Wittenberg l Der Besucher steht auf einer Plattform in sechs Metern Höhe und schaut in das menschliche Mittelalter-Gewirr zwischen Wittenberger Schlosskirche, Stadttor, Propstei und Stadtkirche. Katholische Geistliche, Mönche, Händler, Gaukler, Bettler sind unterwegs, zwischen Schweinen, Schafen und Ziegen wird gehandelt und diskutiert. Ein Misthaufen dampft, aus den Schornsteinen der Fachwerkhäuser ziehen sich Qualmfäden in den Himmel, Ochsen ziehen einen Karren. Und mittendrin die imposante Schlosskirche mit ihrer Haupttür, an die Martin Luther im Jahr 1517 einer Überlieferung nach seine 95 Thesen gegen den Ablassmissbrauch angeschlagen haben soll. Ja, so kann es ausgesehen haben, das Leben zu Luthers Zeiten.

15 Meter hohe Stoffbahnen

Es ist eine unbändige Fülle an Szenen und Details, mit die Yadegar Asisi und sein Team auf die 1100 Quadratmeter atmosphärisch dicht dargestellt hat. Asisi, der Meister der monumentalen Panoramen, steht mitten in der Rotunde, die Arme verschränkt, und schaut auf das Sammelsurium an Menschen und Geschichten. Wie immer in seinen gewaltigen Rundbildern spielt er mit Fiktion und Wahrheit. „Es gibt keinen Nachweis, wie viel Fachwerkhäuser es in der Stadt gegeben hat. Aber ich lasse das Fachwerk hochleben“, sagt der in Berlin lebende Künstler. „Ich kreiere einen Raum, den keiner kennt und über den keiner weiß, ob er so war.“

Die Struktur der heutigen Altstadt jedenfalls ist deutlich erkennbar. Und der Betrachter stößt auf Zeitgenossen wie Philipp Melanchthon, Thomas Müntzer und Kurfürst Friedrich der Weise. Unternalt wird das Luther-Bild von Musik des Komponisten Eric Babak und einer auf die Szenen abgestimmten Geräuschkulisse.

Asisis faszinierende Panoramen

Berlin/Leipzig (mh) l In Leipzig hat Yadegar Asisi im Jahr 2003 zum ersten Mal eines seiner faszinierenden Panoramen gezeigt. Es hieß "Evererst" und nahm die Besucher in eine Welt auf 6000 Metern Höhe mit. Inzwischen hat Asisi zwölf Panoramen entwickelt - dazu gehören "Dresden 1945", "Die Mauer" und Amazonien".

  • Great Barrier Reef: Im Maßstab 1:1 zeigt das Panorama die Fragilität und Schönheit des Korallenriffs vor der australischen Küste. Das Panorama soll bis 15. Januar 2017 im Leipziger Panometer zu sehen sein. © asisi

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  • Im Berliner Pergamonmuseum hat Yadegar Asisi das antike Pergamon wiederauferstehen lassen. Die Ausstellung war im Jahr 2011 zu sehen. © asisi

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  • Das Panorama im Pergamonmuseum ließ einen Einblick in die Architektur und das Alltagsleben im Jahr 129 nach Christus möglich werden. © asisi

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  • Im Pergamon-Museum konnten Besucher erleben, wie sich Pergamon am Fuße der Akropolis erstreckte, am Horizont ließ die Schau das Mittelmeer erahnen. © asisi

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  • Dresden 1945: In diesem Panorama ließ Asisi die Bombardierung Dresdens im Jahr 1945 sichtbar werden. Es soll auf die Wechselwirkungen in der kriegerischen europäischen Geschichte verweisen. Die Schau ist noch bis zum 8. Mai 2016 in Dresden zu sehen. © asisi

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  • Bei der Schau in Dresden geht es auch darum, dem Wiederaufbau Respekt zu zollen. Dabei spielen Zeitzeugen eine wichtige Rolle, aber auch die Thematik Stadtplanung. © asisi

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  • Das Panorama

    Das Panorama "Dresden 1945" wird von einer multimedialen Ausstellung begleitet. © asisi

  • Die Mauer: Wie sah der Alltag in der geteilten Stadt aus? Eine Frage, der die Panorama-Schau in Berlin nachgeht. Das Panorama ist seit 2012 in Berlin zu sehen. © asisi

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Imposante Schlosskirche

Eindrucksvoll die imposante Schlosskirche, vor der Martin Luther mit Gelehrten und Mönchen diskutiert. Die 15 Meter hohen, ditgital bedruckten Stoffbahnen bilden nicht nur das Gotteshaus ab, der Künstler spielt mit immer wieder wechselndem Licht, das durch die großen, farbigen Fenster dringt. Asisi spricht von wechselnden Gefühlsräumen.

Es gibt Nacht und Tag, Sonne und Gewitter. Der Künstler hat virtuell eine Tiefe geschaffen, die denken lässt, man schaue weithin in die Ferne. „Ich baue die Stadtmauer ab, um sie dann wieder aufzubauen, um neue Perspektiven zu schaffen. Das ist ein sehr komplexes Vorgehen.“ Wer sich Zeit nimmt, erkennt weit hinter dem Stadttor kriegerische Handlungen und öffentliche Verbrennungen.

Luther hat sich nicht gegen Hexenverfolgung ausgesprochen. Asisi wolle keine Mystifizierung, sagt er, und zeigt auf eine Stelle im Panorama mit einem Juden, der aus der Stadt getrieben wird. Luther sieht zu. Provozieren liege ihm fern, sagt Asisi, vielmehr wolle er Luther zeigen als Mensch seiner Zeit. „Der Künstler entscheidet, wie er die Zeit sieht“, sagt Margot Käßmann als Schirmherrin des Projektes.

Drei Jahre hat Asisi an dem Bild gearbeitet. Fest stand von vornherein, einen Zeitraum von 30 Jahren rund um das Theseanschlagsjahr zu beleuchten. Fest stand für Asisis auch, Martin Luther in verschiedenen Lebensabschnitten zu zeigen. Mal wettert der Reformator in Möchskutte gegen den Ablasshandel, mal ist er benen Gelehrten im bürgerlichen Gewand zu sehen. Wie oft ist Luther auf dem 75-Meter-Bild abgebildet? Asisi denkt nach und gibt dann nur vage Antwort: „Zehn bis zwölfmal.“ Jeder solle suchen, fügt er an.

Kunstwerk soll fünf Jahre bleiben

Ab heute ist diese Luther-Suche und das Eintauchen in die Reformationszeit für jedermann möglich. Mindestens fünf Jahre soll das Kunstwerk in Wittenberg gezeigt werden. Eine Rotunde wurde eigens gebaut, da es in Wittenberg kein Gasometer gibt, jenen Kunstraum, den Asisi für seine Großarbeiten bevorzugt.

4,5 Millionen Euro haben Bau und Kunst laut gemeinnütziger Luther 1517 gGmbH gekostet. Sie ist der Betreiber des Panoramas, das in Kooperation mit der Evangelischen Kirche in Deutschland entstand. Zum Reformationsjubiläum im kommenden Jahr werden 500  000 Besucher erwartet, in den Folgejahren bis zu 200  000.

Adresse: Lutherstraße 42 in Wittenberg, Öffnungszeiten: täglich 10 bis 18 Uhr, Tickets: 11 Euro, 9 Euro ermäßigt, 4 Euro Kinder.