Eisiges Wetter Tausalz als Notlösung – Kritik am Winterdienst in Berlin
In Berlin ist Tausalz nun doch gegen Glätte erlaubt. Experten fordern bessere Alternativen - und einen neu organisierten Winterdienst.

Berlin - Weil in manchen Teilen von Berlin Gehwege von Schnee und Eis geräumt werden und in anderen nicht, steigt die Sturzgefahr bei Winterwetter. „Das Fiese ist ja, dass man das Risiko, da wo man gerade geht, nie einschätzen kann“, sagte Roland Stimpel aus dem Vorstand des Fachverbands Fußverkehr Deutschland (Fuss e.V.) der Deutschen Presse-Agentur. „Da hat man mal zehn gute Meter, dann kommen zehn, wo ein bisschen Splitt liegt, dann 50, wo es vollkommen glatt ist.“
Für Fußgänger sei das völlig unberechenbar. „Manchmal ändert sich der Glättezustand unter einer dünnen Schneedecke ohne jede Vorwarnung“, sagte Stimpel. „Selbst jemand, der sehr vorsichtig ist und sich auf einiges gefasst macht, hat dann plötzlich eine ganz andere Situation, wenn er nur einen Schritt nach vorn macht.“
Bei extrem glatten Fußwegen empfiehlt Stimpel zu überlegen, ob es eine sicherere Alternative sein könnte, auf die Fahrbahn oder den Radweg auszuweichen. Das sei grundsätzlich zwar verboten, aber in einer Ausnahmesituation, in der die Gefahr besteht, sich auf dem Gehweg ernsthaft zu verletzen, vertretbar, wenn die Verkehrssituation das zulasse.
Tausalz als notwendiges Übel im Notfall
Dass die Verkehrsverwaltung nun doch den Einsatz von Taumitteln wie Streusalz auf Gehwegen erlaubt, sieht Stimpel mit gemischten Gefühlen: „Es ist das Eingeständnis des eigenen Scheiterns, dass die normalen, vorgesehenen Methoden alle nicht funktioniert haben“, sagte er. „Es ist es sehr traurig, dass man jetzt aus Not zu einer Methode kommt, die viele Nachteile für Bäume, Tiere und das Grundwasser hat, aber es muss leider sein.“
Klar sei, dass sie nur so kurz und selten angewandt werden sollte wie möglich. „Die Lehre daraus ist, dass wir uns für kommende Winter dringend bessere, umweltschonende Methoden ausdenken müssen, die Wege freizubekommen.“
Der Fachverband Fußverkehr fordert, das Räumen von Gehwegen anders zu organisieren. Hauseigentümer und Hausverwaltungen setzten gerade in Großstädten wie Berlin oft auf Räumdienste, die in vielen Teilen der Stadt unterwegs seien. Oft sei gar nicht zu überblicken, wer für welche Gehwege zuständig sei.
Schornsteinfeger als Vorbild
Stimpel plädiert dafür, dass jeder Räumdienst sich um die Gehwege in einem bestimmten Gebiet kümmern sollte - zu festgesetzten Tarifen ähnlich wie bei Schornsteinfegern mit ihren Kehrbezirken. Dann sei klar, wer fürs Räumen und Streuen verantwortlich sei, im Idealfall lasse sich sogar Geld sparen.
„Es ist so ähnlich wie mit der Silvesterböllerei“, sagte Stimpel. „Wenn alles vorbei ist, darf man nicht sagen: Jetzt kümmert es wieder keinen für die nächsten elf Monate. Auch wenn der Schnee weg ist, muss man sich damit auseinandersetzen, wie man es künftig besser hinbekommt.“