Wie oft haben Sie sich auf Reisen schon über Ortsnamen wie Deppendorf, Lederhose oder Brömsenknöll amüsiert? Und wussten Sie, dass Grönland mitten in Schleswig-Holstein liegt? Der Atlas der 999 seltsamen Ortsnamen zeigt die kuriosesten Orte auf der deutschen Landkarte.

Magdeburg. "Entschuldigung, wo geht es denn hier bitte nach Pups?" Allein die Frage nach dem Weg dürfte dem Reisenden peinlich sein. Wie mag es da wohl den Bewohnern dieses Ortsteils der bayerischen Gemeinde Feldkirchen-Westerham erst ergehen? Vielleicht trösten sie sich bei den Nachbarn in Tuntenhausen.

Wer den jetzt erschienenen Atlas der seltsamen Ortsnamen in den Händen hält, bekommt 999 Gründe zum Lachen oder Schmunzeln. Nicht selten kommt aber auch Mitleid mit den Menschen auf, die in solch ulkigen Orten leben. Wer möchte schon am – Verzeihung – "Arsch der Welt" wohnen? Oder in Puffthal, Oberhäslich oder Großkotzenreuth?

Der Atlas aus dem Lübecker Verlag Kalimedia fasst erstmals die 999 ungewöhnlichsten Ortsnamen in einer Karte in 24 Kategorien zusammen. Darunter finden sich Gebrechen und Gruseliges ebenso wie Menschliches und Merkwürdiges, Widrigkeiten und Wollüstiges.

Besonderes Augenmerk haben die Autoren auf die menschliche Wahrnehmung und Fantasie im Zusammenhang mit den verschiedenen Formen des Sprachwandels gelegt. Denn obwohl die ursprüngliche Bedeutung der Ortsnamen in den meisten Fällen vollkommen harmlos ist, lässt ein amtliches Ortsschild jeden inneren Zweifel sofort verstummen, damit das Auge lesen darf, was die Fantasie verstehen möchte.

Viele Ortsnamen haben eine längere linguistische Odyssee hinter sich, die Menschen haben sie vereinfacht oder vernuschelt und durch Dialekte verformt.

Zum Beispiel Blödesheim. Mehr als 350 Jahre mussten die Bewohner Hohn und Spott über sich ergehen lassen, bis es ihnen schließlich zu blöd wurde. 1971 wurde der Ort in Rheinland-Pfalz von Amts wegen in Hochbor umbenannt. Nicht zuletzt auch, weil der alte Name dem Weinhandel hinderlich war. Vermutlich nach einem Franken namens Blatmar benannt, wurde Blödesheim erstmals im Jahr 782 erwähnt als Blatmarsheim. In etlichen Etappen wandelte sich der Name über Blettenesheim und Bleidinsheim zu Plödeßheim und schließlich Blödesheim. Ulknudel Stefan Raab warb 2001 in seiner Sendung "TV total" sogar für eine Rückbenennung – erfolglos.

Ganz offensiv gehen dagegen die Bewohner von Fucking mit ihrem Ortsnamen um. Sie müssen sogar um ihre Ortsschilder kämpfen, die besonders auf englischsprachige Reisende eine magische Anziehungskraft auszuüben scheinen. Immer wieder haben es Touristen auf die Schilder abgesehen. Die harmlosen lassen sich davor fotografieren, die ganz eifrigen wollen das Original mitnehmen. Zuletzt mussten die Ortstafeln der Siedlung in Oberösterreich angeschweißt und einbetoniert werden.

Eine lokale Brauerei versucht, aus dem Ortsnamen Kapital zu schlagen und hat beim europäischen Markenamt sein helles, untergäriges Bier mit dem Namen "Fucking Hell" registrieren lassen.

Die Herkunft des Ortsnamens hat übrigens ganz harmlose Wurzeln: Die Siedlung nahe der deutschen Grenze wurde vermutlich von einem bayerischen Adligen namens Focko (friesisch für Volker) gegründet.

Natürlich kann auch Sachsen-Anhalt einige seltsame Namen beisteuern, doch die sind vielen Sachsen-Anhaltern geläufig und haben ihren Überraschungseffekt verloren: Ortsfremde können dagegen sicher schmunzeln, wenn sie im Harz Elend und Sorge passieren oder im Landkreis Anhalt-Bitterfeld durch Pißdorf fahren.

Unterwegs kann der Ortsnamen-Atlas zum echten Helfer werden. Wenn sich etwa Autofahrer, die an die norddeutsche Küste wollen, plötzlich in Brasilien, England oder Kalifornien wiederfinden, ist nicht unbedingt das Navigationsgerät schuld – in allen drei Fällen sagt der Blick in die originelle Faltkarte: Wir befinden uns in Schleswig-Holstein. Da ist auch Sibirien nicht weit: Es liegt gleich neben Grönland, wo die Elbe in die Nordsee mündet.

Stephan Hormes, Silke Peust: "Atlas der 999 Seltsamen Ortsnamen", Kalimedia-Verlag, Lübeck 2010