Magdeburg l Es ist der 25. Februar 2014, als ein Einbrecher im Schlafzimmer des 86-jährigen Willi Fehse aus Calvörde in der Börde steht. Der Senior lebt allein in dem Einfamilienhaus und schläft, als der maskierte Einbrecher ihn weckt. Er hält eine Pistole an die Brust des alten Mannes und verlangt im gebrochenen Deutsch, das etwas gekünstelt wirkt: „Wo ist EC-Karte? Wo ist EC- Karte?“

Diese Szene, die aus einem Krimi stammen könnte, sahen sich am Montag – fast zwei Jahre später – die Richter, Schöffen und Anwälte am Magdeburger Landgericht auf einem Bildschirm an. Der Film stammt von der Überwachungskamera des Seniors. Weil bei ihm bereits zum dritten Mal eingebrochen wurde, hatte sein Sohn eine Kamera mit Bewegungsmelder im Haus installiert.

Nach Überzeugung von Staatsanwalt Gernot Dähling ist auf den Bildern der Angeklagte Sirko R. zu sehen. Der 42-Jährige kommt aus der Börde, ist Vater eines achtjährigen Kindes und verheiratet. Er soll sich wegen schweren Raubes verantworten.

In jener Nacht übergab der Senior dem maskierten Einbrecher etwa 100 Euro. Später fand der Räuber auch noch die EC-Karte des Opfers. Der Unbekannte holte gegen 2.30 Uhr in Magdeburg mit dieser erst 100 Euro und dann 1000 Euro ab. Pech für die Polizei: Der Automat verfügte über keine Kamera. Die Geheimnummer zur EC-Karte fand der Räuber entweder auf dem Schreibtisch des Rentners oder gelangte schon vorher auf unbekannte Weise an diese.

In der folgenden Nacht, am 26. Februar, schlug der Räuber wieder zu. In Wanzleben wurde der heute 82-jährige Ottokar R. in seinem Einfamilienhaus überfallen. Er hörte Geräusche und glaubte, dass sein Sohn nach Hause gekommen wäre. Doch plötzlich, als er aus dem Schlafzimmer kam, entdeckte er im gegenüberliegenden Raum einen Fremden, der gerade den Schrank durchwühlte. Der Einbrecher sagte ihm immer wieder: „Geh ins Bett!“ .

Der passionierte Jäger, der seit dem Tod seiner Frau vor acht Jahren in dem Haus allein wohnt, folgte noch kurz dem flüchtenden Täter. Aus seiner Waffe schoss der Rentner mit Volgelschrot dem Einbrecher hinterher. Er traf aber offensichtlich nicht.

Der Angeklagte Sirko R. musste sich auch deshalb einer Untersuchung mit einem MRT-Gerät unterziehen, um festzustellen, ob nicht Schrotkugeln zurückgeblieben sind. Die Gerichtsmediziner fanden aber keine. Angesichts des Waffengebrauchs durch das Opfer wird auch gegen den Senior wegen versuchten Totschlags ermittelt. Er ist wegen schwerer Krankheit zurzeit nicht vernehmungsfähig. Deshalb konnte er zum Prozess­auftakt auch noch nicht vernommen werden.

Die Ermittler kamen auf den Angeklagten, weil nur sein Handy an beiden Tatorten zu den Tatzeiten genutzt wurde. Er war vom ersten Opfer auch ein Jahr zuvor wegen Betruges angezeigt worden. Der Angeklagte wollte dem Senior einen Telefonvertrag aufschwatzen, den er nicht verwenden konnte. Bei einer Hausdurchsuchung fanden die Ermittler beim Angeklagten eine Schreckschusspistole und auch das Handy.

Der Angeklagte selbst streitet die Vorwürfe ab. Er habe in der fraglichen Zeit das Handy einer „ihm nahestehenden“ Person überlassen. Er wolle diese aber nicht verraten. Der Prozess wird am 16. Februar fortgesetzt.