Magdeburg l Fast 45.000 Wildschweine haben Sachsen-Anhalts Jäger im vergangenen Jahr erlegt. Das sind so viele wie seit der Wiedervereinigung nicht. Gegenüber dem Rekordjahr 2016/17 entsprechen die Zahlen einem nochmaligen Anstieg von 5400 Tieren oder fast 14 Prozent.

Das liegt laut Umweltministerium daran, dass es in dem Zeitraum außerordentlich viele Tiere gab. Aber auch daran, dass das Schwarzwild intensiv bejagt wurde. Zentral erfasst werden die Bestände nicht.

Übertragung von Virus-Erkrankung

Die Wildschweindichte ist aus Sicht von Bauern und Jägern nicht nur wegen Fraßschäden problematisch. Die Bauern befürchten, dass die Afrikanische Schweinepest eingeschleppt wird. Wildschweine können die Virus-Erkrankung übertragen. Im Baltikum und in Polen breitet sie sich seit 2014 immer weiter aus. Bei mehr als 3000 Wildschweinen wurde das Virus 2018 dort bereits nachgewiesen. Immer wieder erwischt es auch Mastbetriebe. Hunderte Tiere mussten bereits getötet werden.

Das für Tiergesundheit zuständige Friedrich-Loeffler-Institut stuft das Risiko einer Einschleppung als „hoch“ ein. Auch wenn die Tierseuche für Menschen ungefährlich ist: Die wirtschaftlichen Folgen für Sachsen-Anhalt mit zuletzt 200 Zuchtbetrieben wären immens, so Christian Apprecht, Sprecher beim Landes-Bauernverband. Schon bei einem Ausbruch unter Wildtieren dürften Hausschweine weder draußen gehalten noch transportiert werden.

Abschuss von 70 Prozent

Der Bundesverband warnte zuletzt gar vor einem Zusammenbruch des Schweinefleischmarkts – mit Milliardenverlusten für Erzeuger. Zur Vorbeugung forderte der Verband den Abschuss von 70 Prozent aller Wildschweine in Deutschland. Um die Schweinepest flächendeckend bekämpfen zu können, geht nun auch das Landes-Innenministerium ungewöhnliche Wege. Es will übergangsweise auch Privatjägern den Einsatz von Nachtzieltechnik erlauben. Darunter fallen Nachtsichtgeräte oder Laserprojektoren. Auch Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen wollen die Reform. Die Mehrheit der Länder lehnt eine so weitgehende Freigabe aber ab. Ein Konsens sieht nur vor, Landesbediensteten der Forst den Zugang zu erlauben. Selbst das ist laut Bundesgesetzen bisher verboten. Das Bundesinnenministerium soll nun prüfen, ob Änderungen umsetzbar sind.

Landesjagdverbandspräsident Hans-Heinrich Jordan unterstützt den weitergehenden Vorstoß. „Wenn Landesbedienstete Nachtsichtgeräte einsetzen dürfen, gibt es keinen Grund, das nicht auch Jägern zu erlauben.“

Alternative Maßnahmen bevorzugt

Ob die Technik die erhoffte Steigerung bei den Abschusszahlen bringt, hält Jordan aber für fraglich. Er zöge andere Maßnahmen vor. Darunter das landesweite Aussetzen der Untersuchungsgebühr von Wildschweinfleisch auf Trichinen (krankmachende Fadenwürmer). Die zuständigen Landesressorts für Umwelt und Soziales lehnen das ab. Ebenso wie eine Abschussprämie von 50 Euro je Tier, wie sie Brandenburg zahlt. Begründung: „Eine Reduzierung des Schwarzwildbestandes ist nur effektiv nach dem Ausbruch.“ Das Umweltressort verweist auf andere Vorkehrungen: So habe man für 2019 umfangreiche Mittel beantragt – etwa zum Kauf von Zäunen.

Hauptrisikofaktor ist laut Loeffler-Institut ohnehin der Mensch. So werde das Virus am ehesten durch an Straßen weggeworfene, infizierte Fleischwaren aus dem Ausland verbreitet, die heimische Wildschweine fressen. Sachsen-Anhalt hat reagiert: An Raststätten werden Fernfahrer mit mehrsprachigen Schildern aufgeklärt.

Kommentar "Überzogene Forderung des Bundesverbandes" zum Thema.