Magdeburg l Den rund 700 Sozialarbeitern und -pädagogen im Land droht die Überlastung. Jeder Fünfte sei bereits ausgebrannt, so die Ergebnisse einer Sondierungsstudie von Peter-Ulrich Wendt vom Fachbereich für Sozial- und Gesundheitswesen der Hochschule Magdeburg Stendal (Volksstimme berichtete). Die jugendpolitischen Sprecher der Regierungskoalition aus CDU und SPD sowie der Landtagsfraktion Die Linke haben nun angekündigt, in Städten und Landkreisen mehr Lobbyarbeit für die Belange der Fachkräfte machen zu wollen.

Die Anfang Oktober von Peter-Ulrich Wendt vorgestellte und bundesweit bislang einmalige Studie hatte ergeben, dass die Fachkräfte in einer "schwierigen, komplexen Situation" sind. Vier Fünftel der Befragten gaben an, sich in einer unsicheren beruflichen Situation zu befinden, knapp die Hälfte hat nur einen befristeten Arbeitsvertrag in der Tasche. Ein Drittel der Studienteilnehmer würde sogar das Berufsfeld wechseln, wenn sich die Möglichkeit ergäbe. Ausreichende Anerkennung für die geleistete Arbeit gebe es nicht.

Für Rolf Hanselmann, den Vorsitzenden des Kinder- und Jugendringes Sachsen-Anhalt (KJR), waren die Ergebnisse der Studie kaum überraschend. "Wir wissen um die Rahmenbedingungen der Fachkräfte und sind äußerst unzufrieden damit", so Hanselmann. Ihn habe erstaunt, dass nicht nur ältere, sondern bereits die jungen Kollegen unter den unsicheren Bedingungen und Burnout-ähnlichen Symptomen leiden. Hanselmann beobachtet, dass die Motivation unter den Mitarbeitern immer mehr abnehme und weniger Nachwuchs für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen gewonnen werden kann. "Ein Fachkräftemangel ist deshalb absehbar", ist er sicher.

Die verbliebenen Sozialarbeiter und -pädagogen würden einen Gutteil ihrer Zeit mit Verwaltungstätigkeiten zubringen und dadurch von der eigentlichen Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen abgehalten. "Politiker und Verwaltungen müssen endlich begreifen, dass es ein gesellschaftlicher Auftrag ist, Kinder- und Jugendarbeit zu machen", polterte KJR-Vorstand Gernoth Quasebarth. Die Fachkräfte bräuchten deshalb entsprechende Stützungs- und Beratungssysteme, aber auch eine bessere Wahrnehmung und Würdigung durch die öffentlichen Träger von den Kommunen bis auf Landesebene. Rolf Hanselmann fordert deshalb nachprüfbare landespolitische Impulse. "In den Landkreisen darf es keine unterschiedlichen Bedingungen für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen geben", so der KJR-Vorsitzende.

Mit seinen Forderungen rennt Hanselmann bei den jugendpolitischen Sprechern der Landtagsfraktionen offene Türen ein. "Ich habe das Gefühl, wir leben in einer kinderentwöhnten Gesellschaft" ,sagt Eduard Jantos, CDU-Fraktion. Die Studie der Fachhochschule stelle die Situation der Fachkräfte seiner Erfahrung nach noch geschönt dar. Eine Mittelkürzung in der Kinder- und Jugendarbeit dürfe es auf keinen Fall geben. Doch es sei auch nur das möglich, was bezahlbar ist, betont Jantos und verweist auf die Millionensummen, mit denen das Land die Kommunen bereits unterstützt. Über ein Fachkräfteprogramm und eine Jugendpauschale übernimmt das Land aktuell einen Gutteil der Kosten für 220 im Land tätige Sozialpädagogen. SPD-Sozialpolitiker Norbert Born sieht es deshalb als Kernaufgabe, sich vor Ort für die Fachkräfte der Kinder- und Jugendarbeit starkzumachen.

Laut Sozialgesetzbuch sind die Landkreise und kreisfreien Städte zwar zur Kinder- und Jugendhilfe verpflichtet. Wie viel sie dafür ausgeben, bleibt ihnen jedoch selbst überlassen. Monika Hohmann (Die Linke) fordert, das endlich zu ändern. "Dann hätten die Projekte vor Ort endlich Verlässlichkeit und können ihre Konzepte vernünftig umsetzen", sagt Hohmann. Im Sozialministerium mahnt man die Kommunen zur Verantwortung. "Kommunale Selbstverwaltung heißt auch kommunale Selbstverantwortung. Die Finanzierung einer offensiven Kinder- und Jugendarbeit ist eine Investition in die Zukunft und steigert die Attraktivität", erklärt Sprecher Holger Paech. Es passe nicht zusammen, auf der einen Seite Bevölkerungsrückgang und Fachkräftemangel zu beklagen und auf der anderen Seite die Kinder- und Jugendarbeit auf Sparflamme zu fahren.

Auch Rolf Hanselmann geht mit den Kommunen hart ins Gericht: Sie hätten sich daran gewöhnt, dass sich das Land an den Kosten beteiligt und Eigenmittel mit Verweis auf knappe Kassen zurückgefahren. "Priorität bekommt die Jugendarbeit immer nur, wenn Defizite ausgemacht werden. Dabei müssten wir raus aus dem Feuerwehr-Charakter und endlich vorbeugend arbeiten", fordert Hanselmann.

   

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