Madrid (dpa) - Die knapp 47 Millionen Bewohner Spaniens müssen seit Sonntag möglichst zu Hause bleiben. Zur Bekämpfung der sich rasch ausbreitenden Coronavirus-Epidemie rief die linke Regierung am Samstagabend eine zweiwöchige Ausgangssperre aus, die um Mitternacht in Kraft trat.

Im Rahmen eines sogenannten Alarmzustands, der dritthöchsten Notstandsstufe, wurden auch die meisten Läden geschlossen und der öffentliche Nah- und Fernverkehr um rund 50 Prozent reduziert.

Mit Blick auf die Wirtschaft des Landes und den Alltag der Menschen sprach Ministerpräsident Pedro Sánchez von "drastischen Maßnahmen, die Konsequenzen haben werden". Ziel sei es, "die Bürger zu schützen und das Virus zu besiegen". Inzwischen wurde bekannt: Auch Sánchéz' Frau ist infiziert.

Nach Italien ist Spanien das von der Krise am stärksten betroffene Land Europas. Die Zahl der Menschen, die sich mit Sars-CoV-2 infiziert haben, kletterte nach Angaben des Gesundheitsministeriums am Sonntag von zirka 6000 bereits auf fast 8000. Die Zahl der Todesfälle lag derweil bei fast 300, fast hundert mehr als am Vortag. Im Nachbarland Portugal, das bereits am Freitag den Alarmzustand ausgerufen hatte, gab es am Sonntag rund 250 Infektionsfälle.

Der Alarmzustand wurde in Spanien für die längstmögliche Dauer von 15 Tagen ausgerufen. Eine Verlängerung müsse vom Parlament genehmigt werden, betonte Sánchez. Der Alarmzustand war in Spanien nach der Rückkehr zur Demokratie im Jahr 1975 nur einmal ausgerufen worden: 2010 wegen eines Fluglotsenstreiks.

Die Spanier dürfen nur in Ausnahmefällen aus dem Haus. Erlaubt sind Fahrten zur Arbeit, zum Arzt sowie zum Kauf von Lebensmitteln und Medikamenten. Die Bürger dürfen ihr Heim auch verlassen, um Kinder, Ältere und Hilfsbedürftige zu betreuen. Urlauber und andere Menschen dürfen zu ihrem Hauptwohnsitz zurückzukehren.

"Man darf auch den Hund Gassi führen", betonte Sánchez. Zu berücksichtigen sei in erster Linie, dass man nur einzeln und ohne Begleitung auf die Straße dürfe. "Ganz Spanien in Quarantäne", titelte am Sonntag die Zeitung "El País", und auf Seite eins von "El Periódico" war in großen Lettern zu lesen: "Eingesperrt".

Die Einhaltung der Anordnungen wird von den Sicherheitskräften überwacht. Man will vor allem Menschenaufläufe in Supermärkten und Verkehrsmitteln verhindern. Am Sonntag war es auf Madrids Plaza Mayor, den Ramblas in Barcelona und sogar am Ballermann auf Mallorca ungewöhnlich ruhig.

Falls nötig, kann die Regierung unter anderem Lebensmittel und andere wichtige Güter rationieren und auch beschlagnahmen lassen sowie Interventionen in Fabriken und anderen Produktionsstätten anordnen. Sie kann auch leichter die Armee einsetzen. Im Unterschied zum Ausnahmezustand - der nächsthöheren Notfallstufe - können die Grundrechte der Bürger aber nicht eingeschränkt werden.

Die Krise hatte bereits vor dem Alarmzustand das öffentliche Leben der viertgrößten Volkswirtschaft der Eurozone stillgelegt. Kitas, Schulen und Universitäten bleiben zu. Auch viele Strände und Parks wurden geschlossen. Praktisch alle größeren Events der nächsten Wochen wurden abgesagt oder verschoben. Die Stadt Sevilla sagte am Samstag die Prozessionen der Osterwoche ab, die für die Stadt so wichtig sind, dass sie sogar während des Bürgerkrieges (1936-1939) eingeschränkt stattgefunden hatten.

Mit zuletzt mehr als 3000 Infizierten und über 130 Toten ist die Region um Madrid besonders betroffen. Das Robert Koch-Institut stufte Madrid inzwischen als Risikogebiet ein.

Mitteilungen der spanischen Regierung auf Twitter

Artikel 116 der spanischen Verfassung über Alarm-, Ausnahme- und Belagerungszustand

Veröffentlichung des Dekrets im spanischen Amtsblatt BOE

Titelseite El Periódico

Risikogebiete RKI