Im dritten Quartal soll in Magdeburg eine in Deutschland einzigartige Kindertagesstätte an den Start gehen: Wissenschaftler wollen dort gemeinsam mit einem in der Landeshauptstadt neuen Träger frühkindliche Lernprozesse erforschen.

Magdeburg l Die Experten für Nerven machen jetzt auch Kindergarten: Dieses Jahr eröffnet das Leibniz-Institut für Neurobiologie mit der gemeinnützigen Gesellschaft Little Giants in Magdeburg einen Kindergarten. Keineswegs soll es sich dabei um eine neue Art von Betriebskindergarten handeln. Vielmehr werden 45 Kinder unabhängig vom Arbeitsort der Eltern ihren Platz finden.

Der Grund für das Engagement der Neurowissenschaftler: Sie wollen in der Einrichtung forschen. Das wissenschaftliche Konzept haben Angela Kolodziej und Henning Scheich erdacht. Angela Kolodziej erklärt: "Die Idee ist in Deutschland neuartig - obwohl es ja eigentlich naheliegend ist. Auf der einen Seite stehen die Kinder, die einen natürlichen Drang zum Lernen haben. Und auf der anderen Seite stehen Neurobiologen und Psychologen, die seit Jahrzehnten erforschen, was Kinder tun: lernen. Die Leibniz-Wissenschaftlerin sagt: "Bei uns dreht sich alles um die Erforschung der Mechanismen von Lernen und Gedächtnis."

"Das wichtigste Ziel ist, den Kindern vielseitige Erfahrungen zu bieten."

Die Forscher wollen daher in Zukunft nach den besten Lernbedingungen aus neurobiologischer Sicht suchen - und daraus soll sich in der neuen Kita "eine konstruktive Symbiose ergeben, aus der alle Beteiligten Nutzen ziehen". Und mehr noch: Aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen in der Kindertagesstätte sollen allgemeingültige Rückschlüsse gezogen werden. Rückschlüsse, die mithin auch für andere Kindertagesstätten und deren Konzepte von Interesse sind.

Hintergrund des Engagements: Erfahrungen in der frühen Kindheit legen den Grundstein für die spätere körperliche, intellektuelle, emotionale und soziale Entwicklung. "Deshalb ist das wichtigste Ziel der Frühförderung, den Kindern eine Lebenswelt mit einem ihrem Alter angemessenen vielseitigen Angebot an Erfahrungen zu bieten", so Angela Kolodziej. Dies entspricht gerade auch den bereits vorhandenen Erkenntnissen der Neurowissenschaften: Biologie und Gene bestimmen nur den Rahmen für die Persönlichkeitsentwicklung. Aber die Lern- und Lebensumstände gerade im Kleinkind- und Vorschulalter bestimmen entscheidend, wie sich ein Mensch letztlich entwickelt.

Von der Idee begeistert ist nicht zuletzt auch Jelena Wahler. Sie ist geschäftsführende Gesellschafterin bei Little Giants und sagt: "In unseren Kindertagesstätten sind die individuelle Förderung der Kinder und die speziellen Interessen der Kinder von herausragender Bedeutung." Wenn die Stadt es wünscht, dann sei es auch möglich, integrative Plätze anzubieten, sagt Jelena Wahler. Bereits fest stehen lange Öffnungszeiten - um beispielsweise den Bedürfnissen von Eltern in wissenschaftlichen Einrichtungen entgegenzukommen - für die Kita.

Jelena Wahler und ihr Mann Peter waren in die Kinderbetreuung eingestiegen, nachdem sie nach der Rückkehr aus den USA in Stuttgart für ihren Sohn Daniel keine geeignete Kindereinrichtung gefunden hatten. Little Giants gibt es inzwischen unter anderem auch in anderen Städten wie München, Düsseldorf und Hannover.

Bei ihrer Arbeit werden die Leibniz-Wissenschaftler den Kindern beim Lernen zuschauen. Und zwar ohne in ihr Spiel einzugreifen. Zu diesem Zweck werden die Räume eigens eingerichtet.

"Die Studien werden detailliert mit den Eltern besprochen."

Zum Beispiel soll es zu einigen Spielräumen Beobachtungsfenster geben. Und in einigen Bereichen nehmen Videokameras auf, wie die Kinder spielen oder mit anderen Mädchen und Jungen interagieren. Angela Kolodziej: "Die Studien werden detailliert mit den Eltern besprochen, bevor die Kinder daran teilnehmen dürfen."

Gelegenheit für die Einrichtung einer neuen Kindertagesstätte bietet übrigens die angespannte Lage in der Landeshauptstadt: Es gibt derzeit kaum noch freie Plätze mehr in den bestehenden Kinderkrippen und -gärten. Seite 4

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