Dimitri ist als Letzter dran. "Gehe so rüber, wie du es intuitiv machen würdest", gibt Michael Schütze ihm mit auf den Weg.

Der Neuling läuft fünf Schritte an, stützt die Hände rechts auf und zieht seine angewinkelten Beine mit Schwung links über das Geländer. "Siehst du, das war Parkour", lobt ihn der Profi.

Denn anders als es viele Youtube-Videos vermuten lassen, kommt es eben nicht darauf an, möglichst spektakuläre Posen hinzulegen, erklärt er. "Es geht darum, Hindernisse mit der sichersten, schnellsten und effizientesten Methode zu überwinden." Um das anschaulich zu machen, geben Trainer ihren Schützlingen oft eine gedankliche Hilfe: Stell dir vor, du bist Postmann und wirst von einem Hund verfolgt!

"Stell dir vor, du bist Postmann und wirst von einem Hund verfolgt."

Doch während mit dem zähnefletschenden Brutus im Nacken an keinerlei Regularien zu denken ist, muss man bei der imaginären Flucht ein paar Vorgaben einhalten. Eine lautet zum Beispiel: Ellenbogen und Knie sind tabu. Wer sie aufstützt, bekommt Mecker von den anderen.

Diese Vorschrift kennt Dimitri schon von seinem Mitbewohner. Was er allerdings noch nicht gelernt hat, ist das Abrollen. Klingt nach einer kinderleichten Übung - ist es aber nicht. Mit dem Purzelbaum im Sportunterricht hat die Parkour-Rolle nämlich wenig zu tun. Um schmerzhafte Stürze zu vermeiden, rollen die Sportler über eine bestimmte Stelle an der Schulter ab.

Das scheint tatsächlich zu wirken. In den neun Jahren, die Profi Michael Schütze dabei ist, hat er sich erst zweimal verletzt, versichert er. "Und in beiden Fällen lag es daran, dass ich mit dem Kopf nicht richtig dabei war."

Weil die Rolle so wichtig ist, übt Dimitri sie neben dem Sandkasten immer und immer wieder. Währenddessen erobert der Rest der Truppe den leeren Spielplatz wie eine Horde Kletteräffchen: Vom Boden aus springen sie an einen Holzpfahl, hangeln sich dann zum nächsten und übernächsten, ziehen sich rüber zur Schaukel und landen mit einem Satz auf dem Klettergerüst.

In Magdeburg darf nur noch mit Erlaubnis geklettert werden.

Das Trafo-Häuschen ein paar Meter weiter lassen sie in Ruhe. Dabei würde zumindest Michael Schütze das Dach mit links erklimmen. Er schafft es sogar Fünf-Meter-Wände hoch - vorausgesetzt, sie haben genügend Grip. Doch die Sportler wollen keinen Ärger mit der Stadt Magdeburg. Denn die Verwaltung hat vor einem Jahr eine neue Verordnung erlassen, laut der die meisten Hindernisse nur noch mit Genehmigung erklommen werden dürfen.

Anlass für die Regelung waren einzelne Fälle, in denen Menschen Brücken bestiegen und damit Autofahrer irritiert, teils auch Schäden angerichtet haben. "Parkoursportler machen so etwas nicht", versichert Michael Schütze. "Auf eine Brücke zu klettern, ist keine Herausforderung. Außerdem gehen wir mit allen Objekten respektvoll um."

Die Senshi-Gruppe hat gemeinsam mit der Stadt eine Lösung gefunden, wie der Parkoursport in Magdeburg trotz der Regeln weiterleben kann. Man hat sich auf feste Areale geeinigt, für die vorab eine E-Mail ans Ordnungsamt genügt, und die Sportler dürfen dort auch ohne Genehmigung auf Mauern und Geländer klettern. Das Trafo-Häuschen fällt in keines der Areale. "Es ist durchaus möglich, weitere Bereiche freizugeben", sagt Stadtsprecherin Cornelia Poenicke auf Volksstimme-Anfrage. Durch die Regelung fühlen sich die Parkourler zwar trotzdem eingeschränkt, denn sie können zum Beispiel nicht spontan trainieren. Doch sie sind froh, dass sie überhaupt weitermachen dürfen.

Anwohner scheinen die Sportler momentan nicht zu stören. Bei der Stadt Magdeburg ist seit Einführung der Verordnung keine Beschwerde eingegangen. Viele finden sogar richtig gut, was sie da machen, erzählt Michael Schütze: "Uns haben schon oft Rentner gesagt: ,Wenn ich jünger wäre, würde ich glatt bei euch mitmachen.\'" Dass sie das theoretisch sogar könnten, wollte wohl bisher keiner glauben. Aber vielleicht traut sich eines Tages doch mal einer nach dem Kaffeeplausch zum Training.

   

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